„Der Circle“ von Dave Eggers

deep read_Circle EggersAls Kind bin ich manchmal nicht ans Telefon gekommen, wenn Freunde anriefen. Ich hab durch meine Mama ausrichten lassen, dass ich gerade zu beschäftigt sei mit Spielen. Auch heute hab ich häufig keine Lust, dauererreichbar zu sein. Auf Reisen zum Beispiel genieß ich es total „offline“ zu sein. In Costa Rica ist mir aufgefallen, wie schwierig das immer mehr wird. Denn selbst in der kleinsten Hütte im Dschungel gibt es mittlerweile kostenloses WLAN – ist das nun Segen oder Fluch? Diese Frage hab ich mir im Urlaub öfters gestellt, zumal ich Dave Eggers dystopischen Zukunftsroman Der Circle dabei hatte, indem es genau um diese Dauerreichbarkeit in einer Social Media Gesellschaft geht.

Darin begleitet der Leser die junge und höchst motivierte Mae Holland bei ihrer Karriere im Circle, ein Silicon Valley-Unternehmen, das wie Facebook, Google, PayPal & Co zusammen funktioniert. Alle Online-Daten und -Konten werden über den Circle gebündelt, es geht um die Vollständigkeit von Benutzerprofilen und totale Transparenz von Informationen. Mae wird zum Aushängeschild des Circle, ihr Leben immer gläsener und öffentlicher. Man könnte meinen, sie würde unter dem Druck jeden Tag gefilmt und durchleuchtet zu werden zusammenbrechen, stattdessen fühlt sie sich stärker, sicherer, freier, perfekter. Dass die Menschen um sie herum, ihre Eltern und Freunde, immer mehr den Kontakt zu ihr abbrechen, kriegt Mae kaum noch mit: Warum sollte sie sich einsam fühlen, wenn sie mit Millionen von Gleichgesinnten über das Internet verbunden ist?

Das Spannende an Eggers Roman ist natürlich, dass er den Nerv der Zeit trifft und den Leser zu einer eigenen Haltung zwingt. Wo steh ich selbst in dieser Zukunftsvision, die eigentlich schon so gut wie Realität ist? Denn natürlich heißt Transparenz nicht nur Überwachung, sondern auch Sicherheit. In einer Welt, in der jeder damit rechnen muss jederzeit gefilmt, identifiziert und aufgespürt werden zu können, dürfte es keine Morde, keine Vergewaltigungen oder Missbrauch mehr geben. Wer würde das nicht als erstrebenswert erachten? Diese Logik wird von Mae und den anderen Circle-Jüngern jedoch seltsam kritiklos abgefeiert. Lassen sich die Digital Natives wirklich mit solch vordergründigen Heilsversprechen von einer besseren Welt um den Finger wickeln? Das wäre wirklich gruselig.

Trotzdem weist die Argumentation des Circle einige Fehler auf, von denen ich mir nicht sicher bin, ob Dave Eggers sie so beabsichtigt hat. Zum Beispiel wird Mae dabei gefilmt wie sie nachts ein Kajak unerlaubt ausleiht, um zu einer einsamen Insel zu paddeln. Am nächsten Tag wird sie dafür vom Circle zur Rechenschaft gezogen. Ihre Tat wird als höchst kriminell und unverantwortlich eingestuft, da sie hätte verunglücken können. Im nächsten Moment aber ist Maes Boss untröstlich, dass sie keine Aufnahmen von ihrem nächtlichen Ausflug gemacht hat. Sie hätte damit andere Menschen um die Möglichkeit gebracht, an ihrer Erfahrung teilzuhaben, was höchst selbstsüchtig sei. Dass diese Erfahrung überhaupt nicht entstanden wäre, wenn Mae nicht im ersten Schritt illegalerweise das Kajak entwendet hätte, fällt dabei völlig unter den Tisch.

Durch solche kommentarlos hingenommene Unlogik wirkt die Story an manchen Stellen leider doch arg vom Autor gelenkt und zurecht gestutzt, die Figuren wie Marionetten, die ihren Part erfüllen. Das passt natürlich bestens zum Inhalt, wo Menschen immer mehr zu Schablonen ihrer selbst werden, aber verhindert auch, dass man als Leser wirklich mit dem Herzen dabei ist. Es hat mich wütend gemacht, dass von Mae erwartet wird, dass sie jedes Wochenende an den Partys und Spielen auf dem Circle-Campus teilnimmt, obwohl sie zuhause einen Vater hat, der langsam an MS stirbt. Aber noch wütender hat es mich gemacht, dass es Mae nicht wütend macht … oder ihr das Gefasel von „Gemeinschaftsgefühl“ zumindest nicht irgendwie widersprüchlich vorkommt, wenn niemand Verständnis dafür hat, dass sie lieber die Zeit mit ihrem kranken Vater verbringt.

Emotional bin ich daher irgendwann aus dem Buch ausgestiegen, weil das Sozialverhalten der Protagnoisten für mich nicht nachvollziehbar war. Beschäftigt hat es mich aber schon. Bin ich nicht normal, weil ich einer aussterbenden Generation angehöre, die noch analog aufgewachsen ist und ich nicht ständig den Drang verspüre, mich der Welt mitzuteilen? Oder sind die anderen nicht normal, die nicht mehr „abschalten“ können? Wie wohl ein 20-jähriger Apple-Geek aus dem Silicon Valley diesen Roman liest? Literarisch kein großer Wurf, aber als Orwell’sches Gedankenexperiment 2.0 absolut lohnenswert.

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14 Kommentare zu “„Der Circle“ von Dave Eggers

  1. Waaah nu bin ich immer noch genauso hin und her gerissen, ob ich es nun lesen will oder nicht. Mal schauen, wenn es mich irgendwie findet das Buch lese ich es, wenn nicht …. 🙂

    • Ach du, ich habe gerade noch einen Zeit-Artikel von Ijoma Mangold entdeckt, warum „Der Circle“ kein gutes Buch ist und gedacht „Jo, genau so ist es!“
      http://www.zeit.de/2014/33/ueberwachung-dave-eggers-circle/seite-5
      Im Grunde ist der Roman ja auch nur ein gesellschaftlicher Spiegel, der das Thema „Digitaler Totalitarismus“, das zurzeit in aller Munde ist, fiktionalisiert. Da kann man auch mitreden und ne Meinung zu haben, ohne es gelesen zu haben. Wenn Eggers Dystopie eine allgemeine Diskussion über unser bereitwilliges Preisgeben von Persönlichem im Netz usw. anstößt, dann hat das Buch schon seinen Zweck erfüllt. Lg, Karo

  2. Meiner Erfahrung nach sind die Internet geeks sehr kritisch. Dadurch, daß sie sich auskennen, erkennen sie das dramatische Potential viel eher und gründlicher als „Normalos“. Natürlich werden solche Leute nicht zu Technikfeinden, aber sie gehen weitaus bewusster mit der Technik um. Bis hin zum bewussten Verzicht auf manche Aspekte (social media).
    Was heutezutage „normal“ ist, lässt sich wohl kaum sagen. Normalität ändert sich ständig und gleitend. In Bezug auf Digitaltechnik und Internet ist der Fortschritt so rasant, daß Nerd nicht mehr gleich Nerd ist. Man spezialisiert sich bereits… 😉
    Ohne das Buch gelesen zu haben, scheint es mir so, als ob da Ein Autor auf der Welle reiten wollte, der in seinem Leben noch nie das Meer sah… 🙂

    • Na, lieber Stefan, das klingt jetzt, als ob Dave Eggers aus dem Thema nur Profit schlagen wolle. Wenn man sich ein wenig mehr mit dem Autor beschäftigt, dann scheint da schon Idealismus und ein politisches Anliegen hinterzustecken.
      Und was die Internetgeeks angeht, so hast du sicher recht: Die können die reale Bedrohung unserer Freiheit und Privatsphäre sicher sehr viel besser einschätzen … deshalb würde mich ihre Meinung zum Roman-Szenario ja auch so sehr interessieren 🙂 Lg, Karo

      • Nun ja… ich kenne weder den Autor, noch das Buch, über Deine Rezension hinaus. Von daher halte ich mich da lieber bedeckt – vielleicht tue ich ihm Unrecht. Aber das, was ich bei Dir herausgelesen hatte und die Tatsache, das das Thema extrem im Trend liegt, ließ mich schon glauben, daß er da auf einen Zug aufgesprungen ist.
        Ich arbeite in einer Internet-Agentur – wenn Du so willst, mit lauter jungen Nerds. Die Mädels und Jungs sind wirklich kritisch, gerade weil sie in dem Umfeld ihre Brötchen verdienen. Wo ich viel skeptischer bin, das ist die breite Masse der mit dem Internet und Handy aufgewachsenen Jugendlichen und Twens. Chatten uns simsen ist für die wie atmen. Wenn ich meine Tochter (14) und deren Freunde ansehe, dann ist da fast keine Berührungsangst. Die stellen ihr Leben ins Internet und bauen ihre Sozialstruktur darauf auf. Die Arglosigkeit dabei ist enorm groß! Die heutige Jugend hat wenig Ur- und Existenzängste…was ja prinzipiell gut ist. Aber der Selbstschutz und ein gesundes Misstrauen ist quasi nicht vorhanden. „Was sollen mir der Staat oder Firmen schon Böses tun? Ich tue nichts Falsches und muss keine Angst haben, gläsern zu sein! Ich kenn‘ mich aus und bin ja nicht doof…ich hab‘ das im Griff!“ Du hörst bei mir vermutlich die Angst und Skepsis durch. Und doch wird sich unser Welt mit Riesenschritten in diese Richtung weiter bewegen. Hast Du schon mal daran gedacht, was passieren wird, wenn Digitaltechnik und Internet direkte Schnittstellen zum Menschen bekommen? Neuronale Interfaces sind medizinisch/technisch fast schon auf unserer Türschwelle und so etwas wird in spätestens 50 Jahren Alltag sein. Ich weiß gar nicht, ob meine Aufregung ob der Möglichkeiten oder meine Angst überwiegen. Aber meine und vermutlich auch Deine Generation wird niemand fragen. :-S

      • Na siehste, genau diese Arglosigkeit gerade der Jüngeren ist es, die mir durch den Kopf schwirrt! In den USA ist die Gutgläubigkeit sogar, glaub ich, noch schlimmer. Insofern verdanken deine Arbeitskollegen ihre kritische Haltung vielleicht auch ihrem europäischen Background. Und ja, ich habe von diesen neuronalen Interfaces gehört. Als mir jemand erzählt hat, dass solche Augenimplantate bereits in 5 Jahren kommen sollen, hab ich mich nur gefragt: Wer will das, nur weil es technisch möglich ist? Aber wie du schon richtig erkannt hast: Uns fragt ja keiner 😉

  3. Ich freu mich so, dass du wieder da bist und find’s super, dass du kritisch mit dem Buch umgehst. Stimmt schon irgendwie: Es ist wenig literarisch, aber dennoch spannend geschrieben und lässt einen nachdenklich zurück.
    Mangolds Rezension allerdings, die ich gerade mit großem inneren Widerstand gelesen habe, finde ich unglaublich arrogant. Fällt ihm nichts besseres ein, als „blökende Schafe“ und „plumpe Pappkameraden“ (oder so ähnlich, ich will es keinesfalls ein 2. Mal lesen) –

    Schöne Grüße von mir und ich bin gespannt, was du zu dem neuen Gaiman sagen wirst 😉

    • hach, da werd ich ganz verlegen bei so lieben worten *freu*
      Das ist ja interessant, dass du die Mangold-Rezi so blöd fandest. Hab das gar nicht so arrogant empfunden, aber jetzt wo du’s sagst…Naja, so unterschiedlich kann das rüberkommen.
      Und zu Gaiman: Da werde ich nur gigantomanisch schwärmende Worte finden 🙂 Und ich freu mich soooo, dass ich ihn in Köln sehen werde *hüpf*

      • Du siehst Gaiman in Köln??? Neil Gaiman??? Wou. Ja, von seinem neuen Roman kann ich auch einfach nur ganz doll schwärmen. Also dann, genieß es, ihm gegenüber zu stehen oder in seiner Nähe zu sein. Wie auch immer –

  4. Ich kann deine Meinung total nachvollziehen. Mich hat die Naivität von Mae dermaßen gestört, dass es dadurch schon fast lachhaft wurde. Klar dachte ich mir manchmal, wie furchtbar eine solche Zukunft doch wäre und wurde nachdenklich. Aber dann dachte ich mir, die Menschen werden doch nicht auf einmal alle so dumm wie Mae hier. Wieso sollte eine Firma ihre Mitarbeiter mit unnötigem Kommunikationskram davon abhalten, effizient zu arbeiten?
    Ich behaupte einfach mal vorsichtig, dass ich solch eine Vision für relativ unwahrscheinlich halte.

    Liebe Grüße, Sabrina

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