„Im ersten Augenblick“ von Grégoire Delacourt

deep read_DelacourtWenn’s um ihre Persönlichkeitsrechte geht, versteht Hollywood-Schätzchen Scarlett Johannson keinen Spaß. Den Liebesroman Im ersten Augenblick von Grégoire Delacourt wollte sie sogar verbieten lassen. Hat nicht geklappt, aber dem Werk noch mehr Publicity eingebracht – ätsch! Der Herausgeber des „Skandal“-Buchs in Deutschland, der im März neu gegründete Atlantik Verlag, wirbt jedenfalls genau mit diesem „Uhhh-Das verbotene Buch“-Slogan und freut sich wahrscheinlich ein Loch in den Bauch. Denn dieser Aufhänger zieht natürlich noch besser als der Name von Grégoire Delacourt, der 2012 mit „Alle meine Wünsche“ einen Hit landete, der jetzt auch verfilmt wird.

Warum zickt die Johannson denn nun so rum? Weil in der Geschichte ein Mädchen auftaucht, das der Schauspielerin auf’s Haar gleicht und ständig mit ihr verwechselt wird. Diese perfekte Kopie steht eines Abends in dem Minikaff Long in der Picardie vor der Haustür des 20-jährigen Automechanikers Arthur Dreyfuss, der zufällig auch noch aussieht wie Ryan Gosling, „nur besser“ – zumindest behauptet das Éloїse, die Serviererin im Bar-Tabak-Anglerbedarf-Lotto-Zeitungsladen. Éloїse war übrigens auch die Erste, die Arthur mal eine aurikulare Extrasystole, einen Herzaussetzer, bescherte, und dass NICHT wegen ihrer Brüste. Ansonsten findet Arthur Brüste, vor allem die großen, nämlich schon très, très bien. Man kann sich vorstellen, was in dem kleinen Autoschrauber vorgeht, als er in Schlumpfunterhosen der Trägerin des Titels „Schönster Busen Hollywoods“ die Tür öffnet, die ihn dann auch noch um ein paar Tage Zuflucht bittet. „Ich wollte nicht schon wieder unter den Spotlights stehen (sie sprach Spotlights aus, wie man ein Bonbon lutscht; ein Speichelbläschen, das auf der Lippe platzt)“.

Arthur ist zwar naiv, aber nicht dumm. Er findet schnell heraus, dass nicht die echte Scarlett in seiner Küche steht und Macaroni&Cheese backt – auch wenn die Doppelgängerin ihre Rolle perfekt spielt. Scarlett heißt eigentlich Jeanine und tingelt als Brautmodenmodel über die Dörfer: „Von der ersten Tournee an wurde ich um Autogramme gebeten. Ich habe mit Jeanine unterschrieben. Aber sie sagten nein, nein, unterschreiben Sie mit Scarlett. Sie sind so sehr sie. Sie sind absolut sie.“ Aber Jeanine ist eben nicht sie, sondern eine eigenständige Person, was die Menschen bei ihrem atemberaubenden Anblick jedoch allzu gern vergessen. Nichts wünscht sie sich daher mehr, als um ihrer selbst willen geliebt zu werden. Ob Arthur ihr diesen Wunsch erfüllen kann?

Je mehr Jeanine die Scarlett-Fassade ablegt, umso mehr wird die prominent besetzte Komödie zu einer ernsten menschlichen Tragödie. Am Anfangs persifliert der Text noch die hochtrabende Rhetorik von Starporträts in Hochglanzmagazinen: „Scarlett hob anmutig den Kopf und antwortet fast akzentfrei oder mit einer ganz subtilen Spur, köstlich wie eine Ladurée-Delikatesse, einem Akzent an der Schnittstelle von Romy Schneider und Jane Birkin: Ja, ich spreche Französisch“. Das ist natürlich umso witziger, als dass es sich in Wirklichkeit natürlich NICHT um eine Hollywood-Göttin handelt, sondern eine Provinzschönheit, ein weiblicher Nobody.

Je deutlicher Jeanines Problem jedoch hervortritt, immer nur nach ihrem Äußeren beurteilt zu werden, umso melancholischer wird auch der Erzählton, bis einem der ein oder andere Kloß im Hals sitzt: „Ich hab die Vulgären erlebt, Arthur. Die Eiligen, die Ungeschickten, die Schönen, sogar die sehr, sehr Schönen. Die Alten, die Knausrigen, die Mistkerle und die Klebrigen. Sie haben es alle versucht. […] Aber ich hab noch nie einen Netten getroffen. Einen wirklich Netten. Du bist der Erste, Arthur. Und Nettigkeit erschüttert die Mädchen, weil das etwas ist, was keine Gegenleistung verlangt.“ Tatsächlich ist Arthur genau die Art von einem guten Jungen, der noch viel glücklicher damit ist, eine Jeanine statt einer Scarlett zu lieben, weil er keinen Wert auf Berühmtheit legt. Aber er ist eben auch nur ein Junge und kein Heiliger.

Grégoire Delacourts Liebesroman ist genauso speziell wie dieses geschrumpfte Biolek-Brillengestell, das der Mann trägt. Und dann guckt er auch noch immer auf Pressefotos so, als wolle er sagen: Echt, jetzt?! Jedenfalls weiß man nie, ob das alles sein voller Ernst ist oder ein großer Witz. Ob er gerade restlos übertreibt oder wirklich emotional wird, vor allem wenn seine Figuren von ihren Gefühlen im Stil von „sie seufzt, er stöhnt, beide weinten“ überwältigt werden, ist man vollends verunsichert, was man davon halten soll. Am Ende habe ich mich dafür entschieden, es gut zu finden. Für mein Empfinden sind seine hochwohltrabenden Sprachgetürme Seitenhiebe auf die romantischen Flausen, die uns Filme und Bücher in den Kopf setzen. Und auch wenn der Roman versucht, durch Exzentrik eine ironische Distanz zu schaffen, verbirgt sich dahinter doch der Wunsch, alles möge wahr sein. Jedes Wort.

Comme toujours – passende Musik zum Buch (natürlich auf Französisch!)

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5 Kommentare zu “„Im ersten Augenblick“ von Grégoire Delacourt

  1. Entspricht nicht ganz meinem Beuteschema, aber ich mag deine Rezensionen – das wollte ich mal gesagt haben. Und ich würde mir auch gerne deine Musik anhören, ich ahne nämlich, dass ich sie ebenfalls mag, aber bei Spotify muss man sich anmelden, um hören zu können, und das ist mir schon zu mühsam. Und woanders nach der Musik zu suchen sowieso. Magst du nicht mal einen anderen Anbieter nehmen? 😉

    • Danke, Caterina, dass du das einfach mal losgeworden bist 😉
      Das Spotify-Problem hat die Klappentexterin letztens auch schon angeführt – und tatsächlich wollte ich in Zukunft soundcloud verwenden: Allerdings ist AUSGERECHNET dieser Titel von Thomas Fersen dort nicht vefügbar :-/ Kann man sich aber auf YouTube anhören https://www.youtube.com/watch?v=VTWY7v0GtOM
      Lg, Karo

      • Ups – aber doppelt hält ja bekanntlich besser. Merci für den Link, das Liedchen klingt tatsächlich ganz hinreißend und passt zum vorgestellten Buch. Ich finde die Idee, deine Buchbesprechungen mit einem Musiktipp abzuschließen, übrigens sehr schön!

  2. Klingt gar nicht so schlecht. Deine Rezension liest sich super, vor allem das letzte Zitat fand ich sehr interessant. Sollte ich vielleicht doch mal in Erwägung ziehen. Dank dir! =)

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