„Der See“ von Banana Yoshimoto

IMG_20140308_201000In jeder deutschen Ausgabe von Banana Yoshimotos Büchern ist das Zitat zu lesen, dass sie ein Jugendidol in Japan sei. Was ein bisschen lustig ist, weil die Schriftstellerin längst nicht mehr das junge Mädchen ist, das 1988 mit dem Roman „Kitchen“ ihren großen Durchbruch feierte. Auf ihrem offiziellen Autorenfoto altert Yoshimoto allerdings genauso wenig wie in ihren Erzählungen. Die sind irgendwie zeitlos und obwohl es stets um die große Liebe zwischen Mann und Frau geht, wird es nie langweilig. Der See bildet da keine Ausnahme.

Lange bevor die beiden Hauptfiguren sich in der Geschichte wirklich näher kommen, kennen sie sich bereits besser als so manches Paar, das schon seit Ewigkeiten zusammen ist. Denn Chihiro und Nakajima wohnen sich in einem Tokyoer Gebäudekomplex gegenüber. Fast jeden Tag sehen sie sich durchs Fenster und nehmen Anteil am Leben des anderen: „Wenn bei ihm das Licht ausging, dachte ich unwillkürlich: Oh, Nakajima ist schlafen gegangen! Für mich wird es auch langsam Zeit. Und jedes Mal, wenn ich vom Besuch bei Vater und Mutter zurückkam und das Fenster öffnete, hörte ich drüben Nakajima in Gedanken rufen: Schön, dass du wieder da bist!“ Es stellt sich eine Vertrautheit ein, die den Wunsch, mehr zu wollen, gar nicht entstehen lässt. Hinzu kommt, dass Nakajima auf Chihiro sowieso wie ein unnahbares, scheues Wesen wirkt: „Es war, als wäre er dem Alltäglichen entrückt, er wirkte wie jemand der keine Angst vor dem Tod kennt“.

Der Tod ist es auch, der sie doch noch zusammenführt. Als Chihiros Mutter stirbt, begegnet sie Nakajima auf der Straße und geht mit ihm einen Kaffee trinken. Beide, Chihiro und Nakajima, haben eine starke Bindung zu ihren Müttern gehabt. Chihiros Mutter war eine sehr zerrissene Frau. In ihrer Bar, wo der Alkohol in Strömen floß, gab sie sich als temperamentvolle Dame von Welt, im Umgang mit Chihiros Vater, einem Geschäftsmann aus der Provinz, war sie wie ein zerbrechliches, unschuldiges Kind. Obwohl sich Chihiros Eltern sehr geliebt haben, waren sie nie verheiratet, weil die gesellschaftlichen Umstände die Ehe nicht zuließen. Sie haben ihr privates Glück der Norm untergeordnet und dies sehr bereut.

Nakajimas Mutter dagegen war eine sehr vereinnahmende Frau, die ihren Sohn mit so viel Liebe überschüttete, dass der Vater irgendwann seine Sachen packte und einfach ging. Das enge Verhältnis von Mutter und Kind machte beide so krank, dass ein Arzt ihnen empfahl, für eine Weile aufs Land zu ziehen. Dort, in einer einfachen Hütte am See, verbrachte Nakajima die beste Zeit seines Lebens. Mit dem Gefühl, ein größeres Glück könne ihm nie mehr widerfahren, hat er seitdem seine Tage verlebt. Bis er Chihiro trifft. Mit ihr an seiner Seite fühlt er sich stark genug, noch einmal ohne seine Mutter, die längst verstorben ist, an den See zurückzukehren. Mittlerweile wohnen dort zwei Freunde von Nakajima, die er gern besuchen würde. Gleichzeitig fürchtet er sich jedoch vor dieser Begegnung.

Es sind die Gegensätze, die sich ja bekanntlich anziehen, und Yoshimotos Geschichte so reizvoll machen. Ich musste dabei immer unwillkürlich an das chinesische Yin-Yang-Zeichen denken. Die fröhliche Chihiro, die stets ihrem Bauchgefühl folgt (Ihre Mutter gab ihr den schönen Rat: „Halte deinen Bauchnabel warm“.), trifft auf den ernsten Nakajima, der ein absoluter Kopfmensch ist. Ihre verschiedenen Persönlichkeiten offenbaren sich schon in kleinen Details, selbst in der Art wie unterschiedlich sie ihre Wäsche aufhängen: „Wie er das machte, war fast ein Kunststück; es sah aus, als müsse die Wäsche gar nicht mehr gebügelt werden. Bei mir hingegen hing alles zerknittert da; halt so, wie es direkt aus der Maschine kam.“

Yoshimoto gelingt es, in solch kompakten Bildern eine Geschichte zu erzählen, für die andere Autoren wahrscheinlich viele unnötige Worte bräuchten. Obwohl „Der See“ nur 240 Seiten lang ist, besitzt der Roman eine starke Tiefe, die durch zu viel Rumgewese bloß zerstört werden würde. Yoshimotos Prosa dagegen ist genauso schnörkellos, unaufgeregt und ehrlich wie ihre zwei Hauptfiguren Chihiro und Nakajima, die immer rundheraus sagen, was sie denken und fühlen. Beide kommen aus disfunktionalen Familien und hatten nicht nur eine unbeschwerte Kindheit. Sie wollen aber nicht, dass die Vergangenheit ihr Leben bestimmt oder sie dieselben Fehler machen wie ihre Eltern. Ich finde es viel interessanter zu lesen, wie diese beiden versuchen, an ihrer Beziehung zu arbeiten und gemeinsam voranzukommen, als irgendeine Herzschmerzschmonzette, wo die Liebenden nichts besseres zu tun haben, als sie gegenseitig im Weg zu stehen und Schmerzen zuzufügen. Für solche hausgemachten Luxusprobleme haben Chihiro und Nakajima gar keine Zeit – und sind wahrscheinlich auch zu klug.

Dass sich Gegensätzlichkeiten, nicht nur widersprechen müssen, sondern auch ergänzen können, beweist nicht zuletzt auch die Verschmelzung von Phantastik und Realität in der Romanwelt. Denn „Der See“ wäre nicht aus der Feder der guten Banana, wenn es keine magischen Momente geben würde, in denen die Toten im Traum zu einem sprechen oder es Menschen geben würde, die in die Zukunft sehen können. Aber auch darum wird hier kein großes Aufhebens gemacht. Denn Banana Yoshimotos zarte Parabeln lehren einen, die Dinge auch mal so hinzunehmen wie sie sind, sich mit den Gegebenheiten abzufinden und die Energien einfach mal fließen zu lassen.

Eine weitere lohnenswerte Besprechung zum Roman findet ihr bei der Klappentexterin.

Herrlich Eintauchen in die zauberhafte Welt der Banana Yoshimoto kann man übrigens auch, wenn man beim Lesen die Musik von Olafur Arnalds im Ohr hat. Überzeugt euch selbst…

Advertisements

7 Kommentare zu “„Der See“ von Banana Yoshimoto

  1. Hallo Karo,
    sehr schöne Besprechung, sehr schönes Foto – vielen Dank!
    Herzliche Grüße aus Shizuoka (vom Übersetzer)

    • Wow, Thomas, ich bin schwer geplättet, dass es dich auf meinen kleinen Blog verschlagen hat und fühle mich regelrecht geadelt von deinem Kommentar! Vielen Dank 🙂

  2. Pingback: (Die Sonntagsleserin) KW #11 – März 2014 | Bücherphilosophin.

  3. Pingback: Sonntagsleserin KW #11 – 2014 | buchpost

  4. Liebe Karo,
    wie eine warme Tasse Tee habe ich soeben deine schöne Rezension zu Der See mit meinen Augen getrunken. Hmmm, was für ein Genuss! In ihr finde ich all das wieder, das ich empfunden habe und bin gleich noch einmal in die Geschichte getaucht.
    Dieses Buch ist ein kleiner wunderbarer Schatz, der auf seinen wenigen Seiten so viel erzählt, auf bezaubernde Weise berührt und eine wohltuende Ruhe verströmt. Ich mag die beiden Protagonisten ebenfalls, die sich an die Hand nehmen und gemeinsam in die Zukunft laufen, mit so viel Rücksicht und Feingefühl, das macht glücklich. Dein Bild mit dem Yin-Yang -Zeichen gefällt mir übrigens sehr. Hast du es gewusst? Banana Yoshimoto feiert in diesem ihren 50. Geburtstag. Ich war erstaunt, als ich das sah, weil man das ihren Geschichten überhaupt nicht anmerkt. Sie bleiben – wie du so schön schreibst – zeitlos, haben eine jugendliche Frische und werden nie langweilig.

    Ganz lieben Dank für deinen Link zu mir und deinen Besuch bei mir!

    Es grüßt dich lieb,
    Klappentexterin

    PS: Deinen Musik-Tipp kann ich mir leider nicht anhören, da muss ich mich anmelden, was ich nicht möchte. Ich versuche auf anderen Kanälen reinzuhören.

    • Liebe Klappentexterin, auch ich bin im März irgendwie nur „halb“ da (das Geld will verdient werden..) – deshalb spreche ich dir erst jetzt meinen Dank für deinen Kommentar aus, der mal wieder ein kleines Kunstwerk für sich ist 🙂
      Nein, ich wusste nicht, dass BY dieses Jahr 50 wird. Unglaublich! Irgendwas machen die Japanerinnen verdammt richtig…es kann nicht nur das viele Soja sein, es muss an dieser zauberhaft unaufgeregten, ausbalancierten Lebenseinstellung liegen, die ich auch an Yohsimotos Büchern so liebe.
      In Zukunft möchte ich die Musik über soundcloud verlinken – allerdings sind dort auch nicht alle Titel verfügbar. Jedenfalls danke für deinen Hinweis! Allerherzlichst, Karo

  5. Pingback: Banana Yoshimoto. Der See. Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg | masuko13

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s