„Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie

deep read_AmericanahEs ist schon irgendwie symptomatisch, wie die USA die Solidaritätskampagne #BringBackOurGirls regelrecht amerikanisiert haben. Ursprünglich von Nigerianern ins Leben gerufen, um ihre Regierung dazu zu bewegen, die über 200 Schülerinnen zurückzuholen, die von Terroristen im April 2014 entführt wurden, hat sich der Protestaufruf immer mehr zu einem Prestige-Objekt der Amis umgelagert. Wer was in den Sozialen Netzwerken auf sich hielt und sich einen Anstrich pseudopolitischer Tiefgründigkeit geben wollte, setzte eine ernste Miene auf (am schlimmsten sind die Bilder, wo den Beteiligten keiner gesagt hat, lieber nicht zu grinsen) und hielt ein „BringBackOurGirls“-Schild in die Kamera. Nie war es für Promis und Normalos einfacher, sich mit so wenig Aufwand mit den Benachteiligten dieser Welt verbunden zu fühlen.

Indes kommt die verwestlichte Kampagne bei den Menschen in Nigeria gar nicht mehr so gut an, die „von einigen inzwischen als neue koloniale Landnahme verstanden wird“, schreibt beispielsweise der Tagesspiegel. Wobei wir bei Chimamanda Ngozi Adichie angelangt wären, die sich mit den Worten „we can solve our own damn problems“  gerade klar gegen eine militärische Einmischung aus dem Ausland in die Rettung der immer noch verschwundenen Mädchen ausgesprochen hat. Von dieser weißen „Wir regieren die Welt“-Überheblichkeit handelt auch Adichies großer Exilantenroman Americanah, der ein so wirklichkeitsnahes und umfassendes Bild des latenten Alltagsrassismus in den USA zeichnet, dass danach keine Frage mehr offen bleiben. Hautfarbe sollte egal sein, ist es aber nicht. Eine Wahrheit, die die meisten ungern hören, die Adichie sich aber traut, ohne Umschweife auszusprechen.

Adichies Geheimnis ist, dass sie über ihre Kritik am ethnischen Klassensystem hinweg nie aus den Augen verliert, dass sie einen Roman schreibt, der von einer fesselnden Geschichte lebt. Ihre beiden Hauptfiguren Ifemelu und Obinze stehen zwar exemplarisch für Erfahrungen, die jeder Schwarze schon einmal mit Diskrimierung gemacht hat, andererseits verlaufen ihre Biographien so einzigartig und gewunden, dass man sie als Menschen aus Fleisch und Blut erlebt. In Nigeria erleben sie die erste große Liebe miteinander, dann trennen sich ihre Wege. Ifemelu, die eigentlich nie wie ihre Klassenkameraden von einem Auslandsstudium geträumt hat, bekommt ein Stipendium und geht in die USA, wo sie nach anfänglichen Schwierigkeiten immer mehr zur integrierten Americanah wird. Obinze, für den eigentlich immer klar war, dass er mal in die USA gehen würde, verschlägt es nach London, wo er als illegaler Einwanderer zum Toiletten putzen verdammt ist. Glücklich werden sowohl Ifemelu als auch Obinze nicht in der Fremde und als sie beide zu verschiedenen Zeitpunkten in ihre alte Heimat zurückkehren, sind sie nicht mehr dieselben.

Es ist dieser fremde Blick auf die eigene weiße, westliche Kultur und die Einblicke in die fremde schwarze, afrikanische Kultur, die die Lektüre so inspirierend und interessant machen. Man lernt dabei viel über sich und über andere. „Americanah“ ist ein Roman über Heimat, Identität, aber auch über die Liebe, die ein Zuhause sein kann, wo keins mehr aus Beton oder Holz existiert, wo sonst kein Stein mehr auf dem anderen steht.

Meine Musikempfehlung zum Buch hat diesmal weniger mit dem Flow der Geschichte zu tun als mit dem Flow von Nigeria. Es gibt viele Künstler, die sich mit Postkolonialismus, Staatspolitik, Herkunft usw. auseinandersetzen. Das Problem ist, dass nicht alle Songs so einfach im Netz zu finden sind. Ich hab jetzt mal einen Song von Femi Kuti rausgesucht, er ist einer der Söhne von Afrobeat-Legende Fela Kuti.

Weitere Blog-Besprechungen zu „Americanah“ findet ihr bei:

Bücherphilosophin

Klappentexterin

masuko13

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3 Kommentare zu “„Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie

  1. Liebe Karo,
    ich höre gerade deine mitgebrachte Musik. Wie passend und wunderbar. Ganz lieben Dank! Auch für deine schöne Rezension, die mir mein Leseerlebnis nochmals vor Augen geführt hat. Dies ist wahrlich ein besonderes Buch, das einen Platz in meinem Herzen gefunden und so viele andere schon begeistert hat. Eben dieser von dir beschriebenen Blick ist es, der anziehend wirkt. Americanah ist einfach ein großer literarischer Wurf!

    Sei lieb gegrüßt,
    Klappentexterin

  2. Hallo,
    wie schön, dass ich auf deine tolle Rezi gestoßen bin. Ich hatte vor einer Weile auch mal ein Auge auf das Buch geworfen, aber es dann irgendwie wieder aus dem Blick verloren. Um so mehr freue ich mich, jetzt wieder durch deinen Post darauf gestoßen zu sein; zumal du mir jetzt noch mehr Lust gemacht hast, den Roman zu lesen. Ich finde die Themen Heimat, Identität, fremde und eigene Kultur super spannend als Leseerfahrung.

    Viele Grüße

    Madeleine

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