„Noah“ von Sebastian Fitzek

Fitzek_Noah„Wenn die Industrienationen der westlichen Welt so weiterleben wie bisher, erleben wir 2052 den totalen Zusammenbruch.“ Nachdem bereits Dan Brown in diesem Jahr mit „Inferno“ einen Blockbuster über das Angstthema Überbevölkerung geschrieben hat, legt der deutsche Thrillerstar Sebastian Fitzek mit einem ähnlichen Schreckensszenario nach. In Noah strebt eine radikale Gruppe von Supermächtigen durch Genmanipulationen einen Massenmord an, der die Weltbevölkerung um die Hälfte dezemieren soll.

Alles, was die Pläne der Umweltextremisten, die sich „Room 17“ nennen, jetzt noch durchkreuzen kann, ist ein Video. Doch wo das Filmmaterial sich befindet, weiß nur ein Mann, der sein Gedächtnis verloren hat und spurlos verschwunden ist. Er nennt sich Noah, weil der Name in seine Handfläche eintätowiert ist. Doch weil Room 17 seine Finger in allen Schaltzentralen der Macht hat, in Medien, Konzernen und Regierungen, gelingt es ihnen, Noah eine Falle zu stellen. Es beginnt eine Hetzjagd auf ihn, die von Berlin über Amsterdam bis nach Rom führt.

Zur selben Zeit bricht auf der ganzen Welt eine grippeartige Pandemie aus gegen die nicht genug Impfmittel zur Verfügung steht. Als der Chef des weltweit größten Non-Profit-Pharma-Unternehmens, Jonathan Zaphire, verkündet, dass er das Medikament Zetflu nur noch an die arme Bevölkerung in den Entwicklungsländern ausliefern will, bricht eine Massenpanik aus. Das Militär verhängt Sperren für die Bewohner in den Elendsvierteln, damit sie nicht an Zetflu gelangen. In Quezon City, dem größten Slum von Manila, kämpft die junge Witwe Alicia darum, die Barrieren zu umgehen. Ihr Säugling ist kurz vorm Verhungern. Nur wenn die junge Frau es schafft, zu den medizinischen Versorgungsstationen außerhalb von Quezon vorzudringen, hat ihr Kind eine Chance.

„Noah“ ist mein erster Fitzek, aber es erschließt sich mir schnell, warum der Mann so viele Fans hat. Er ist der perfekte Autor für die ADHS-gestörte Internetgeneration und das meine ich gar nicht böse oder abwertend. Sein Erzähltempo ist rasant. Die Seiten lassen sich so schnell umblättern wie man über ein Tablet wischt. Kurze Kapitel, schnelle Dialoge, dynamische Szenenwechsel. Keine Längen, kein überflüssiges Rumgeier, keine „Ich fasse den Inhalt jetzt noch mal zusammen, damit auch der dümmste Leser auf dem aktuellen Stand ist“-Passagen, die den Lesefluss ausbremsen und die Seitenzahl künstlich aufbauschen.

Zudem kennt Sebastian Fitzek ähnlich wie sein Kollege Dan Brown keine Berührungsängste, Trivialliteratur mit seriösen Wissenschaftsthemen zu kreuzen. Ganz im Gegenteil. Energiekrise, Klimawandel, Dürre, Hunger – als Belletristikautor darf man diese Ängste schüren und auf die Spitze treiben. Man kann Fiktion und Fakten zu einem apokalyptischen „Was wäre wenn…?“ steigern. Man darf nach Herzenslust Weltverschwörungstheorien aufstellen (wie z.B. über die Chemtrails, die Kondensstreifen am Himmel, die angeblich unser zentrales Nervensystem benebeln) und die Bösen im Buch Dinge sagen lassen wie „Unsere Demokratien pflegen den Kompromiss, doch mit Kompromissen kann man die Erderwärmung nicht senken, Vermögen nicht umverteilen.“ So funktioniert hollywoodreifes Popcorn-Entertainment, das durch seine Zivilisationskritik einen gewissen ernsthaften Anspruch erhält.

Das Problem ist, dass der intelligente Leser bei so viel Action, so viel Krach, Showspektakel, Effekthascherei und manipulativem Knöpfedrücken gar nicht vergessen kann, dass er sich gerade in einem Unterhaltungsroman befindet. Die reale Gefahr eines Kollaps wirkt neben den kruden Weltverschwörungstheorien im Roman selbst wie ein Hollywood-Plot. Im Nachwort schreibt Fitzek, dass er sich wünschen würde beim ein oder anderen Leser einen Denkprozess in Gang zu setzen. Das ist ein lobenswerter und nachvollziehbarer Wunsch, aber ich halte ihn für illusorisch. Was der Leser bekommt, ist ein Pseudogefühl, nicht nur gut unterhalten zu werden, sondern sich allein durch die Lektüre auch kritisch mit dem Thema Umweltpolitik auseinandergesetzt zu haben. Dieses Gefühl endet dann aber auch mit dem Zuklappen der Buchdeckel, vermutet Fitzek selbst und vermute auch ich.

Größter Störfaktor in Fitzeks Buch ist meiner Meinung nach jedoch die Anwesenheit von Fitzek selbst.„Ich bin weder Wissenschaftler oder Ingenieur noch Hellseher. Ich kenne nicht die Lösungen für die dringlichsten Probleme unserer Zeit“,  heißt es im bereits zitierten Nachwort. Ich denke: Echt jetzt? Wenn Nobelpreisträger das nicht können, wer erwartet das bitte von dir? Einem Mann, der Romane schreibt, die Titel wie „Der Augenjäger“ tragen. Diesen Epilog hätte er sich echt knicken können. Mir jedenfalls hat es die Story im Nachgang jedenfalls leicht vergrätzt.

Im Privaten ist Fitzek sicher ein herzensguter Mensch, aber er ist auch Medienprofi (zurzeit in beratender Tätigkeit bei 104.6 RTL) und das macht sich für mein Empfinden leider auf anstrengende Weise auch in seiner Schriftstellerei bemerkbar. Im Zuge der Veröffentlichung von „Noah“ wagt der publikumsnahe Starautor dann auch noch einen Rekordversuch: 50 Lesungen in 7 Tagen exklusiv bei seinen Fans zu Hause. Was soll das? Vielleicht wäre er ohne diese Selbstvermarktung nicht so eine megaerfolgreich Marke geworden, unabhängig davon, dass er zweifellos ein sehr fähiger Spannungsautor ist. Wer so offensiv mit seiner eigenen Person wirbt, muss aber auch damit rechnen, dass einige Leser einen nicht so gern mögen (Verstörender als Fitzeks Psychoschocker finde ich die Tatsache, dass auf seiner Autorenpage Bilder von seiner Hochzeit und seinem verstorbenen Hund zu sehen sind.) Und deshalb bin ich mir leider nicht sicher, ob ich noch weitere Thriller von Fitzek lesen mag. Aber das wird er sicher verkraften können.

Hier geht’s zu meiner Buchkritik von „Noah“ auf 1LIVE.de

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7 Kommentare zu “„Noah“ von Sebastian Fitzek

  1. Jetzt habe ich ihn gelesen und habe mich ganz gut amüsiert… Vielleicht konnte ich unbefangener an das Buch (bzw. alle Bücher) herangehen, schließlich muss oder möchte ich es nicht rezensieren. Ich kann also durchaus nur konsumieren und muss mir von einem Buch nicht mehr erwarten. Noah hat mir also eine Menge Action geboten und auch so manchen Lacher, weil der Autor das Thema manchmal wirklich bis an den Anschlag ausreizt. Aber ich schau mir ja auch im Kino ja mal einen Action-Reisser an statt immer nur Autorenkino.
    Die Verschwörungstheorie mit den Chemtrails existiert übrigens wirklich – bestimmt lässt sich die NSA davon zu Ideen anregen! :mrgreen: lol

    • Ich habe mich auch sehr gut unterhalten gefühlt – mein Gehirn kann ich jedoch auch beim größten Actionkracher nicht an der Garderobe abgeben. Dennoch fand die Mischung aus Fiktion und Fantasie bei „Noah“ gut gelungen!

  2. Ach ja…Deine Skepsis gegenüber der medialen Selbstinszenierung Fitzeks teile ich. Aber, wie gesagt: „Ich muss ja kein Fan von ihm werden!“ Ich kannte ihn vorher überhaupt nicht. Auf der einen Seite wird das seine Gründe haben, auf der anderen Seite hat die Marketing-Maschinerie seines Verlags wohl funktioniert…

    • Hallo Stefan, ich finde auch, die Vermarktung ist Geschmackssache. Sollte dementsprechend auch gar nicht als allgemeine Kritik gemeint sein, aber mein Ding ist es halt gar nicht. Wenn ein Autor einen Thriller schreibt, der ein Kommentar auf die Umweltpolitik ist, brauche ich nicht noch ein explizites Nachwort, das um seine eigene Person kreist…naja.

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