„Der Hof“ von Simon Beckett

Beckett_HofDrei Jahre mussten Fans auf neuen Lesestoff von Simon Beckett warten. Selbst für seine Verhältnisse sei das ganz schön lang, gibt der Bestsellerautor in der Danksagung zu seinem Psychothriller Der Hof zu, was ich sehr sympathisch finde. Mit seiner forensischen David-Hunter-Reihe (ihr wisst schon: „Kalte Asche“, „Verwesung“…) ist der Brite vor allem in Deutschland eine literarische Berühmtheit geworden. Ein großer Name allein macht aber leider noch kein gutes Buch.

Dabei fängt alles so spannend an! Ich-Erzähler Sean ist auf der Flucht vor der Polizei. Er hat sich aus London nach Südfrankreich abgesetzt und trampt jetzt getarnt als Rucksacktourist in der flirrenden Sommerhitze über einsame Landstraßen. Zufällig gerät er dabei auf das Waldstück des Bauern Arnaud, wo er sich in einer rostigen Bärenfalle fast den Fuß abhackt. Arnauds Töchter Mathilde und Gretchen können den Verletzten gerade noch aus dem Eisen befreien. Weil ihr Vater das martialische Ding aber illegal aufgestellt hat (und zwar nicht gegen Bären, sondern unliebsame Nachbarn), bringen die Frauen ihn nicht ins Krankenhaus, sondern päppeln ihn auf dem Hof wieder auf. Ein baufälliges Gemäuer umgeben von Nichts als einem dichten Kastanienwald und einem spiegelglatten See. Hier scheint die Zeit still zu stehen. Es gibt kein Telefon, keinen Computer, das Gelände ist mit Stacheldraht umzäunt. Schnell wird Sean klar, dass nicht nur er ein Geheimnis verbirgt, sondern auch seine Gastgeber etwas gezielt vor der Außenwelt verstecken. Und er scheint nicht der erste Fremde zu sein, dessen Spur sich auf dem Hof verliert….

Wie so oft wählt Beckett ein abgelegenes Plätzchen sowie eine überschaubare Zahl an Figuren für seinen Plot, sodass sich eine fast kammerspielartige Atmosphäre einstellt. Das Problem ist, dass man durch diese beschränkten Mittel auch sehr schnell darauf kommt, welche Geheimnisse dieser Ort womöglich birgt. Das ging mir aber auch schon bei Becketts Debüt „Chemie des Todes“ so, den einzigen anderen Krimi, den ich bisher von diesem Autor gelesen habe. Damals wusste ich auch ziemlich flott, wer der Mörder ist (es war der Gärtner, wenn ich mich recht entsinne, und es hatte irgendwas mit einer speziellen Blumenerde zu tun). Hey, ich bin wirklich keine detektivische Leuchte, aber auch in „Der Hof“ blinken die etwas zu auffällig platzierten Hinweise wie große Neon-Werbetafeln in der Wüste.

Ich hab das Buch dennoch fast in einer Rutsche weggelesen. Allerdings nicht, weil ich mir vor Spannung fast den Nagellack vom Finger geknibbelt hätte, sondern weil ich natürlich wissen wollte, ob ich mit meinen Vermutungen recht behalten würde. Ich fand es dann auch durchaus interessant zu beobachten, wie die einzelnen Fäden zu einem durchaus catchy Showdown im Mondenschein zusammenlaufen. Für mich war aber der eigentliche Star des Romans der titelgebende Hof. Beckett schildert den Verfall des Anwesens wie die Verwesungsstadien einer Leiche, in allen schillernd morbid-verrotteten Farben. Man riecht den Moder und den Schimmel.

„Der Hof“ bietet also viel Sphäre, aber auch viel heiße Luft. Denn allein ein unheimlicher Ort trägt noch keine Geschichte. Vielleicht ist es aber auch ein großes Missverständnis, diesen Roman als „Thriller“ zu bezeichnen (was blöderweise explizit auf dem Cover steht). Beckett selbst wehrt sich in einem Interview auf seiner Homepage gegen dieses Genre-Korsett. Er will sich nicht unbedingt als Spannungsautor verstanden wissen. Das ist okay, vielleicht aber auch zu vage. Denn um mehr oder anders zu sein, psychologisiert oder poetisiert er zu wenig. Auf welcher Mission ist dieser Mann also? Ich jedenfalls bin unschlüssig, was ich von diesem Roman halten soll. Als Thriller ist er bestenfalls Durchschnittsware. Möglicherweise würde das Buch sogar in der Masse komplett untergehen, wenn nicht Beckett draufstehen würde. Für Fans ist der Roman möglicherweise ein Fest, das fällt mir schwer zu beurteilen. Für alle anderen ist „Der Hof“ kein Must-have für diese Saison. Nach dem neuen Don Winslow die nächste große Enttäuschung.

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9 Kommentare zu “„Der Hof“ von Simon Beckett

  1. Ich habe den gestern Abend zu Ende gelesen und sehe das im Prinzip genau wie du. Und das, obwohl ich Fan bin, was aber leider eher dazu verleitet, mit den falschen Vorstellungen an das Buch heranzugehen. Ich habe es auch immer mal wieder weglegen müssen, weil einfach nichts passierte… Und dann die Auflösung auf ein paar Seiten gequetscht. Über einen Teil 5 der David Hunter Reihe hätte ich mich mehr gefreut.

    • Aaah, endlich eine Meinung aus Fan-Sicht. Danke, liebe Sabrina, dass du deinen Eindruck hier geteilt hast – und „geteilt“ wohl im wahrsten Sinne des Wortes, da wir sehr ähnlich empfinden. Dann hat mich meine Wahrnehmung wohl doch nicht getrügt 🙂 lg, Karo

  2. Habe mich schon auf deine Rezension gefreut. Bin mal gespannt, wie mir das Buch gefällt – habe es mir schon in der Bücherei vorbestellt. Bis auf die Bücher der David Hunter-Reihe, habe ich all seine Bücher gelesen. Die wurden auch mit Thriller beworben, wovon sie teilweise echt weit entfernt waren. Viele Grüsse, Corinna

    • Liebe Corinna, also wenn dir die Erzählstruktur und düstere Stimmung in den Beckett Büchern gefällt, dann magst du den „Hof“ bestimmt! Ich denke, es hat wirklich viel mit der Erwartungshaltung zu tun, also wie man an diesen Roman herangeht….Herzlichst, Karo

  3. Die Erwartenshaltung ist wohl recht groß, wenn man einen Beckett in die Hand nimmt… Ist das sein erster Roman außerhalb der Hunter-Reihe? Ich kenne mich mit Beckett nicht soo sehr aus…

    • Stimmt, dass die Erwartungshaltung groß war, haben auch die vielen Vorbestellungen im Internet gezeigt. Dadurch war das Buch bereits vor Verkaufsstart ungelesen ein Bestseller.
      Beckett hat übrigens bereits einige andere Thriller außerhalb der David-Hunter-Reihe veröffentlicht. Ob die gut sind, kann ich nicht beurteilen…

      • Ich fand alle nicht-Hunter-Teile dem „Hof“ relativ ähnlich, was Handlung und Spannung angeht. Seeehr schleppend. Ich denke, die kann man gut auslassen.

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