„Am Ende schmeißen wir mit Gold“ von Fabian Hischmann

deep read_Am Ende schmeißen wir mit GoldDieser Tage einen Coming-of-Age-Roman zu schreiben, ist ähnlich tricky wie einen Lovesong zu komponieren. Unfassbar viele Künstler haben’s vor einem getan. Man kann sich also nicht ganz frei machen von bereits Gehörtem, Gemochtem, Gehasstem. Und muss/kann man das Rad überhaupt neu erfinden? Fabian Hischmann fasst sich in seinem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Debüt Am Ende schmeißen wir mit Gold scheinbar unbeeindruckt von der Gefahr eine Kopie der Kopie der Kopie zu werden ein Herz bzw. greift zu dem Stoff aus dem seit Salingers „The catcher in the rye“ Generationen von Schriftstellern die Scherbenträume ihrer halbstarken Romanhelden zusammenfegen: Ein um sich selbst kreisender Ich-Erzähler, der wenig bis nichts mit sich anzufangen weiß, heult seiner verlorenen Jugend hinterher, tut eine Reise, findet dabei zu sich selbst und geht am Ende erwachsen(er) aus der Situation hervor.

Mehr ist es eigentlich nicht. Warum also arbeiten sich ernstzunehmende Gegenwartsautoren von Christian Kracht („Faserland“, 1995) bis Wolfgang Herrndorf („Tschick“, 2010) immer wieder an diesem scheinbar ausgelutschten, schon vom alten Goethe abgeschauten Plot ab? Dass da immer noch was geht, haben eben diese Autoren bewiesen – es gibt ja auch Cover von Liebesliedern, die besser als das Original sind. Trotzdem ist gerade „Faserland“, die Mutter aller Popromane, ein gutes Beispiel für das Verfallsdatum solcher Coming-of-Age-Literatur. Sie bilden einen Jetzt-Zustand ab, einen Zeitgeist. Denn auch wenn der adoleszente Aggregatzustand „Wut – Unverstandensein – Rebellion“ derselbe bleibt, dreht sich die Welt weiter. Seit der Globalisierung und Digitalisierung sogar noch schneller (mich würde echt interessieren, was der „Faserland“-Protagonist von Facebook halten würde).

Und hier kommt der 1983 geborene Fabian Hischmann ins Spiel und die Berechtigung, warum wir uns die zum Mythos gewordene Erzählung vom jungen Mann, der „on the road“ zu sich selbst findet, immer wieder erzählen lassen. Oder jede Lesegeneration vielleicht ihre eigenen Helden braucht, die ihnen das Erwachsenwerden im Jahr 20xx erklären. Es geht um ein aktuelles Selbst- und Weltverständnis, eine Momentaufnahme, eine Haltung  – wobei ich ernsthaft bezweifle, dass je ein junger, suchender Mensch in der Realität so eine Art von Supadupa-Erweckungs-Roadtrip erlebt hat. Es hat etwas durch und durch Artifzielles, Literarisches, was nicht schlimm ist. Oder mein Leben ist vielleicht auch einfach nur unglaublich langweilig…

Hischmann ist also der Autor der Stunde, der diesen Ist-Zustand der (männlichen) Twentysomethings in der deutschen Gegenwartsrepublik auf den Punkt bringt. Sein Romanheld Max Flieger ist kein kokainbefeuerter Party-Dandy mit Geld, aber ohne Einkommen, sondern Lehrer, weil das in Ordnung ist und er sich „ganz nützlich“ fühlt. Am Wochenende kann er sich nicht zu wilden Partyexzessen aufraffen, sondern schaut lieber auf der heimischen Couch Tierdokus und fummelt sich dabei ein bisschen in der Boxershorts rum. Was seine Situation nicht unähnlich mit der eines eingesperrten Wellensittichs macht, der „gefangen in der Enge, nur noch auf und ab läuft im verschissenen Vogelsand und sein Glöckchen fickt.“ Nur, dass sich Max diesen Vogelkäfig selbst gebaut hat, indem er sich ein Leben im Konjunktiv antrainiert hat: „Ich könnte versuchen, mich wieder zu verlieben, oder einfach nur so mit jemandem Sex haben. Ich könnte verreisen. Nach Neapel oder Wien oder Lissabon. Alles Städte, in denen ich noch nie war.“

Aus diesem Standby-Modus wird Max wachgerüttelt, als seine Eltern in den Sommerurlaub nach Kreta fahren. Max soll auf Haus und Hund aufpassen. Bevor es also vorwärts im Leben des Protagonisten gehen kann, muss er erstmal in die Vergangenheit reisen, an seinen Geburtsort im Schwarzwald, wo er „zum ersten Mal geraucht, zum ersten Mal gefickt und einmal fast einen umgebracht“ hat. Maria und Jan, seine besten Freunde aus vergangener Zeit, sind auch schon da. „Wie alle richtigen Kinder“ hatten sie früher eine Bande. Im Wald spielten sie Räuber und Gendarm, die Tannenzapfen dienten als Gold. Mit Maria hatte Max mal was, mit Jan hätte er gern mal was. Maria und Jan haben mit ein paar Leuten eine WG gegründet. „Scheiß Hippies“, denkt Max und verbringt dennoch viel Zeit auf dem Aussteiger-Bauernhof. „Die Möglichkeit eines Dreiecks“ mit Maria und Jan schließt er nicht aus. Bis ihn aus Kreta Nachrichten erreichen, die sein Leben um 180 Grad drehen…

Vielleicht ist es Hischmanns größter Verdienst als Sprachrohr der heutigen Generation Maybe mit welch wohltuender Selbstverständlichkeit seine Hauptfigur sich sowohl von Frauen als auch Männern angezogen fühlt. Es ist die eine Sache, wo Unentschlossenheit auch zu Freiheit werden kann. Das, was beispielsweise ein vergreister Sack wie Matthias Matussek für „das Dümmste und Seichteste an versuchter Gehirnwäsche und Erziehung zum ›Neuen Menschen‹“ hält, was aber in einer Gesellschaft, die für Toleranz und Individualität steht, eigentlich jedem selbst überlassen bzw. egal sein sollte. Für viele ist es das auch schon, wie der Roman zeigt, auch wenn die medialen und politischen Spitzen (wo zurzeit noch die sitzen, die nicht nach 1980 geboren sind) etwas anderes suggerieren.

Bezogen auf die junge Literatur läutet Fabian Hischmann zudem eine Art Gegenbewegung zur Coolness und Ironie der Neunziger und Nullerjahre ein. Man darf wieder schmachten, man darf heulen und sich begeistern, man braucht keine Angst vor Gefühlen und Sehnsüchten oder Schwächen haben. Das sind allerdings alles Tendenzen in diesem Erstlingswerk, die eher auf Meta- als auf Handlungsebene stattfinden. In den Text lässt sich mit Eigenleistung des Kritikers also viel hineinreflektieren, was da gar nicht steht. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob das für meine Begriffe als Berechtigung für eine Buchpreisnominierung reicht. Für Jurymitglied Paul Jandl schon. Der schreibt übrigens auch wie Matthias Matussek für „Die Welt“. Dann gibt’s ja doch noch Hoffnung.

Für einen Roman, der das Hipster-Lebensgefühl der Gegenwart spiegelt, muss natürlich auch entsprechende Musik her: Der brandneue Longplayer „Violent Lights“ von Milagres passt perfekt zur Lektüre. Hier zum Reinhören:

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10 Kommentare zu “„Am Ende schmeißen wir mit Gold“ von Fabian Hischmann

  1. Deine Besprechung ist super!! Noch hatte ich keine große Lust, Hischmann zu lesen. Hatte schon mal reingeschaut und gedacht, muss man das lesen?? Und irgendwie spüre ich nun bei dir auch wenig Begeisterung.

    • Vielen Dank, liebe Masuko, für dein Lob! Mein Urteil ist etwas zwiegespalten: Einerseits habe ich in meinem Leben schon so viele Coming-of-Age-Popromane gelesen, dass sich eine gewisse Überdrüssigkeit eingestellt hat, andererseits erkenne ich hier aber auch eine vielversprechende neue Erzählstimme, die sehr nach vorne geht. Da der Roman schon fast eher eine Novelle ist und sich schnell wegliest, kannst du dich ja vielleicht mal dran wagen 😉 Herzlichst, Karo

  2. Liebe Karo,

    danke für diese grandiose Besprechung! 🙂 Die Zeitungsrezensenten hatten mir die Buchlektüre eigentlich schon verleidet, nun habe ich aber richtig Lust darauf, sobald wie möglich zu diesem Buch zu greifen. 🙂

    Liebe Grüße
    Mara

    • Oops, ich hätte jetzt gar nicht gedacht, dass mein Post so ein Plädoyer für den Roman wird 😀 Denn eigentlich, dachte ich, geht meine Meinung mit der der Zeitungsmenschen gar nicht so weit auseinander – alte Geschichte, literarisch aber ganz gut gemacht. Allerdings habe ich bei diesem Buch das Gefühl, man muss scharf gucken, wer hinter der Kritik steckt.
      Auf Spiegel.de hatte ich z.B. das Gefühl, da wird sich lustig über die Homosexualität im Buch gemacht. Man darf halt nie vergessen, dass da (genau wie hier) Menschen hinter diesen Rezensionen stecken. In der Literaturkritik wie im Fußball wird da häufig noch viel Wert auf Männlichkeitsgehabe gelegt…

      • Ich habe deine Rezension tatsächlich nicht als Plädoyer für oder Lobeshymne auf den Roman gelesen, ich war sogar kurz davor, dich zu fragen, ob du ihn nun eigentlich mochtest oder nicht, aber das hat sich jetzt in den Kommentaren für mich geklärt.

        Stimmt, die Coming-of-Age-Geschichte mit obligatorischem Reise-Topos gab es zuletzt häufig, aber solange sie sprachlich/stilistisch gut gemacht ist, finde ich, dass sie dennoch ihre Berechtigung hat. Wenn man es genau nimmt, erzählen ja viele Gegenwartsromane keine neue Geschichte, meistens geht es um Liebe oder Tod oder eben das Erwachsenwerden, nur im Detail unterscheiden sie sich voneinander (so wie Hischmann sich im Detail von Tschick und dergleichen unterscheidet). Aber sie erzählen es vielleicht auf eine so neuartige oder zumindest so ansprechende/aufregende Weise, dass man sie trotzdem lesen möchte. So geht es mir zumindest, Sprache und Erzähltstruktur sind für mich – für uns alle vermutlich – in der Gegenwartsliteratur ganz essentiell. Ein wunderbares Beispiel ist da meiner Meinung nach Katharina Hartwells Roman Das fremde Meer, das zwar eine simple Story erzählt, die es bestimmt schon unzählige Male gegeben hat (Verlust einer Liebe), aber sie tut es auf so phänomenale Weise, dass der Roman eine einzigartige Wucht entfaltet.

        Andererseits lese ich aus den bisher eher verhaltenen Stimmen zu Hischmann heraus, dass er auch auf dieser Ebene – der formalen – nicht sonderlich herausragt (oder?), und das ist dann natürlich schade. Die Nominierung für den Leipziger Buchpreis war für ihn insofern ein Glücksfall, wer er sonst möglicherweise relativ sang- und klanglos untergegangen wäre unter all den besonderen Stimmen.

        Aber ehe ich hier noch mehr Mutmaßungen anstelle, sollte ich den Roman vielleicht einfach mal selbst lesen. Noch hat mir keiner die Lust darauf verdorben. 😉

      • Liebe Catarina, du wirfst damit wieder die Frage auf: Kann man eigentlich noch eine komplett neue Geschichte erzählen? Ist doch alles schonmal irgendwie da gewesen – history repeats itself – und es gibt auch einfach universelle Erfahrungen wie Liebe, Tod, Familie, die sind halt in der Welt, die kann man nicht neu erfinden und die sind aber auch unerschöpflich spannend, weil sie uns alle angehen.

        „Das fremde Meer“ ist ein super Beispiel dafür, dass man einen alten Topos aufgreifen und Referenzen spielen kann. Dadurch schafft man nichts Originäres, aber was Originelles.

        Deshalb halte ich es wie du und konzentriere mich meist auf Sprache und Textstruktur. Ich finde, dass Hischmann schon eine eigene Erzählstimme hat, aber die ist noch im Entstehen. Deshalb finde ich die Nominierung auch etwas vorschnell… aber lies selbst 😉

  3. Ich habe das Buch schon was länger bei mir zu Hause liegen und bis jetzt immer andere vorgezogen ehrlich gesagt. Ich denke ich werde es jetzt wieder ganz oben auf den Stapel legen.

    • Also, liebe Sabrina, ich hätte ehrlich nicht gedacht, dass meine Buchvorstellung dich und andere so neugierig auf Hischmann machen könnte…es ist ja eher eine Reflexion über das Coming-of-Age-Genre als eine Lobhudelei geworden. Vielen, vielen Dank also fürs Kommentieren, denn diese Reaktion ist wirklich spannend zu erfahren 😉

  4. Pingback: (Die Sonntagsleserin) KW #10 – März 2014 | Bücherphilosophin.

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