„Der menschliche Körper“ von Paolo Giordano

Giordano_Der menschliche KörperEs ist ihr erster Militäreinsatz. Es riecht nach Abenteuern und Testosteron. An den Tod denkt niemand, schließlich kommt man in friedlicher Absicht. Doch dann entwickelt sich die Krisenintervention in Afghanistan für die italienischen Soldaten zum Alptraum. Einige von ihnen (oder Teile von ihnen) werden im Leichensack zurückkehren. In Der menschliche Körper beschreibt Paolo Giordano den Krieg mit so erschütternder Intensität, dass einem schlecht werden kann. Und das ist gut so!

Wer das Buch aber erstmals in die Hand nimmt, der könnte etwas missverstehen. Man kann zwar gerade noch erahnen, dass der junge Mann auf dem Cover ein Barett trägt, die innige Szene deutet aber eher auf ein Liebes- als auf ein Kriegsdrama hin. Auch der wenig aussagekräftige Klappentext „Ein Meisterwerk über das Entstehen von Gefühlen. Emotional. Existenziell. Eindringlich“ führt eher in die Irre, als dass er hilft. Natürlich geht’s um Gefühle. Um das Gefühl, wenn man mitten in der Wüste vor seinen Kameraden in einen Helm scheißen muss oder wenn der beste Freund vor den eigenen Augen durch eine Bombe zerfetzt wird. Vielleicht wollten Giordanos Verleger im In- und Ausland die Fans seines gefühlvollen Bestseller-Debüts „Die Einsamkeit der Primzahlen“ nicht verschrecken. Die Frage ist, ob sie dem Zweitling mit dieser Trojanischen Pferd-Taktik wirklich einen Gefallen tun oder ob der ein oder andere Leser angesichts falscher Erwartungen nicht enttäuscht sein wird.

Die fiktive Handlung beschreibt die Erlebnisse des dritten Zuges der Kompanie Charlie, die im Distrikt Gulistan der Provinz Farah in Afghanistan stationiert ist. Nervös flackert die personale Erzählperspektive dabei zwischen den Truppenmitgliedern hin und her. Gerade am Anfang ist das verwirrend. Wenn man aber erst einmal durchgestiegen ist, wer hier wer ist, entwickelt gerade diese komplexe Vielstimmigkeit eine unaufhaltsame Wucht. Es gibt Hauptfiguren, Nebencharaktere, gesichtslose Statisten, die nicht mehr als ein Name bleiben. Zusammen bilden sie einen kollektiven Körper, der schwitzt, rülpst, verdaut. „Unter ihnen herrscht vollkommene Freiheit, eine fast obszöne Freiheit, für sie alle ist der Körper der anderen nicht weniger vertraut als der eigene.“ Und doch bleibt jeder über diese dinghafte Verbundenheit der Leiber hinaus allein und auf sich gestellt.

So wie Feldwebel René, der gewissenhafte Zugführer, der seinen Jungs versucht ein verantwortungsvolles Vorbild zu sein, selbst aber zaudert vor der Entscheidung, ob das ungeborene Kind mit einer flüchtigen Bettbekanntschaft leben soll oder nicht. Oder Obergefreiter Ietri, der kein Problem hat, mit seiner Mutter in einem Bett zu schlafen, aber in der Gegenwart anderer Frauen kaum ein Wort herausbringt. Da ist das großkotzige Arschloch Cederna, der seine Kameraden gern geschmacklose Streiche spielt. Zampieri, die einzige Frau des Zugs, die nicht mal mit der Wimper zuckt, wenn die Jungs in der Kaserne Pornofilme schauen. Es sind zu viele, um sie alle einzeln aufzuzählen.

Keiner von ihnen ist je in ein echtes Feuergefecht verwickelt gewesen. Bis zu dem Tag, an dem sie den Befehl erhalten, ihren Stützpunkt zu verlassen und einheimische Zivilisten durch ungesichertes Taliban-Gebiet zu begleiten. Die Gegend ist verseucht von IEDs, selbstgebastelten Sprengkörpern, die im Boden vergraben sind. Hinter jedem Felsvorsprung können Heckenschützen lauern. Der dritte Zug Charlie bildet die Nachhut des Konvois. Was dann passiert, ist eine Verkettung unglücklicher Umstände. Es kommt zur Katastrophe, welche sich für immer tief in die Seele der Überlebenden einbrennt.

Letztes Jahr im März habe ich hier „Die Sonne war der ganze Himmel“ von Kevin Powers vorgestellt, das ebenfalls von jungen Soldaten im Afghanistan-Krieg handelt. Im Nachhinein war das der beste Roman, den ich 2013 gelesen habe! Unweigerlich hatte es „Der menschliche Körper“ deshalb zunächst schwer bei mir. Erst nachdem ich die Buchdeckel ganz zum Schluss zugeklappt habe, ich also die ganze Geschichte kannte, und mir die Erzählung noch Tage später in den Knochen hing, wurde mir die ganze Tragweite und Großartigkeit von Giordanos tief verstörendem Werk klar.

Könnt ihr euch noch an den Moment erinnern, wo ihr Stanley Kubricks „Full Metal Jacket“ zum ersten Mal gesehen habt? Ihr wusstest, das ist großes Kino, aber ihr wolltet den Film trotzdem kein zweites Mal sehen, weil er euch fertig gemacht hat. Ähnlich ging es mir hier. Mein Unbehagen rührte vor allem daher, dass es keine wirklichen Sympathieträger im Roman gibt. In Kevin Powers Ich-Erzähler konnte ich mich damals einfühlen wie in kaum eine andere Romanfigur zuvor. Aber Paolo Giordanos Soldaten muss man erst lernen zu lieben, denn sie sind Arschlöcher, Feiglinge, Kriecher, Verräter – weil sie jung sind, formbar, unerfahren. Das macht sie so unglaublich nahbar und authentisch. Der Krieg hat schon immer das Beste und das Schlechteste im Menschen hervorgebracht. Steht es mir auf meinem bequemen Sofa zu, darüber zu urteilen? Gioradano ist es gelungen, mich aus meiner Komfortzone rauszuholen, mich etwas spüren zu lassen, das an Hohlspitzgeschosse in den Eingeweiden erinnert. Dieses Buch ist eine Waffe, die Wunden schlägt. Na, hast du jetzt Angst oder bist du mutig genug?

Es gab schon längere Zeit keine „Soundtrack zum Buch“-Empfehlung mehr. Hier kommt eine von OK Kid. Die Lyrics von „Einsatz“ bedürfen zwar eine gewisse Umdeutung, aber die Grundstimmung des Songs passt perfekt!

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10 Kommentare zu “„Der menschliche Körper“ von Paolo Giordano

  1. Eine eindringliche und gelungene Rezension, liebe Karo.
    Aber ich fürchte, ich bin nicht mutig genug. Oder will es nicht sein. Manchmal reicht das Wissen um das Grauen – ich muss es ja nicht unbedingt noch persönlich einladen…
    Beste Grüße von Stefan

    • Danke, Stefan! Auch für deine ehrliche Antwort, was die Auseinandersetzung mit dem Thema angeht – vielleicht hätte ich den Roman auch nicht gelesen, wenn ich gewusst hätte, wie krass er ist. Aber im Nachhinein bin ich froh, es getan zu haben. Wie bei ner Achterbahnfahrt – vorher Schiss, nachher dicke Hose 😉 Lg, Karo

  2. Liebe Karo,

    ich gestehe: ich habe deine Rezension nur quer gelesen, dies hat aber auch einen Grund, denn ich habe mir das Buch just gestern gekauft. Das, was ich beim Querlesen erhaschen konnte, verführt mich nun aber dazu, dass Buch schnellst möglichst zu lesen. Natürlich muss man sich fragen, ob man über das Grauen wirklich noch etwas lesen muss, aber ich erinnere mich noch gut an „Matterhorn“, das mich sehr beeindruckt hat. Letzte Woche erst las ich einen israelischen „Kriegsroman“. Ich bin gespannt auf dieses Buch.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Lieber Uwe, da geht es dir wie mir: Konstruktive Kritik in einer Buchvorstellung finde ich immer wichtig und hilfreich. Das heißt ja noch lange nicht, dass ein Roman nicht gut und empfehlenswert ist. Und nur weil ich z.B. am Anfang nicht durch alle Figuren durchgestiegen bin, heißt das ja noch lange nicht, dass jeder Leser so verpeilt ist 😉 Herzlichst, Karo

  3. Du hast recht, liebe Karo, alles an der Verpackung schreit nach einem Liebesroman – was du da aber schreibst, finde ich so viel spannender (nichts gegen Liebesromane, wenn sie gut geschrieben – und am besten tragisch 😉 – sind). Ich muss gestehen, dass ich Giordanos Debüt nicht gelesen, aber ich habe es noch vor. Doch dieses hier ist so viel reizvoller – danke dir für die eindringliche Rezension!

    • Liebe Caterina, wenn du gern gut geschriebene und tragische Liebesgeschichten magst – dann solltest du vielleicht doch in Erwägung ziehen auch Giordanos Debüt zu lesen. Aber ich schwöre dir: Wenn du „Der menschliche Körper“ gelesen hast, wirst du das eh tun. Dieser Mensch ist ein Ausnahmetalent! Herzlichst, Karo

  4. Pingback: Die Sonntagsleserin – 3. KW 2014 | buchpost

  5. Pingback: Die Sonntagsleserin #KW 3 | Literaturen

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