„Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ von Haruki Murakami

Murakami_Pilgerjahre Herr TazakiÄußerlich fehlt es Tsukuru Tazaki an nichts. Und dennoch hat er vor 16 Jahren das Wertvollste verloren, das er je besaß. Seine vier besten (und einzigen) Freunde, die alle eine Farbe in ihrem Nachnamen trugen. In Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki schickt Haruki Murakami seinen Helden auf einen Selbstfindungstrip in die Vergangenheit, der ihn zu einen mysteriösen Mord führt. In Japan hat sich das Buch, das Züge einer Traumnovelle und Krimis trägt, bereits nach wenigen Tagen eine Millionen Mal verkauft.

Warum die Freunde ihn verstoßen haben, weiß Tsukuru nicht. Die drei Jungen und zwei Mädchen lernen sich in der 10. Klasse kennen und bleiben bis zum Ende ihrer Schulzeit eine eingeschworene Gemeinschaft. Sie sind wie fünf Finger einer Hand. Alles machen sie möglichst gemeinsam, um die Harmonie dieser Einheit nicht zu zerstören. Dennoch fühlt sich Tsukuru von Anfang an ein wenig ausgeschlossen, denn die anderen nennen sich in Anlehnung an ihre Familiennamen Aka (Rot), Ao (Blau), Shiro (Weiß) und Kuro (Schwarz). Nur Tsukuru bleibt Tsukuru, wie das Verb für „etwas machen“. Seinem Namen Genüge leistend verlässt er als Einziger der Fünf die Stadt Nagoya, um Bahnhofsarchitektur zu studieren.

Oberflächlich betrachtet führt der erwachsene Tsukuru ein Leben ohne große Probleme. Er ist bei der Eisenbahn angestellt, wird von seinen Vorgesetzten geschätzt. Er besitzt eine schöne Zweizimmerwohnung in Tokio. Er ist allein, aber nicht einsam. Seine Schwestern behaupten sogar, das Single-Leben sei ihm zu angenehm und er würde deswegen keine Lust haben zu heiraten. Dann aber verliebt sich Tsukuru in Sara und die merkt gleich, dass in ihrem Freund noch die Wunde von früher schwelt. Besonders skeptisch macht es sie, dass es in Tsukurus Fünferclique nie irgendwelche Romanzen gab. Tatsächlich hat er sich nur nachts erotischen Träumen mit Shiro und Kuro hingegeben, was ein untrennbares Gewirr aus Schuldgefühlen und Sehnsüchten in ihm auslöste. Sara stellt Tsukuru vor die Wahl: Entweder, er trifft sich noch einmal mit jedem Einzelnen seiner Freunde, um herauszufinden, warum sie ihn verstoßen haben, oder sie beendet die Beziehung.

Was ich keinem westlichen Schriftsteller durchgehen lassen würde, finde ich bei Murakami gerade aufregend. Figuren, die häufig wie am Reißbrett entworfen wirken (über Tsukuru heißt es, er sei „ein leerer Mensch ohne Inhalt“), die sich in Dialogen kühl und höflich analysieren, als wenn es sie selbst nichts angeht, und Pläne schmieden, die immer ohne große Komplikationen in die Tat umgesetzt werden. Ich glaube, man lernt viel über die japanische Mentalität, wenn man Murakami liest. Denn, so scheint es mir, der Japaner an sich ist nicht nur ruhig und gesittet, wenn er als Tourist im Ausland gefalteten Regenschirmen hinterher zockelt. Nein, auch in der Literatur ist der Japaner ein artiges kleines Männchen, das es gern aufgeräumt und zweckmäßig mag.

In fast aseptisch reiner Sprache, die jedem überflüssigen Füllwort entbehrt, wirken selbst die erotischen Phantasien der Hauptfigur wie ein Zahnarztbesuch. Das ist irgendwie großartig, weil wirklich alles mit dem interessierten und ungehemmten Blick eines Mediziners seziert wird. Andere Dinge dagegen bleiben unausgesprochen und rätselhaft. Denn immer lauert im Verborgenen auch eine dunkle und unbekannte Realität. Eine Schattenwelt, wo die Menschen ein zweites Gesicht haben, wie Freuds Ich und Es. Gegensätze, die keinen Widerspruch bilden, sondern eins sind. So werde ich dann plötzlich zum Kulturtouristen, der Murakamis Romanwelt wie hypnotisierenden Regenschirmen folgt und sie mit offenen Mund bestaunt wegen ihrer irritierend schönen Andersartigkeit. Genauso wenig wie ich jeden Tag Sushi essen oder einen Art House Film sehen will, möchte ich jeden Tag Murakami lesen. Aber wohldosiert bleibt’s eine besonders köstliche Delikatesse, die meinen europäischen Gaumen schult.

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26 Kommentare zu “„Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ von Haruki Murakami

  1. Ehrlich gesagt beneide ich dich gerade ein wenig um die Möglichkeit, offiziell noch nicht veröffentlichte Bücher schon vorab lesen zu können 🙂 Bei diesem Buch würde ich das auch gern können. Andererseits sagt mir mein Vernunft-Ich: Muss man wirklich immer alles sofort haben, lesen, konsumieren? Eine bedenkliche Mentalität unserer Gesellschaft, von der ich mich bei Murakami schwerlich frei sprechen kann…
    Wie auch immer: Seitdem ich weiß, dass dies Buch in DE erscheint, warte ich gespannt. Und las somit interessiert dein erstes Feedback dazu.
    Er scheint es also einmal mehr geschafft zu haben, seine Leser für sich einzunehmen, indem er unerklärliche, magische (?) Elemente mit einem trocken-kühl analysierten Dasein der Figuren verbindet. Ich liebe das. Nun kribbelt es mir unter der Haut und ich will es auch lesen. Welche Rollen spielen die Farben, was ist das Geheimnis der Freunde aus der Vergangenheit usw.
    Ein bißchen werde ich mich noch gedulden müssen. Dir auf jeden Fall vielen Dank für den wie immer offenen und unkomplizierten Vorab-Einblick ins Buch 😉
    LG Laura

    • Liebe Laura, dafür beneide ich dich um die Freiheit, die großen Klassiker lesen zu können 😉 Aber grundsätzlich ist es natürlich toll, wenn man auf den ein oder anderen Bücherschatz nicht lange Warten muss. Ich glaube, das hat nix mit Konsumwahn, Besitzenwollen oder so zu tun, sondern einfach mit der Sucht nach neuen Geschichten und Wertschätzung guter Autoren. Für mich ist Herr Tazaki in diesem Sinne ein perfekter Murakami, den ich fast in einem Rutsch gelesen habe, weil ich auch ständig hinter das Geheimnis der Fünf kommen wollte. Aber Vorfreude, meine Liebe, ist doch die schönste Freude, also genieß es noch ein bisschen 😉

  2. Liebe Karo,

    ich danke dir für deine Eindrücke, die sehr verlockend klingen. Ich habe mir das Buch gestern gekauft, weil ich nicht widerstehen konnte – dabei bin ich mit den Romanen von Murakami bisher eigentlich immer nicht zurecht gekommen. Um so gespannter bin ich nun auf dieses Lektüreerlebnis …

    Liebe Grüße
    Mara

    • Ach, Mara, ich bin jetzt auch keine große Murakami-Jüngerinnen, fand Herrn Tazaki aber sehr zugänglich und richtig spannend. Ich würde wetten, dass er dir gefällt. Und ist das transparente Cover nicht der Wahnsinn? Hab viel Spaß mit der Lektüre!

  3. Klingt sehr interessant, liebe Karo! Ich hatte bisher nur Kafka am Strand (fand ich großartig) und die Gefährliche Geliebte (fand ich so lala) von ihm gelesen. Das hier könnte was für mich sein … Liebe Grüße!

  4. Hi Karo, eine interessante Rezension!
    Amüsiert hat mich Saras Variante der Brachialpsychotherapie. „Ich schick‘ Dich in die Wüste, wenn Du Dein Oberstübchen nicht picobello aufräumst!“
    Ja, so seid Ihr Frauen! (grins, duck und weg…)
    Ach ja (mutig nochmal umkehr‘) – eine Beziehung mit ihm könnte sie sich dennoch vorstellen, obwohl sein Kopf ist wie Flasche leer? Das Leben hält schon wundersame Wendungen bereit… 😉
    Grüße von Stefan

  5. Liebe Karo,
    ich bin schon seit meinem Studium des Verlagkatalogs ganz neugierig auf Herrn Tazaki und nun hast Du diese Neugier noch wesentlich vergrößert. Obwohl ich mal gespannt bin, wie ich mit den magischen Aspekten klar komme, denn normalerweise ist das nicht so meins. Dafür gibt es ja aber die distanzierte, sachliche Sprache. Ich freue mich schon…
    Viele Grüße, Claudia

    • Liebe Claudia, die Verlagskataloge durchzustöbern ist ja immer wie Weihnachten und Geburtstag zusammen – wobei ich dann gleichzeitig total frustiert feststelle, dass ich es nie schaffen werde, all diese Bücher, die sich so gut anhören, zu lesen cry 😥
      Die magischen Elemente beim Herrn Tazaki sind sehr fein gestreut. Ich würde sogar behaupten, sie lassen sich dezent ignorieren, wenn man möchte. Du wirst schon sehen 😉

      • Da stimme ich Dir hundertprozentig zu: die Verlagkataloge sind aufgeregt-freudiger Frust :-). Herr Tazaki muss noch etwas warten, aber immerhin kann ich mir das farbenfrohe Cover schon einmal anschauen, denn gerade wusel ich mich durch Brigitte Kronauers „Gewäsch und Gewimmel“, ein zeitraubendes, aber interessantes Buch.
        Viele Grüße, Claudia

      • Ooooh ja, Herr Tazaki gewinnt definitiv schon mal den Frühjahrspreis für die schönste Umschlaggesaltung! Vom „Gewäsch und Gewimmel“ habe ich schon viele ausgezeichnete Kritiken gelesen. Bin gespannt, was du darüber zu berichten haben wirst…Lg, Karo

  6. Pingback: (Die Sonntagsleserin) KW #02 – Januar 2014 | Bücherphilosophin.

  7. Eine richtig tolle Besprechung! Und in der Tat, diese magischen Elemente, mit denen ich sonst so wenig anfangen konnte, halten sich hier in Grenzen. Viel wichtiger ist die Aufklärung der Geschichte. Es ist beinahe eher ein Krimi, denn so ein klassischer Murakami. 😉

    • Danke, Sophie, fürs Lob! Mir haben die Krimi- oder Detektivelemente auch am besten gefallen. Das ist halt was „Handfestes“, mit dem man etwas anfangen konnte. Was es z.B. mit der Geschichte von Haidas Vater in den Bergen auf sich hat, habe ich nicht kapiert. Aber gerade, dass nicht alles einen logischen Sinn ergibt macht wiederrum den Reiz aus. Lg, Karo

  8. Hallo Karo, Dein letzter Satz im vorhergehenden Kommentar bringt es auf den Punkt: „Aber gerade, dass nicht alles einen logischen Sinn ergibt macht wiederrum den Reiz aus“
    Ich denke das ist es, was Murakami für mich so anziehend macht. Es gibt offene Enden und ungeklärte Phänomene, die einen dazu einladen die eigene Phantasie zu bemühen, was mir viel Spaß macht. Dabei frage ich mich allerdings manchmal, ob jeder Punkt der mich stutzen lässt, genauso unerklärlich für einen japanischen Leser wäre, oder ob nicht die ein oder andere Stelle einfach nur ein Bild aus der japanischen Mythologie oder Mystik ist, die für einen Japaner gerade so leicht zu verstehen ist, wie für uns ein Motiv aus dem Nibelungenlied.

    • Hi chrischo, vielen Dank für dein positives Feedback 🙂 Voll witzig, weil mir die Frage nach den japanischen Lesern auch schon so oft durch den Kopf geschossen ist. Ich lese immer wieder, dass Murakami in Japan als sehr westlicher Autor gilt – wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen und genau das macht seine Anziehungskraft sowohl für europäische als auch asiatische Leser aus. Aber einige Motive entgehen unseren westlichen Lesegewohnheiten mit Sicherheit. Letztens erst habe ich in einer Murakami-Rezension gelesen, das jede der Farben der vier Freunde im Roman für ein Symbol in der japanischen Kultur steht, also weiß z.B. für den Tod. Die einzige Grundfarbe, die keiner ausfüllt, ist Gelb. Das wäre also Tsukurus Farbe und es steht für den Kaiser. Schön, oder? Lg, Karo

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