„28 Tage lang“ von David Safier

deep read_28 TageDavid Safier macht ernst. Der sonst für, naja, sagen wir mal nicht sooo anspruchsvolle Feel-Good-Komödien wie „Jesus liebt mich“ (2008) oder „Muh“ (2012) bekannte Bestsellerautor stellt mit 28 Tage lang seinen ersten Spannungsroman vor. Und der hat’s in sich: Es geht um den Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto 1943. Tatsächlich liest sich „28 Tage lang“ den spaßigen Büchern von Safier aber gar nicht so unähnlich und erstaunlicherweise funktioniert das richtig gut!

Ich habe mal ein Interview mit David Safier gelesen, darin erzählte er, dass seine Schwester und seine Eltern in sehr kurzer Zeit verstorben seien. Es gäbe schon so viel Unglück auf der Welt, meinte der Schriftsteller und Drehbuchautor sinngemäß, dass er nicht auch noch darüber schreiben müsse. Vor diesem Hintergrund habe ich seine Arbeit immer sehr respektiert, auch wenn seine Bücher für meinen Geschmack einfach zu Heititeiti-Sonnenschein waren. Auch „28 Tage lang“ ist von Safiers bewegtem Familienschicksal beeinflusst, aber auf ganz andere Weise. Sein Großvater ist im KZ Buchenwald umgekommen, seine Großmutter im Ghetto von Lodz. Ihnen widmet er seinen Roman.

Dieser handelt von der 16-jährigen Mira, die wie hunderttausend andere Juden ins Warschauer Ghetto abgeschoben wurde. Für ein bisschen Essen schmuggelt sie Waren vom polnischen Teil der Stadt ins Ghetto, um ihre Mutter und ihre kleine Schwester Hannah irgendwie durchzubringen (der Vater hat sich aus Verzweiflung aus dem Fenster gestürzt, der Bruder macht als Ghetto-Polizist die Drecksarbeit für die Deutschen). Dennoch versucht Mira sich kleine Inseln des Glücks zu schaffen. Sie geht mit dem Waisenjungen Daniel, den sie für seinen ungebrochenen Glauben an das Gute bewundert. Sie selbst glaubt nur an eins: Das Überleben.

Als Mira beim Schmuggeln fast erwischt wird, rettet ein Unbekannter ihr mit einem Kuss das Leben. Erst später erfährt sie, dass ihr Retter Amos heißt und im Widerstand kämpft. Dass alle Juden vernichtet werden sollen, will sie ihm zunächst nicht glauben. Doch dann fangen die Nazis an, die Ghettobewohner zu deportieren und schon bald gibt es kein Entkommen mehr. Mira muss sich entscheiden, was für ein Mensch sie sein will: Einer, der sich kampflos ergibt, oder einer, der sich wehrt.

David Safier vergleicht seine fiktive Romanheldin Mira mit der Filmfigur Rose in „Titanic“: „Diese Mira gab es nicht, aber alles, was ihr passiert, und alles, was im Roman geschieht, basiert auf realen Ereignissen.“ Nicht nur die 28 Tage währenden Schlachten, die sich vorwiegend junge Leute in den Straßen des Warschauer Ghettos im April 1943 mit der SS lieferten, sind authentisch, auch viele andere Szenen und Personen im Buch sind historisch überliefert wie z.B. der verrückte Jude Rubinstein, der sich, wenn er Hunger hatte, vor ein Geschäft stellte, Sprüche wie „Hitler macht Liebe mit seinem Schäferhund“ skandierte und so Lebensmittel von den Ladenbesitzern erpresste, damit er endlich den Mund hielt.

Neben solchen lustigen Momenten ist die Geschichte bewusst mit den erzählerischen Mitteln eines Spannungsromans inszeniert, denn, so der Autor: „Man soll es – trotz all des Fürchterlichen, das geschehen ist – gerne lesen.“ Der Holocaust als flottes Krimidrama? Geht das? Ja, das geht! Wenn man wie Safier besonders viel Einfühlungsvermögen beweist. Glaubwürdig und sensibel denkt er sich in die Gefühlswelt einer 16-Jährigen ein (alle seine Romane sind aus weiblicher Sicht verfasst), die eben nicht nur Tod und Elend im Kopf hat, sondern sich auch für Jungs und Sex interessiert, vom Broadway träumt oder der magischen Spiegelwelt, die ihre Schwester Hannah erfunden hat.

Mira ist ein nachvollziehbarer, gut zugänglicher Charakter, der jung und heutig klingt. Dadurch wirkt auch der Roman nicht historisch, sondern modern und aktuell. Die zentrale Frage, die im Text immer wieder auftaucht „Was für ein Mensch willst du sein?“ stellt sich in jeder neuen Situation, die Mira erlebt, auch dem Leser selbst: Wie würde ich reagieren, wenn mein Freund freiwillig in einen Todeszug steigen will? Was würde ich machen, wenn eine fremde Frau mir ihr Baby in den Arm drückt? Würde ich jemanden umbringen, damit er mich nicht verrät?

Dieser fast spielerische „Was würdest du tun“-Ansatz passt unglaublich gut in unsere Gegenwart, wo einem ständig alle Optionen offen stehen. Hinzu kommt, dass Wahlfreiheit häufig kein richtig oder falsch bedeutet, sondern eben eine individuelle Abgrenzung, über die man sich definiert. Das hat David Safier geschickt gemacht. Er packt den Leser nicht bei der Ethik, sondern am Ego und trifft damit den Nerv der jüngeren oder politisch weniger Interessierten. Würde mich also nicht wundern, wenn das Buch bald Schullektüre wird.

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9 Kommentare zu “„28 Tage lang“ von David Safier

  1. Liebe Karo,

    Vorurteile sind etwas Schlimmes und ohne deine großartige Besprechung hätten mich wohl alle möglichen Vorurteile daran gehindert, dieses Buch auch nur in die Hand zu nehmen. Danke für die Ermutigung, beim nächsten Besuch einer Buchhandlung werde ich definitiv einen Blick hineinwerfen.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Normalerweise find ich es auch okay, wenn man sagt: Der Autor bzw. seine Themen sind nichts für mich…aber wenn jemand einen Genrewechsel wagt, dann lohnt sich ein zweiter Blick 😉

  2. Dieses Buch steht auch schon seit ein paar Tagen auf meiner Wunschliste – beim nächsten Buchhandelbesuch wird es wahrscheinlich auch mitgenommen. Danke für die ausführliche Rezension!
    Liebe Grüße
    Ari

    • Gern geschehen, Ari 🙂 Wie kommt’s denn, dass es überhaupt auf deiner Wunschliste gelandet ist? Ich muss ja sagen, dass ich bisher wenig bzw. gar keine Reaktionen auf das Buch mitgekriegt habe…vielleicht ist es aber auch nur an mir vorbeigegangen. Herzlichst, Karo

      • Hallo Karo,
        ich habe schon ein paar Sachen von ihm gelesen. Und da es nun heißt, „28 Tage lang“ sei anders geschrieben, interessiert mich das doch sehr.
        „Mieses Karma“ hat mir nicht so gefallen – da kam ich allerdings wegen eines Fehldrucks auch nicht über die ersten 40 Seiten hinaus und war dankbar, dass ich das Buch in den Laden zurückbringen konnte. „Jesus liebt mich“ hat mich dagegen sehr beeindruckt – und ich habe ein paar tolle Erinnerungen daran, wie ich es auf einer Ruderboot-Tour im Urlaub vorgelesen habe 🙂
        Liebe Grüße
        Ariane

  3. Ich habe das Buch gelesen und fand es sehr bewegend. David Safier kennt man gar nicht als Autor für ernste Jugendromane – aber das, was er hier geleistet hat, ist unglaublich.

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