„Die unterirdische Sonne“ von Friedrich Ani

deep read_die unterirdische sonneWo sind all die Kinder hin, die als spurlos vermisst gelten? Was ist ihnen widerfahren? Wie geht es ihnen? Was fühlen sie? Friedrich Ani beantwortet diese quälenden Fragen in seinem Roman Die unterirdische Sonne mit dem erschütterndsten aller möglichen Szenarien. Darin beschreibt er das Schicksal einer Gruppe von Teenagern, die auf einer Insel gefangen gehalten und von ihren Entführern missbraucht werden. Die Hoffnung, irgendwie doch noch gerettet zu werden, hält sie am Leben.

Es ist der krasseste Stoff, den man sich als Schriftsteller aussuchen kann (und dann auch noch für ein Jugendbuch – ab 16 Jahren). Einer, an dem die meisten wohl scheitern würden. Nicht so Friedrich Ani, der sich irgendwie klammheimlich – die große Geste scheint nicht so sein Ding – vom Geheimtipp zu einem der virtuosesten kriminalistischen Erzähler für junge und erwachsene Literatur im deutschsprachigen Raum entwickelt. Das Hamburger Abendblatt schreibt über Ani: „Wer seine Geschichten liest, lernt anders zu denken.“ That’s it. Es ist, als ob man Morpheus‘ rote Pille schluckt und hinter die Matrix blickt. Wer einmal Ani liest, für den gibt es kein Zurück. Jedenfalls für mich nicht – ich bin so angefixt, dass ich jetzt am liebsten ALLES von ihm lesen würde. Seine Erzählkunst ist dunkle Magie. Und wie in der Zauberkunst geht es nicht nur darum, was man sieht, sondern das, was man gerade nicht sieht. Was gesagt werden kann und was nicht.

So handelt sein Roman nicht davon, was genau die Täter den fünf Jugendlichen antun, wenn sie sie immer wieder aus ihrem Kellerverlies nach oben ins Haus holen. Denn wer es wagt, über „oben“ zu sprechen, der stirbt. Der Roman handelt vom Keller,  dem Paralleluniversum aus wenigen Quadratmetern, in dem die jungen Helden ihr Dasein auf Matratzen und bei spärlichem Licht fristen. Dort unten sind sie allein unter sich (bis auf die Kamera, die sie beobachtet), eingesperrt mit ihren Hoffnungen, ihren Ängsten und Alpträumen. Der Roman handelt davon, wie sie langsam jeden Mut verlieren, sich mit letzter Kraft an ihre verblassenden Erinnerungen und ihren bröckelnden Glauben klammern. Und von Geschichten, die sie füreinander erfinden und sich gegenseitig in der Dunkelheit erzählen. Geschichten, in denen sie ihre Autonomie zurückerlangen, in denen Wunder und Rettung möglich erscheinen, wo am Ende alles gut wird. Bis die Entführer in einer Demonstration ihrer Macht einen von ihnen wirklich töten.

Die Story ist eine explosive Mischung aus Thriller, Drama, Horror, Märchen, Liebes- und Freundschaftroman, der jede Grenze sprengt. Er ist aber weder Betroffenheitsliteratur noch führt er seine Protagonisten vor. Was mich am meisten beeindruckt hat, ist wie Ani seinen jungen Helden ihre Würde zurückgibt, die die Täter ihnen geraubt haben. Man spürt zwar beim Lesen eine permanente Beklemmung, die wie eine dünne Eisdecke im Magen liegt, aber das Buch setzt all der Grausamkeit etwas entgegen, das viel stärker ist: Liebe. Man findet sie in Sätzen, die man wegen ihrer besonderen Schönheit immer wieder liest, bis sie durch das Wiederlesen Funken bilden und es anfängt zu knistern: „Jedes Mal, wenn Leon an seinem Blut roch, freute er sich, dass es zu ihm gehörte.“ oder „ihr Stottern war nichts als das Lächeln ihrer Stimme“. Sogar ein Gedicht hat Ani seinen Jugendlichen in die Geschichte hinein geschrieben wie ein kleines Lagerfeuer in der Nacht: „Sie glaubten, dass sie Schatten / wären, weil sie mundtot unterm / Erdreich hausten, weggesperrt wie Ratten.“

„Man wird dieses Buch nicht einfach so lesen können und weglegen. Sondern, ich glaube, wenn man sich dem aussetzt, dann im wahrsten Sinne Feuer fängt und mit diesen Figuren durch das Feuer durchgeht“, sagt Ani im Video-Interview auf der Verlagsseite. Sich dem Thema Kindesmissbrauch und -entführung auszusetzen, wird vielen Lesern schwerfallen. Dazu kann ich nur sagen: Das ist sehr, sehr schade und auch ein bisschen dumm. Denn jeder, der diesen Ausnahmeroman nicht liest, verpasst etwas! Eine Leseerfahrung, die dein Leben vielleicht nicht verändert, aber die so einzigartig ist, dass sie in dieser Art in keinem anderen Buch zu finden ist. Doch sei gewarnt: Ani macht süchtig.

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11 Kommentare zu “„Die unterirdische Sonne“ von Friedrich Ani

  1. Ich bin ja schon süchtig, habe etliche der Tabor Süden-Krimis von Ani verschlungen. Aber dieses scheint noch viel abgründiger zu sein. Danke für diese fantastische Rezension! Die ist schon ein Lesevergnügen für sich!

    • Liebe Petra, ich habe schon so viele begeisterte Stimmen über die Süden-Krimis gehört. Es scheint, als ob Friedrich Ani das Thema „Vermisste“ nicht mehr los lässt und auch mich lässt seine Art zu schreiben gerade nicht mehr los…deshalb will ich bald unbedingt mehr von ihm lesen! Herzlichst, Karo

  2. Von Dir ein bisschen dumm genannt zu werden – damit kann ich sehr gut leben.
    Zumal Du mich weder kennst – also ein Pauschalurteil sprichst – noch eigene Kinder hast, weswegen Du in dieser Sache gar nicht wirklich mitreden kannst.
    Als Vater einer halbwüchsigen Tochter im „attraktiven Alter“ kann ich nur sagen, daß es wohl kaum etwas Schlimmeres gibt, als die Vorstellung, daß eben das geschehen könnte.
    Ich bin eigentlich ein friedfertiger und eher besonnener Mensch, aber den Menschen, der das meiner Tochter antäte, würde ich umbringen, wenn ich seiner habhaft werden könnte und das nicht einmal im Affekt. Das spricht für Deine Theorie, daß ich nicht übermäßig schlau sei, wäre aber eine Tatsache.

    • Hallo Stefan, ich wollte deine Gefühle als Vater auf keinen Fall verletzen. Das weißt du aber sicher auch 🙂 Ich denke jedoch, dass man auch vor heftigen, unangenehmen Themen nicht die Augen verschließen darf. Zudem setzt Friedrich Ani gerade nicht auf Brutalität oder Schockeffekte, sondern macht nur sehr wenige Andeutungen über die Verbrechen, die eh nicht in Worte zu fassen sind. In dem Sinne nimmt Friedrich Ani auch Rücksicht auf den Leser, sodass ich persönlich den Roman sehr gut aushalten konnte, ohne das Gefühl zu haben, hier wird etwas beschönigt. Vielleicht hätte ich das im Zusammenhang mit der Formulierung „dumm“ einfach etwas konkreter erklären sollen 😉 Lg, Karo

      • Deine Formulierung war provokativ und ich habe mir gedacht, ich provoziere mal zurück 😉
        Ich bin aber nicht Deiner Meinung. Man sollte zwar auch als Elternteil seine Augen nicht vor diesen Dingen verschließen – wie sollte man sonst auch seinen Kindern ein Problembewusstsein dafür schaffen… das heißt aber noch lange nicht, daß ich mich gezielt in das Thema eindenken oder einlesen muss! Ich empfinde die Vergewaltigung von Kindern – und erst Recht fortgesetzten Missbrauch als Psychofolter – als eine der schlimmsten Perversionen, derer sich ein Mensch schuldig machen kann. Ich weiß, daß es das gibt – aber eigentlich sollte es das nicht. Es ist unmenschlich.
        Daher berührt mich der Gedanke daran und schüttelt mich durch. Ich kann einem Befassen mit dem Thema nichts Gutes abgewinnen.
        Ich war gerade mit meinem Hund unterwegs, begleitet von einer Bekannten, ebenfalls mit Hund. Sie hat auch zwei Kinder. Ich habe ihr von Deiner Rezension erzählt und sie sagte, als alter Krimifan sei sie da wenig empfindlich. Sie würde solche Dinge als Fiktion empfinden und nicht auf die Realität beziehen, oder gar auf ihr Familie. Bei mir ist das anders. Ein dicht und eindringlich geschriebener Krimi erinnert mich allzu deutlich daran, daß dort mögliche Realität beschrieben wird. Das es Gott sei Dank gerade nicht mir oder meiner Familie geschieht, macht es für mich nicht besser. Woanders passiert es genau jetzt. Je mehr ich darüber nachdenke, finde ich eigentlich immer mehr, daß das nicht mehr nur zur Unterhaltung gehört, sondern eher in die Sparte „therapeutische Maßnahmen“. Wie früher schon – als Hinrichtungen öffentlich abgehalten wurden und allzu kluge und selbstständige Frauen als Hexen verbrannt wurden – wohnt dem ein faszinierendes Grauen inne. „Ich weiß, das es das gibt, aber wenn ich hin und doch weg schaue, verschont es mich vielleicht…“ Das bedingt aber auch das Gefühl der Macht- und Hilflosigkeit. Das wir als Gesellschaft und Individuen dem gegenüber aber hilflos sein sollen – das weigere ich mich zu glauben!

      • Puh, also die Debatte nach der Bestrafung solcher Täter ist ja eine ganz andere Sache. Das ist eine weiterführende Frage, die im Roman nicht gestellt wird und die auch den Rahmen eines Literaturblogs sprengt. Ich würde sagen, solange du ein Buch nicht gelesen hast, ist es halt einfach schwer darüber zu urteilen…genau DAS wollte ich auch ursprünglich mit meiner Aussage zum Ausdruck bringen 😉

      • Ach so… nein – da habe ich mich jetzt vielleicht nicht ausreichend verständlich ausgedrückt. Mir ging es jetzt im letzten Satz gar nicht um eine Bestrafungs-Debatte, sondern mehr um die Möglichkeiten zur Prävention. Aber Du magst Recht haben – vielleicht kenne ich mich auch diesbezüglich nicht gut genug aus, um mich dazu fundiert äußern zu können. Ich bin weder Psychiater, noch Psychologe, noch Sozialwissenschaftler… 😉

  3. Liebe Karo, jetzt hast du mich aber neugierig gemacht. Friedrich Ani hatte ich nie auf dem Radar. Leider hat die Bücherei meiner Wahl das besprochene Buch noch nicht, aber sie bestellen es. Bis dahin werde ich mal in einen der „Süden-Romane“ reinschnuppern. Viele Grüsse, Corinna

    • Liebe Corinna, klasse, dass etwas von meinem Enthusiasmus über Friedrich Ani auf dich überspringen konnte 🙂 Hach, früher habe ich auch fast nur in der Bücherei ausgeliehen – da braucht man zwar etwas Geduld, aber es schont den Geldbeutel und spart Unmengen Platz – und wer hat schon sooo ein riesiges Bücherregal zu Hause 😉 Lg, Karo

  4. Ich habs gelesen, weil so hoch gelobt wurde, und war sehr enttäuscht. Ich fand den Roman sehr seicht. Gut angedacht, schlecht ausgeführt. Irgendwie (?) wird kein Gedanke, kein Gefühl, so richtige zu Ende gebracht. Ich lerne die Kinder nicht kennen, nach dem Lesen sind sie weiter für mich austauschbar. Die Geschichten, die sie sich erzählenn, sind ansatzweise interessant, bleiben aber immer sehr oberflächlich. Ich verstehe auch nicht, warum sie was machen.

    Toll ist nur die Idee hinter der Geschichte. Da hätte er richtig was draus machen können. Hat er aber nicht, der Herr Ani.

    Für mich eine Warnung, von diesem Autor nichts mehr zu lesen. Selten einen so oberflächlich ausgeführten Krimi (?) gelesen.

    So unterschiedlich sind sie, die Geschmäcker!

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