„Amerikanisches Solo“ von Katja Eichinger

deep read_SoloWie fühlt es sich wohl an, in der Öffentlichkeit immer nur „Die Frau von…“ zu sein? Und wie fühlt es sich an, wenn „…“ nicht mehr da ist? Ich weiß es nicht, Katja Eichinger schon. Über vier Jahre war sie mit dem berühmten Filmproduzenten Bernd Eichinger verheiratet. Bis dieser 2011 plötzlich starb. Ihre Trauer und den Schmerz hat die Journalistin in ihren ersten Roman gepackt. Amerikanisches Solo sollte keine große Literatur, sondern ein Pageturner werden – und es scheint, gerade weil die Eichinger sich nicht darum geschert hat, wie ihr Buch bei den Kritikern ankommt, ist es verdammt cool geworden.

Schon allein die Szenerie ist atmosphärisch knisternd wie in einem David-Lynch-Film. Ein festungsartiges Haus aus Beton und Glas in den Hollywod Hills. Im Keller: Terrarien voller Giftschlangen, ein Schallplattenarchiv mit seltenen Jazzaufnahmen und ein schalldichter Panic Room. Hier lebt Harry Cubs, ein in die Jahre gekommener Saxophonist, volltättowiert, muskelbepackt. In den renommiertesten Jazzclubs dieser Welt ist Harry eine gefeierte Legende, der die Fans zu Füßen liegen, ohne das Scheinwerferlicht fühlt sich der Musiker jedoch verloren: „Harry trug >Harry Cubs< wie eine Rüstung. Seit dreißig Jahren. Auf der Bühne fiel es ihm leicht, Harry Cubs zu sein, dort fühlte er sich geborgen.“

Während Harry eines Nachts auf dem Balkon seines Hauses durch’s Fernglas späht, wie ein einsamer Wolf auf der Suche nach Beute, erspäht er seine neue Nachbarin Mona: „Sie hatte jungenhaft schmale Hüften und bewegte sich mit der Geschmeidigkeit einer Katze. Als sie den Kamin erreichte, drehte sie sich um, und Harry konnte ihre Brüste sehen. Sie waren klein und makellos geformt. So köstlich, dass ihr einziger Daseinsgrund darin zu bestehen schien, von einem Mann der so hungrig war wie Harry, liebkost und verspeist zu werden.“ Doch das Objekt der Begierde gehört jemand anderem: Mona ist mit einem 20 Jahre älteren Filmregisseur verheiratet, „den man in Europa als Rentner bezeichnen würde.“ Harry beschließt, Mona aus dem vermeintlichen Gefängnis dieser Ehe zu retten – indem er sie kurzerhand selbst einsperrt, in den Panic Room in seinem Keller.

Mona und ihr Regisseur, das sind natürlich auch irgendwie Katja Eichinger und ihr Mann Bernd. Nicht immer, wenn eine junge Frau einen erfolgreichen älteren Mann heiratet, geht es um Geld und Macht. Auch wenn sich das Außenstehende wie Harry nicht vorstellen können, der um das Ganze auf die Spitze zu treiben, ja ebenfalls nach seiner Theorie zu alt für Mona wäre. Aber Harry ist verblendet, vom Scheinwerferlicht, vom Ruhm, von dem, was er, ein misshandelter weißer Junge aus ärmsten Verhältnissen, aus eigener Kraft erreicht hat. Er ist ein Narzisst, der seine Intuition und Menschenkenntnis für untrüglich hält, was ihm später zum Verhängnis wird. Mit viel Schalk im Nacken, der sowas ausdrückt wie „Ich bin zwar blond, aber nicht blöd, Leute!“ rechnet Katja Eichinger also mit dem ab, was viele Harrys dieser Welt über sie gedacht und wie sie geurteilt haben und beweist dabei auch eine gesunde Portion Eigenhumor.

Wie eingangs beschrieben, ist „Amerikanisches Solo“ aber auch ein Roman, der aus tiefer Trauer entstanden ist. Nicht nur in der weiblichen Hauptfigur steckt viel Katja Eichinger, auch im tragischen Helden Harry Cubs. „Sich in den einzudenken, war jetzt nicht so schwer, weil ich zum Zeitpunkt des Schreibens auch sehr einsam war“, hat mir die Autorin verraten. Diese Seelenverwandtschaft zu ihrem Romanhelden ist die eigentliche Essenz ihrer Erzählung. Der Clou dabei ist die personale Perspektive – man sieht die Welt durch Harrys Augen, ohne er zu sein. Es ist, als ob man ihn besser begreift, als er sich selbst, seine Angst, zurückgewiesen zu werden, seine Zweifel, ohne die Musik nichts zu sein, die Sucht, Situationen unter Kontrolle zu halten. Für den Leser lässt Harry, ohne es zu wissen, seine bereits erwähnte „Rüstung“ fallen und wird gerade dadurch liebenswert. In dem Moment, wo er also die schwere Stahltür hinter Mona zufallen lässt, ist es bereits zu spät: Man wird zu Harrys partner in crime und kann kaum glauben, was für Abgründe sich in ihm auftun.

Diesmal musste ich gar nicht selbst nach einem passenden Soundtrack suchen, denn der Metrolit Verlag hat auf Spotify eine ganze Playlist  aus Harry Cubs fiktivem Musikarchiv zusammengestellt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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8 Kommentare zu “„Amerikanisches Solo“ von Katja Eichinger

  1. Danke!! Du erinnerst mich daran, dass ich dieses Buch unbedingt lesen wollte. Ich war bei einer Lesung mit ihr, wo Moritz Bleibtreu Harrys Passagen gelesen hat. Der Abend hatte mich unglaublich neugierig gemacht auf die Story. Und deine schöne Besprechung bestätigt, es ist ein Buch das man lesen sollte.

    • Gern geschehen, liebe masuko 🙂 Ist Katja Eichinger nicht supersympathisch? Vielleicht bin ich auch parteiisch, wenn ich ihr Debüt so in den Himmel lobe – aber ich kann und mag ihre Person und das Buch einfach nicht voneinander trennen! Schließlich fließt auch viel von ihren Beobachtungen aus der Zeit in L.A. ein, gerade diese Insider-Einblicke sind für mich das Pfeffer in der Story.

      • Ja, Karo! Sie ist supersymphatisch! Und sehr charmant. Ich dachte an dem Abend mit der Lesung, eine so spannende und interessante Frau, die kann einfach nur einen verdammt guten Roman schreiben. Eine schlechte Story traut man ihr nicht zu. Ich freu mich drauf.

  2. Auch ich möchte mich dafür bedanken, dass Du mir dieses Buch in Erinnerung rufst, was irgendwie schon wieder in Vergessenheit geraten war – ich möchte es unbedingt bald lesen! 🙂

    • Liebe Mara, ich habe mich schon gewundert, noch auf keinem anderen Blog über das „Amerikanische Solo“ gelesen zu haben – freut mich zu hören, dass ich dir das Buch wieder ins Gedächtnis rufen konnte 😉

    • Das kann man wohl sagen, liebe Moni! Metrolit ist ja so was wie die Lady Gaga der Verlage und trifft damit zumindest auch bei mir immer wieder voll ins Schwarze.

  3. Deine Buchbesprechung liest sich echt toll, auch wenn ich persönlich etwas anders zu dem Buch stehe! 😉 Aber dein Text ist wirklich klasse!

    Ich hatte recht große Erwartungen an das Buch, hatte auf etwas wie „Drive“ gehofft und wurde deshalb wohl etwas enttäuscht, auch wenn ich die Figurenzeichnung von Harry faszinierend finde. Selten habe ich in letzter Zeit eine derartige Abneigung gegen einen Protagonisten empfunden. Daher erstaunt es mich zwar, dass Du es schaffst, ihn als „liebenswürdig“ zu bezeichnen ^^, aber „partner in crime“ ist schön beobachtet! 🙂

    Liebe Grüße, WortGestalt

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