„Straight White Male“ von John Niven

deepread_Straight White MaleMit „Kill your friends“ kredenzte John Niven dem Publikum 2005 eine saftige Satire auf das Musikbiz. Der Roman brachte ihm Kultstatus ein und insgeheim hofften wahrscheinlich viele, der Schotte möge noch einmal wiederholen, was er damals zur Perfektion gebracht hat: die Kreativ- und Medienbranche, die er als Ex-Platten-Manager so gut kennt, richtig böse aufs Korn nehmen. Jetzt hat Niven es wieder getan! Diesmal aber rechnet er mit der Film- und Literaturindustrie ab. Straight White Male ist eine vergnügt garstige Lästerei auf die Klapsmühle namens Hollywood und den Californication-Lifestyle ihrer Bewohner. Vergesst Charlie Sheen, vergesst Hank Moody – hier kommt Kennedy Marr!

Einst war Kennedy Marr der jüngste Schriftsteller, der es je auf die Shortlist des Booker Prize geschafft hat. 5 Millionen verkaufte Bücher pflastern seine Karriere. Doch das ist lange her. Jetzt, mit 44 Jahren, ist aus dem einstigen Arbeiterjungen aus Limerick und aufstrebenden Talent ein saufender, kettenrauchender und dauergeiler Hurenbock geworden, der die dicke Kohle scheffelt, indem er keine große Literatur schreibt, sondern mittelmäßige Drehbücher aufpimpt: „In Kennedys Augen hatte dieses Berufsbild mehr mit einem Nazi-Arzt gemein, musste er doch im Rahmen seiner Tätigkeit regelmäßig völlig unnötige Operationen an kerngesunden Patienten durchführen, um die Ängste panischer Studiobosse, Produzenten oder Stars zu beschwichtigen, die alle der Überzeugung waren, dass eine weitere Überarbeitung ihrem Film den Arsch retten würde.“ 

Doch all die obszön hohen Summen, die das irische Großmaul als Skript-Doktor einstreicht, reichen nicht aus, um seinen kostspieligen Lebensstil zu finanzieren. Die ständigen Gerichtsverhandlungen wegen sexueller Nötigung und Störung der öffentlichen Ordnung, die Unterhaltsleistungen an seine Ex, irrwitzige Restaurantrechnungen, der Aston Martin DB9…all das kostest Geld. Steuerschulden im Wert von 1,4 Mio Dollar haben sich angehäuft. Glücklicherweise ziehen seine PR-Agenten gleich zwei fette Deals an Land, die die Schulden auf einen Streich begleichen könnten: Kennedy soll das Filmbuch für einen Kino-Blockbuster mit Hollywoods heißesten (und zickigsten) Jungstars schreiben und er soll ein Semester lang als Gastdozent Literaturstudenten unterrichten. Die Sache hat nur einen Haken: Für beide Jobs muss Kennedy ausgerechnet in seine persönliche Vorhölle zurück, nämlich nach England. Dort liegt nicht nur gerade seine Mutter im Sterben, sondern warten auch Ex-Frau Nr. 1 und die mittlerweile 16-jährige Teenietochter.

Sein Leben lang ist Kennedy vor Problemen davon gerannt. Das Problem ist: ab vierzig wird man etwas zu alt zum Rennen. Und die Leichen, die man auf dem Rücken trägt, werden immer schwerer. Und dann ist da noch dieser kleine Knubbel, der auf Kennedys Geschlechtsteil wächst. Jenes Teil, das ihm, wenn er recht überlegt, nichts als Ärger eingebracht hat – und ihn 2,25 ungeschriebene Bestseller gekostet hat, die er stattdessen mit Masturbation verbracht hat. „Vielleicht gehörte er in Therapie. Dann erinnerte er sich: Er war ja in Therapie.“ Er würde seine rechte Hand dafür geben, sich den Geburtstag seiner Tochter merken zu können. Aber alles, was sein Gedächtnis fähig ist abzuspeichern, ist die Beschaffenheit von gut geformten Hintern, die er mal vernascht hat.

Raue Schale, softer Kern – diese Formel trifft nicht nur auf den Antihelden des Romans zu, sondern auch auf die Story an sich. Diese startet erstmal krachermäßig und ohne Rücksicht auf Verluste durch. Versaute Multiple-Live-Sex-Chats, eingepieselte Designer-Anzüge auf Emanzen-Lesungen und Single Malts zum Frühstück. Jede Eskapade wird in ihrer obskuren Bösartigkeit noch von der nächsten übertroffen. Das ist zum Heulen komisch und schreit geradezu nach einer Verfilmung.

Zum Heulen ist dann aber auch, wie sich der Roman ganz schleichend zum Rührstück wandelt. Die letzten Seiten fühlen sich dann nur noch wie der Kater danach an, wenn man schwört: „Nie wieder Alkohol!“ Das Ende wirkt irgendwie schäbig, feige, inkonsequent und sollte am besten ganz schnell wieder vergessen werden. In Anbetracht der Tatsache, dass ich den Roman davor einfach nur für seine geile Unverfrorenheit abgefeiert habe, sehe ich da gern drüber hinweg und schiebe den Sinneswandel  einfach mal darauf, dass Niven beim Schreiben sich selbst im Blick gehabt hat. Immerhin wird der Mann dieses Jahr selbst 42, also fast so alt wie seine Hauptfigur. Vielleicht fehlte ihm der Mumm, seinen kotzbrockigen Protagonisten ganz vor die Hunde gehen zu lassen – und jeder Straight White Male, jeder weiße Hetero, der sich in dem Charakter irgendwie wiedererkennt, wird es ihm wahrscheinlich danken und für sich selbst Hoffnung schöpfen.

„Kill your friends“ wird ja 2014 verfilmt und sollte auch je „Straight White Male“ es auf die Leinwand schaffen, dann bitte mit „La Breeze“ von Simian als Titelsong (und Colin Farrell in der Hauptrolle) – passt wie Arsch auf Eimer!

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9 Kommentare zu “„Straight White Male“ von John Niven

  1. hm, habe das neue jahr hauptsächlich mit kindlichen fantasy büchern alà harry potter verbracht (einfach um mir einen möglichst realitätsfernen und kuscheligen jahresanfang zu schenken), aber das klingt nach einer guten abwechslung. vielen dank für die rezension.

    LG, Antonia

  2. Ich hab das Buch gerade beendet und muss sagen, dass es mir zu krass war. Ich hatte von Niven bisher „Music from Big Pink“ und „Gott bewahre“ gelesen, die mir um einiges besser gefallen hatten. Ich vermute, wäre ich ein „straight white male“, dann hätte ich um einiges mehr Spaß an diesem Buch gehabt 😉

    LG, Katarina 🙂

    • Liebe Katarina, ooh, ich freu mich immer so sehr über andere Meinungen zu einem Buch 😀 Ich fand es vor allem irritierend, wie krass die Story beginnt und wie pathetisch sie dann im Grunde endet – als wenn man zwei verschiedene Romane liest. Und ja, ich find es auch immer wieder schön, ein Mädchen und kein versoffener alter Sack zu sein 😆

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