„Mystery Girl“ von David Gordon

deep read_Mystery GirlNach zwanzig Jahren als hauptberuflicher Schriftsteller belaufen sich die Gesamteinnahmen von Sam Kornberg auf exakt 0,00 Dollar. Kein Schwein interessiert sich für seine Antiromane Die Toilette oder Slow Motion Holocaust, die komplett ohne Handlung, Figuren oder Gedanken auskommen. Also ist Sam mittlerweile zwar kein Meister der Literatur (außer als obsessiver Leser, der von seinem „Stoff“ einfach nicht runter kommt) , dafür hat er eine beeindruckende Zweitkarriere als Assistent hingelegt: Umfragen-Assistent, Kopier-Assistent, Assistent auf Zeit, Assistenz-Assistent eines Motivators….doch sein neuer Assi-Job toppt sie alle! Er assistiert dem Privatdetektiv Solar Lonsky, der so unsagbar fett und paranoid ist, dass er sein Haus nicht mehr verlassen kann.

Eigentlich soll Sam in seinem ersten Fall „Mystery Girl“ nur eine junge Frau beschatten. Stattdessen schläft er mit der Unbekannten, die sich nach der gemeinsamen Nacht aus dem Fenster stürzt – nicht weil der Sex so mies war, sondern weil sie unter Wahnvorstellungen leidet. Wie sich herausstellt, verbindet Solar Lonsky und das Mystery Girl eine gemeinsame Vergangenheit in der Nervenheilanstalt. Aber Sams neuer Boss will nicht wahrhaben glauben, dass es sich wirklich um Selbstmord handelt. Also stellt Sam Nachforschungen an, die ihn in das Umfeld des Filmregisseurs Zed Naught führen, der sich angeblich in den Achtzigern für ein Kunstprojekt vor laufender Kamera erschossen haben soll und dessen Hauptwerk ein Horror-Softporno mit dem schönen Titel Succubi! alias Suck-You-Bi alias Die dämonischen Schlampen alias Die Lesbo-Suckers trägt.

Klingt abgedreht? Ist es auch! Genau wie sein Ich-Erzähler scheint Autor David Gordon (Professor und Mitglied der Proust Society of America) ein Faible für harte Hochliteratur und billige Trash-Movies zu haben. Er zitiert genauso gern aus Samuel Becketts Der Namenlose wie aus The Big Lebowski von den Coen-Brüdern – natürlich ist Big L kein Trash, sondern, naja, eine eigene Kategorie Kinokunst, die sich halt gern in den abgeranzten Bademantel des Low-Budget-Schunds hüllt, den sie so verehrt. That’s pop culture, baby! Und entweder kennst und verstehst du die Codes oder du bist draußen. Ebenso verhält es sich mit Gordons Roman. Wer nicht ein Quäntchen Sympathie für popkulturellen Nerdkram aufbringt, ist hier mal so was von fehl am Platz.

Denn Mystery Girl von David Gordon ist nur so ganz nebenbei ein Krimi – mit einem ziemlich gewitzten Ende übrigens. Vielmehr geht es um einen Haufen gescheiterter Existenzen, deren enormes Spartenwissen leider nichts wert auf der Welt ist. Allen voran Ich-Erzähler Sam, der feststellen muss: „In den Augen der Welt sind wir Penner. In einem staubigen Laden, einem abgewrackten, düsteren Kino oder im Hobbykeller der Eltern führen wir das Zepter. Aber anders als jemand mit einem exquisiten Geschmack für Malerei oder Düfte besitzt der Film-Nerd keinerlei Klasse.“

Alsooo, wer auf die Sachen von DBC Pierre, Chuck Palahniuk oder Ned Beauman steht, der sollte die 10 Tacken in dieses Taschenbuch durchaus investieren!

 

 

 

 

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2 Kommentare zu “„Mystery Girl“ von David Gordon

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