„Die Legende von der Weißen Schlange“ von Michael Roes

deep read_Weiße SchlangeSchriftsteller Michael Roes ist schon viel in der Welt herumgekommen, ob im Jemen, Israel, Amerika oder China, wo sein neuer Roman spielt. Dieser heißt genau wie eine der bekanntesten Volkssagen des Landes Die Legende von der Weißen Schlange. Roes erzählt jedoch kein Märchen, sondern wagt eine Gradwanderung aus Science Fiction, Coming-of-age- und Gesellschaftsroman, die beinahe essayistische Ausflüge in die chinesische Kultur zwischen Tradition und Moderne unternimmt. Das ist mal was anderes, aber manchmal auch anstrengend.

Es gibt eine Szene im Roman, in der Ich-Erzähler Jian eine Postkartensammlung einer amerikanischen Fotografin geschenkt bekommt. Thema der Sammlung ist „Graffiti-Art in China“. Jian kann kaum glauben, als er auch zwei seiner eigenen Bilder darin entdeckt – dass er im Ausland nicht als Krimineller, sondern als Künstler betrachtet wird, möglicherweise sogar berühmt ist, daran hat der junge Sprayer und Skaterboy nie zuvor gedacht. Er lebt in der Megametropole Nanjing, im Osten der Volksrepublik China. Einem autoritären Überwachungsstaat, in dem es „das Recht auf eine Schüssel Reis, aber kein Recht auf persönliches Glück gibt“ und in dem sogar die Anzahl der Nachkommen pro Familie durch die Ein-Kind-Politik vom Staat geregelt wird. Jian gehört also zu einer Generation von Geschwisterlosen, die „alles hat, zumindest alles zu haben glaubt und deswegen nicht rebellieren darf.“

Jian rebelliert trotzdem. Er hat die Schule abgebrochen, anstatt sich wie die anderen Einzelkinder und großen Hoffnungsträger ihrer Eltern um eine Karriere zu kümmern. Sein Geld verdient er als Darsteller in der klassischen Kunqu-Oper, die außer Touristen kaum noch jemand besucht. Für ihn ist das Anlegen der Maske und des Kostüms wie die Verwandlung in einen Superhelden, in Daredevil oder Spiderman. Auf andere wirkt es eher wie die Aufmachung eines Transvestiten. Das ist Jian aber egal, wie ihm überhaupt egal ist, was andere von ihm denken. Wenn er sich abends mit seinen B-Boys vor einem Kaufhaus trifft, um zu breakdancen, vergisst er alles um sich herum.

Jians reflektierte und präzise Sprache klingt jedoch nicht nach einem 20-jährigen Schulabbrecher, sondern nach Bildungsbürger – sprich, der Ich-Erzähler klingt wie der Mittfünfziger Michael Roes, der einen Abschluss in Psychologie, Philosophie und Germanistik hat. Mich hat das zwar nicht weiter gestört, dennoch ist es mir immer wieder aufgefallen. Auch Jians kritische Töne gegen China erschienen mir zuweilen recht akademisch und europäisch gedacht. Statt das Gefühl zu haben, Inneneinsichten in dieses fremde Land zu bekommen, sah ich eher mein eigenes vorgefertigtes Bild von China bestätigt: „Ziellosigkeit ist nicht erlaubt. Und erst recht nicht Muße. Sie könnte ja dazu führen nachzugrübeln, zu zweifeln, sich und die Welt in Frage zu stellen! Stattdessen hetzen wir durch unsere Kindheit und Jugend, ohne je Kind oder Jugendlicher gewesen zu sein. Wir lernen. Nicht für das Leben, sondern für die Schule. Die Eltern schaufeln Wissen in uns hinein, ohne nach seinem Sinn zu fragen, ohne genau zu verstehen, was wir zu wissen glauben. Vor allem dürfen wir nicht innehalten und uns fragen, ob wir glücklich sind.“

Dennoch fand ich den Roman aus erzähltechnischer Sicht sehr interessant. Denn neben Ich-Erzähler Jian schleicht sich eine zweite geheimnisvolle Erzählstimme in den Text. Jemand, der aussieht wie Jian, sich bewegt wie Jian, denkt wie Jian. Mmh, wer ist das? Ein Zwillingsbruder? Ein Klon? Leise Andeutungen über einen verschwundenen Erstgeborenen in Jians Familie und Experimente mit eingefrorenen Körpern am Forschungsinstitut von Jians Vater haben meine Neugier geweckt. Auch wenn man am Anfang erst einmal gar nichts checkt, ergibt am Ende, nach 465 Seiten, doch alles einen Sinn, der mich noch etwas länger beschäftigt hat. Das Lesen hat sich also gelohnt, auch wenn ich für dieses Buch irre lang gebraucht habe. Gerade die Passagen die aus Sicht des Doppelgängers geschrieben sind, ohne Punktion, im freien Flattersatz, waren allein rein lesetechnisch eine Herausforderung. Wer aber genau so eine Herausforderung in all dem literarischen Einheitsbrei sucht, ist hier richtig!

Advertisements

Ein Kommentar zu “„Die Legende von der Weißen Schlange“ von Michael Roes

  1. Klingt fast so als hätte Jian einen Zwillingsbruder, von dem er nichts weiß. Zumindest, wenn man deine letzten Zeilen liest. Deine Rezension klingt sehr spannend u. ich werde mir das Buch auf jeden Fall für meinen nächsten Kauf vormerken.

    Liebe Grüße,
    Tanja

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s