„Heute ist mein letzter Tag lebendig (hoffentlich)“ von Félix Francisco Casanova

deep read_Felix F. CasanovaAls Teenager war ich ein bisschen verliebt in den Tod. Ich habe mich blass geschminkt, also noch blasser als ich schon war, hatte „The Crow“-Poster an den Wänden und habe verschwurbelte Weltschmerz-Gedichte verfasst. Zum Glück gab es damals noch kein Internet – jedenfalls nicht in meinem Kinderzimmer –  und so blieben solche oberpeinlichen Gehirnergüsse noch höchst privat in einem Tagebuch mit goldenem Schlösschen verborgen.

Was Félix Francisco Casanova im Jahr 1974 allerdings mit nur 17 Jahren aufs Papier gebracht hat, da kann man auch ohne Schminke bloß neidvoll erblassen. Sein Roman Heute ist mein letzter Tag lebendig (hoffentlich) (im Original: El don de Vorace) vibriert vor impulsiver Energie und selbstzerstörerischer Kraft. So selbstzerstörerisch, dass Casanova bereits mit 19 Jahren ums Leben kam. Was umso tragischer ist, als dass er einer der ganz Großen hätte werden können.

Sein Künstlerroman, der aufgrund seiner Kürze eher eine Novelle ist und aufgrund seiner Form eher ein einziges langes Gedicht, liest sich fast wie eine Vorahnung seines frühen Todes, dessen Umstände nie ganz geklärt wurden – war es ein Unfall oder Selbstmord? Sein Ich-Erzähler, der Dichter Bernardo, ist jedenfalls erst 25 Jahre alt und des Lebens bereits müde: „Ich habe das Gefühl, ein gelangweilter Zar zu sein, ein Kaiser ohne Uniform, ein Papst in einem Bordell.“ Nichts wünscht sich Bernardo sehnlicher, als zu sterben oder wie er es nennt „den Vorhang fallen zu lassen“. Die Umsetzung dieses Todeswunsches scheint jedoch zum Scheitern verurteilt. Denn Bernardo kann nicht sterben. Egal ob er eine tödliche Dosis Pillen schluckt, sich vom Balkon stürzt oder sich eine Kugel in den Kopf jagt – er bleibt am Leben. Und verfällt immer mehr dem Wahnsinn.

„Nun bin ich Santiago Moreno, herumstreifend in den Gassen von London, mit Nebel in den verweinten Augen und Gedichten in den Taschen; der alte Hund, der seiner eigenen Einsamkeit enteignet ist; der das Lachen einer Mutter hat, die seit Jahrhunderten gebiert … der die Schläge des kleinen, neugeborenen Herzchens, vermischt mit seinem eigenen, betagten Herz, das er in der Brust trägt, jedes Mal stärker hört; der in den zwei Strömen untergeht …“

Das Buch ist ein Bastard aus Prosa und Lyrik, ein wabernder Fiebertraum, durch den man halb wach, halb delirierend schwebt (und – so legen es Casanovas Tagebuchaufzeichnungen nahe – in nur 44 Tagen auf die Welt gebracht). Verzweifelt, rasend, destruktiv, wundgeschürft von Gefühlsgemetzeln, wie sie nur die Jugend zu empfinden vermag. Nicht umsonst wird Casanova, der auf der Insel La Palma geboren wurde, von den spanischen Feuilletons heute als „Arthur Rimbaud von den Kanaren“ gefeiert und auf Bernardos Nachttisch liegt, wie könnte es anders sein, Baudelaires „Blumen des Bösen“. Casanovas poetische Prosa atmet den Geist der schwarzen Romantik und zeugt doch von einer ganz eigenen Originalität:  „Mein Verstand ist die ersoffene Kakerlake im Schleim seines Wahns.“ / „Jede Pore meiner Haut ist wie eine Wabe, von der die Bienen sanft kosten.“ Der damals 17-Jährige schöpft aus seiner Phantasie Bilder wie aus einem tiefen Brunnen. Nicht alle diese Sprachgetüme machen Sinn, aber alles ist Aufruhr, rau und ungezähmt.

Soll heißen, auch wenn der Autor dieser Zeilen nicht so verdammt jung gewesen wäre, erkennt man hier ein Ausnahmetalent. Und doch ist es ein Stück des Sturm und Drangs, dessen erzählerische Wucht, diese lamentierende Energie, der Jugend des Verfassers geschuldet zu sein scheint. Zumindest ich habe mich in einen Zustand zurückversetzt gefühlt, der längst in meinem Inneren begraben schien. Heute fragt man sich natürlich, was aus Casanova, der nicht nur einen verführerischen Namen, sondern auch das verführerische Aussehen eines jungen Jim Morrison trug, noch hätte werden können. Er soll nicht nur ein unersättlicher Leser gewesen sein, sagt sein Vater, sondern liebte die Musik fast noch mehr als die Literatur. Vielleicht wäre er mit seiner selbst gegründeten Rockband berühmt geworden, vielleicht hätte er als intellektueller Rebell mit seiner literarischen Bewegung Equipo Hovno („Team Scheiße“) für Furore gesorgt. Auf jeden Fall ist dies ein literarisches Vermächtnis, das sich auch 40 Jahre später zu entdecken lohnt.

 

 

 

 

 

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4 Kommentare zu “„Heute ist mein letzter Tag lebendig (hoffentlich)“ von Félix Francisco Casanova

  1. Hi Karo,
    ich bin heute zufällig auf Deinen Blog gestossen, als ich auf Amazon die Kundenrezensionen zu Banana Yoshimotos “Der See” gelesen habe und dabei auf Deine gestossen bin. Sie gefiel mir so gut, dass ich mal nachgeschaut habe, was Du noch so rezensiert hast, und siehe da, Du hast auch eine Rezension zu Murakamis “Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki” eingestellt! Und hier finde ich nun als erstes diese sehr interessant klingende Besprechung des Buches eines offenbar recht tragischen Autors, von dem ich noch nie gehört habe. Ich habe es mir gerade spontan bestellt und bin jetzt gespannt. Danke für den Tip! 😉

    • Liebe Celeste, Mensch, dann lohnt es sich ja doch die Rezensionen bei Amazon einzustellen 😉 Schön, dass du hier bist! Ich hoffe, du wirst mir von deinem Casanova-Leseerlebnis berichten – es ist doch ein eher experimenteller, gewöhnungsbedürftiger Roman, aber auf jeden Fall mal was anderes. Herzlich, Karo

  2. Hallo Karo,
    hab gerade Deine tolle Rezension gelesen, nachdem ich heute meine hochgeladen hab und sehen wollte, was die anderen so denken. Tolles Buch! Wahnsinnig schwer, prägnant zu sagen, worum es geht, da jede kleine Suite wieder einen Aspekt beisteuert. Tolle Seite hier.
    Grüße, Tassilo

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