„Marina Bellezza“ von Silvia Avallone

deep read_BellezzaMa-ri-na Bel-le-zza. Ein Name, bei dem die Zunge den Gaumen streichelt wie eine Verheißung. Eine Verführung. Ein Verhängnis. Ein Name, mit dem man einfach schön und berühmt werden muss. Schon wie in ihrem Debüt „Sommer aus Stahl“ (2011) über zwei Provinz-Lolitas geht es auch in Silvia Avallones zweitem großartigen Roman Marina Bellezza um ein Mädchen, atemberaubend schön wie eine Prinzessin, ungezähmt wie ein Wolf, tapfer wie ein Soldat und wild wie ein Furie. Ein Mädchen, das man beneiden oder bewundern, aber nie besitzen kann. Und doch bleibt dem jungen Andrea nichts anderes, als sein Schicksal an diese Marina Bellezza zu ketten.

Die schönsten Liebesgeschichten – zumindest in der Literatur – sind die, an deren Ende nicht steht „…sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende“. Es sind die hoffnungslosen, die verzweifelten, die schmerzhaften. Wie bei Marina und Andrea. Sie lieben sich. Sie schlagen sich. Sie trennen sich. Sie können nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander. Denn sie erkennen sich wie kein anderer Mensch oder wie Andrea es mit unendlicher Wut und Zärtlichkeit sagt: „Wir sind das Gleiche. Du und ich, wir sind ein und dasselbe.“ Sie sind Kinder der Valle Cervo, einem Tal in der Provinz Biella, im nordöstlichen Piermont, aus demselben harten Granitfelsen geschlagen, aus dem rauen Wildbach entsprungen. Jedoch eine Region, die so wenig Zukunft hat wie Marinas und Andreas Liebe.Verlassene Lagerhallen, verfallene Wollspinnereien, geschlossene Baustellen, ausgestorbene Dörfer. Die Wirtschaft liegt, wie im Rest des Landes, am Boden.

Inmitten dieses Klimas der Resignation und Hoffnungslosigkeit träumen sowohl Marina als auch Andrea einen Traum. Auch wenn diese nicht unterschiedlicher sein könnten. Marina will Popstar werden, mindestens so groß wie Rihanna oder Lady Gaga, wenn nicht größer. Sie will die Castingshow Cenerentola Rock des regionalen TV-Senders BiellaTV 2000 gewinnen, dann die nationale Talent-Show X Factor, dann ihr erstes Album aufnehmen – jeder Bühnenauftritt, jedes Interview auf YouTube katapultiert sie weiter nach vorne. Sie hat die Stimme, das Aussehen, den Willen und es besteht kein Zweifel, dass sie es schaffen wird. Für Andrea ist es unerträglich wie Marina sich wegschmeißt für eine Welt, die sie nur benutzen will und nicht von Dauer ist. Seine Welt, das sind die ewigen Berge und Wälder seiner Heimat. Hier will er die Sennerei seines verstorbenen Großvaters neu aufbauen, graue Alpenkühe züchten und Käse herstellen, auch wenn ihn alle für verrückt halten.

„Marina Bellezza“ ist nicht bloß ein Liebesdrama, das einen mitreißt wie die Strudel des Wildbachs Cervo, sondern auch das Portrait einer Generation ohne Perspektive, die einsam und auf sich gestellt nach Anerkennung und ihrem Platz im Leben sucht. Ihre kostbarste Waffe ist die Kaltschnäuzigkeit ihrer Jugend, Melancholie ist ihre Rüstung, Zorn ihr Schild. Sie befinden sich in ewigen Schlachten mit sich selbst, mit ihren tiefen Wurzeln, ihren Familien, die sie zur Welt gebracht, die sie sich aber nicht ausgesucht haben. „Und du hast keine Schuld daran, bist aber trotzdem schuldig“, heißt es. Sieg und Niederlage – das gibt es gar nicht. Denn am Ende ist man, was man ist. Aber deshalb einfach kapitulieren, nicht mit Klauen und Zähnen kämpfen? Keine Option. Das ist wie mit der Liebe, die ist im Blut, die ist eingeschrieben in den Körper wie der genetische Code. Wehren zwecklos, aber notwendig.

 

 

 

 

 

 

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9 Kommentare zu “„Marina Bellezza“ von Silvia Avallone

  1. Sehr schöner Artikel, sehr schöner Song. Und für die italienische Literatur habe ich ja ohnehin eine Schwäche, ich mag Melancholiker wie Andrea Bajani und Andrea De Carlo. Von Avallone habe ich allerdings noch nichts gelesen – wird aber mit Sicherheit noch passieren, nachdem sie dich so begeistern konnte. Merci für den Hinweis.

  2. Danke für diesen wunderbare Besprechung, Karo, dieses Buch hätte ich ansonsten wohl eher nicht auf dem Radar gehabt. Deine Eindrücke machen mich jetzt jedoch so neugierig, dass es direkt auf die Wunschliste wandert. 🙂

  3. Pingback: Silvia Avallone: Marina Bellezza | Bücherwurmloch

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