„Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem IKEA-Schrank feststeckte“ von Romain Puértolas

deep read_Fakir im IKEA-SchrankWenn Verlage auf der ganzen Welt sich die Rechte an einem Roman sichern, ohne ihn vorher gelesen zu haben, dann hätten besagte Verlage sich selbst keine bessere PR ausdenken können. Entsprechend selbstbewusst bewirbt S. Fischer Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem IKEA-Schrank feststeckte von Romain Puértolas als „internationalen Nr. 1-Bestseller“, obwohl sein komödiantisches Debüt erst einmal nur in Frankreich zum Überraschungshit wurde. Aber man glaubt wohl fest an die Macht der sich selbsterfüllenden Prophezeiung. Und wozu eigentlich ein Buch lesen, dessen Titel ein Manuskript ersetzt? Schon allein dieser ellenlange Name macht klar, wen man am liebsten beerben möchte: „Der Fakir“ soll wohl so was wie der neue „Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ werden.

Was Romain Puértolas dem „Hundertjährigen“-Schöpfer Jonas Jonasson auf jeden Fall voraus hat: Er hat die bessere Geschichte hinter der Geschichte. Der 38-Jährige war schon DJ, Zauberkünstler, Flugverkehrsmanager, Übersetzer, Grenzpolizist, Lieutnant (was auch alles irgendwie eine Rolle in seinem aktuellen Bestseller spielt). Vor dem „Fakir“ habe er bereits sieben Romane geschrieben, die aber von allen Verlagen abgelehnt wurden. Erfolg wäre eh nie sein Ziel gewesen, er habe eigentlich nur seine Kinder mit den Erzählungen unterhalten wollen. Den „Fakir“ soll er angeblich innerhalb von zwei Wochen auf seinem Smartphone runtergetippt haben, immer wenn er mit dem Zug zur Arbeit fuhr. Ob das alles stimmt oder nicht, ist schwer nachzuprüfen, aber es klingt einfach gut.

Und was soll man auch sonst groß über ein Schelmenstück berichten, dass sich wie gesagt im Titel selbst erzählt? Ja, es geht tatsächlich um einen indischen Fakir, der den unaussprechlichen Namen Ayaramushee trägt, wahlweise auch: Ayran in der Moschee, Allah-Bratschenmusik, die Kuh-die-lacht oder auch kurz „Aya“. Eigentlich ist Aya nur aus dem einzigen Grund von Neu Delhi nach Paris geflogen, um sich dort ein neues Nagelbett, Modell: Likstupikstå, zu kaufen. Weil der einzige Geldschein, den er für seinen Auftenhalt dabei hat, aber ein ziemlich schlecht gefakter 100-Euro-Schein ist, beschließt der Fakir die Nacht kostenfrei beim Schweden zu verbringen. Dummerweise wird genau in dieser Nacht umgeräumt, Aya versteckt sich in einem Schrank und landet *schwupps* im Laderaum eines LKW Richtung Großbritannien.

Eine unglaubliche zehntätige Reise von England nach Spanien, Italien bis nach Lybien liegt vor ihm. Eine, auf der er lernt, dass man, indem man fremde Orte und fremde Leben entdeckt, selbst ein anderer werden kann. Eine Buch-im-Buch-Matrjoschka wie bei Joël Dicker, Frankreichs literarische Sensation aus der letzten Saison, gibt es übrigens auch: Der Fakir schreibt nämlich ein Buch über einen Fakir, der in einem IKEA-Schrank feststeckt usw. Übrigens schreibt er dieses Buch in Ermanglung von Papier auf sein Hemd – und Autor Puértolas trägt natürlich auf seinen Pressefotos ebenfalls solche bekritzelten Hemden, was ein Marketing-Coup!

Auch wenn das jetzt alles etwas kritisch klingt, ist es doch ein sehr unterhaltsames Global-Pop-Märchen geworden, das sich wunderbar zwischendurch weggezischen lässt wie Pritzelbrause. Und dass ich im Gegensatz zu „Der Hundertjährige“ nicht weggelegt habe, weil es in den Zwischentönen sehr viel nachdenklicher und warmherziger ist als das hanebüchene Jonassons-Werk, wo ständig Menschen kuriose Tode sterben und das dann lustig sein soll. Denn im „Fakir“ geht es auch um die absurden Praktiken der Behörden im Umgang mit illegalen Einwanderern und um die kriminellen Schleuserbanden von Lampedusa. Und da Autor Puértolas ja selbst mal Grenzpolizist war, scheint das auch irgendwie Hand und Fuß zu haben, was er da schreibt. Aber bei dem Mann weiß ich eben nicht so genau, woran ich bin. Scheint mir ein charmantes Schlitzohr zu sein, genau wie seine Hauptfigur.

Indische Bollywood-Musik als Soundtrack zum Buch kann ich zwar nicht bieten, aber das hier ist noch viel passender. Ich sehe den Fakir förmlich bei seiner wilden Verfolgungsjagd mit einem Taxifahrer auf dem Flughafen von Barcelona.

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3 Kommentare zu “„Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem IKEA-Schrank feststeckte“ von Romain Puértolas

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