„Weit weg und ganz nah“ von Jojo Moyes

deep read_weit weg und ganz nahDas Vereinigte Königreich hat eine neue Queen, die Queen of Romance Fiction: Jojo Moyes. Mit ihrem zwölften Schmöker Weit weg und ganz nah beweist die Schriftstellerin aus Essex einmal mehr, dass sie mit „Ein ganzes halbes Jahr“ kein zufälliges One-Hit-Wonder gelandet hat. Ihre Geschichten haben das, was vielen Büchern aus der Kategorie „Frauenliteratur“ / „Liebesdrama“ sonst fehlt: einen Touch Realismus. Natürlich wendet sich am Ende alles irgendwie zum Guten, aber davor müssen ihre Figuren ganz schön viel Mist durchmachen und dafür haben sie ihr Happy End auch wirklich verdient!

So auch Jess. Sie ist keine verträumte Literaturstudentin, die auf ihre sexuelle Erweckung wartet, und auch keine toughe Businessbiene, die ihr Gehalt für teure Jimmy Choos verpulvert. Jess ist einfach nur Putzfrau. Und trägt auch bei Eiseskälte Flip-Flops, weil sie auf besseres Wetter hofft. Jess hat echte Probleme. Ihr Noch-Ehemann zahlt keinen Unterhalt, deshalb kann sie ihrer Tochter Tanzie, die ein hochbegabtes Mathe-Genie ist, nicht die Ausbildung an einer höheren Schule ermöglichen und ihr Stiefsohn Nicky wird ständig verprügelt, weil er es wagt, in einer Kleinstadt Eyeliner zu tragen. Familienhund Norman ist auch keine große Hilfe, sondern eine sabbernde und furzende Fressmaschine.

Jeder Tag ist ein Kampf für Jess, selbst mit einem Zweitjob im Pub hält sie ihre kleine Patchwork-Familie gerade eben über Wasser. Und dann passieren gleich zwei Dinge, die wie ein Wink des Schicksals wirken: Jess fällt ein Bündel Geldscheine in die Hände, dass Mr. Nicholls, einer ihrer Putz-Klienten, verloren hat, und Tanzie bekommt die Chance bei einer Mathe-Olympiade teilzunehmen, bei der hohe Preisgelder winken. Nur leider findet der Wettbewerb weit weg in Schottland statt und ausgerechnet Ed Nicholls, dem Jess das Geld geklaut hat, bietet ihnen eine Mitfahrgelegenheit in seinem Luxusaudi an.

In ihren Werken lässt Jojo Moyes immer wieder die gegensätzlichen Welten von Arm und Reich aufeinanderprallen. Die sozialen Klassenunterschiede sind in Großbritannien besonders ausgeprägt und es gibt kaum Berührungspunkte zwischen denen, die alles haben, und denen, die nichts haben. Moyes erzählt hier also keine wilden Märchen, sondern die bittere Wahrheit. Dementsprechend dient ihr dieses Szenario nicht dazu, ihre Romanheldin wie Aschenputtel vom Prinzen aus dem Elend erretten zu lassen. Der Traummann benimmt sich am Anfang wie ein ziemlich arrogantes Arschloch, das Jess beim Putzen unsanft die Nase vor der Tür zuschlägt. Außerdem ist Ed dabei, selbst alles zu verlieren. Denn er hat aus einer Unachtsamkeit heraus Insiderhandel getrieben und droht hinter Gitter zu wandern. Um sich selbst davon zu überzeugen, dass er kein komplett schlechter Mensch ist (also aus purem Egoismus und Selbstmitleid), bietet er daher seine Hilfe an, als er Jess, die Kids und den Hund nachts bei strömendem Regen auf der Landstraße aufliest. Und bereut es gleich wieder, aber da ist es schon zu spät.

Bei ihrem gemeinsamen Roadtrip wird die sozio-ökonomische Ungleichheit zwischen Ed und Jess immer wieder deutlich. Während er sich teure Sandwiches an der Tanke kauft, schmiert sie den Kindern billige Butterbrote. Während er mit seinem Smartphone nach Hotels zum Übernachten sucht, hat sie Bettdecken dabei, um im Auto zu schlafen. Man hat beim Lesen nicht das Gefühl, dass hier einfach nur eine romantisch-verspielte Gegensätze-ziehen-sich-an-Geschichte erzählt wird, sondern dass es um mehr geht. Ähnlich wie beim Bechdel-Test sollte ein guter Liebesroman meiner Meinung nach aus mehr als zwei Personen bestehen, die über ihre Gefühle füreinander reden. Im wahren Leben dreht sich die Welt ja auch weiter, obwohl man sich gerade verliebt hat. Und ist es nicht auch für den Leser viel schöner, wenn sich eine gewisse Spannung aufbaut, bevor die Liebenden sich überhaupt das erste Mal küssen?

Trotz aller sozialen Probleme und Gesellschaftskritik übertreibt es Jojo Moyes aber nicht. Ihre Figuren sind keine Abziehbilder an denen sie ein Exempel statuiert will, sondern mit viel Herz, Hirn und Humor ausgedachte Individuen (wenn auch vielleicht etwas überzeichnete).Deshalb ist es auch nicht wirklich erstaunlich, dass die Figurenkonstellation der in „Ein ganzes halbes Jahr“ zwar auf den ersten Blick sehr ähnlich erscheint, am Ende aber doch etwas ganz anderes rauskommt. Ich könnte mir vorstellen, dass der ein oder andere Lou&Will-Fan darüber sogar enttäuscht sein wird. Bei mir passiert aber genau das Gegenteil. Warum mir „Ein ganzes halbes Jahr“ überhaupt nicht gefallen hat, habe ich bereits hier und hier zu Genüge dargelegt. Wem es damals ähnlich wie mir ging und der Sinn nach leichter, aber nicht ganz seichter Unterhaltung steht, dem empfehle ich „Weit weg und ganz nah“ eine Chance zu geben.

 

 

 

 

 

 

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6 Kommentare zu “„Weit weg und ganz nah“ von Jojo Moyes

  1. Liebe Karo,
    welch‘ Freude dieses Buch bei dir zu finden! Und was soll ich sagen? Ich bin ganz deiner Meinung. Dieses Buch hat mir wunderbare Stunden beschert und eine warme Kugel in den Bauch gelegt. Weit weg und ganz nah hat wirklich alles, was einen guten Frauenschmöker ausmacht: Charme, Liebe, Drama und Glück. Hach schön!

    Liebe Grüße,
    Klappentexterin

    • Na, das hätte ich jetzt gar nicht erwartet, dass dieser „Frauenschmöker“ in dein Beuteschema fällt, liebe Klappentexterin 🙂 Aber wie ich ja bereits vermutet habe, ist das ein schöner Unterhaltungsroman, an dem jeder bzw. jede ihre Freude haben kann. Herzlich, Karo

  2. Liebe Karo, war auch hoffnungslos verloren in dieser wunderbaren, manchmal schmerzvollen, dann wieder irre komischen Story. Jess ist eine tolle Heldin.
    Schöne Grüße, Masuko

    • Hach, soll ich dir was verraten, Masuko? Ich habe bei diesem Buch sogar richtig feuchte Augen bekommen (ich sag nur „Der beste Freund des Menschen“). Und Jess optimistische Art, nie aufzugeben, fand ich auch super liebenswert und so positiv. Liebe Grüße, Karo

  3. Hallo Karo,
    habe es nun endlich geschafft, dieses Buch zu lesen und war richtig richtig begeistert. Was habe ich gelacht und geheult. Finde es auch wesentlich besser als den Vorgänger, authentischer, liebevoller in der Figurenzeichnung und auch wenn die Handlung immer wieder neue Wege einschlägt, erscheinen mir diese diesmal nicht unglaubwürdig. Vielen vielen Dank für eine weitere gute Empfehlung. LG

    • Liebe Berta, schön, dass dir bei diesem Roman genau wie mir das Herz aufgegangen ist 🙂 Es macht einfach Spaß zu hören, wenn man jemandem ein schönes Leseerlebnis bereiten konnte. Von daher: Danke fürs Feedback! Herzlich, Karo

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