„Miss Blackpool“ von Nick Hornby

deep read_Miss BlackpoolIch bin ja noch in einer Zeit groß geworden, wo sich die ganze Familie vor dem (einzigen!) Fernseher zuhause wie vor einem Lagerfeuer eingefunden hat, um bei selbst gemachten Bütterken gemeinsam Unterhaltungssendungen zu gucken. In Miss Blackpool lässt Nick Hornby dieses viel gerühmte goldene Zeitalter des Fernsehens noch einmal aufleben und entführt in die Welt der fiktiven 60er Jahre Comedyserie „Barbara (and Jim)“.

Das Schöne an den frühen Jahren der TV-Unterhaltung war ja gerade ihre Unbeflecktheit: Da gab’s noch das nie da Gewesene! Zudem konnte man Millionen von Menschen gleichzeitig vor die Bildschirme locken und es gab echte Tabus, die man brechen konnte. Für all diese gesellschaftlichen Umbrüche, die das TV-Programm mitgetragen hat, steht „Barbara (and Jim)“, eine BBC-Sitcom über ein junges Paar – er aus dem Süden, sie aus dem Norden, er Labour, sie Tory, er Oxbridge-Absolvent, sie Schulabbrecherin. Aber nicht nur vor der Kamera gehts zur Sache, auch hinter den Kulissen streiten die Macher der Serie um Liebe, Glück und Anerkennung.

Star der Show ist Sophie Straw aka Barbara, Gewinnerin des Schönheitswettbewerbs Miss Blackpool 1964 – wenn auch nur für 15 Minuten, bevor sie den Titel zurückgibt, weil sie nicht einen Tag länger in dem Küstenkaff versauern will:

„Sie wäre natürlich gern einfach glücklich gewesen; sie wollte nicht anders sein als andere. Ihre Schulfreundinnen und ihre Kolleginnen in der Kosmetikabteilung bei RHO Hills schienen sich nicht ganz so dringend wie sie einen Weg aus Blackpool hinaus kratzen, graben, winden und treten zu wollen, und manchmal wäre sie wirklich gern so gewesen wie sie. Es war doch auch ein bisschen kindisch, zum Fernsehen zu wollen und >guckt mal, guckt mal< zu schreien wie eine Zweijährige. Na gut, manche Leute, vor allem Männer jeden Alters, guckten sie tatsächlich an, aber nicht so, wie sie es wollte.“

Sophie sieht aus wie ein fleischgewordenes Pin-up-Girl: Beine, Busen, blondes Haar. Doch sie will nicht bloß gut aussehen und stumm lächeln, sie will Grimassen schneiden und die Menschen zum Lachen bringen. Sie will wie Lucy Bacall in „I love Lucy“ sein. Tatsächlich ist sie beim Casting so überzeugend, frisch und authentisch, dass sie die Hauptrolle in der Serie kriegt, ohne je vorher geschauspielert zu haben.

Anders, als der Romantitel es vermuten lassen, ist „Miss Blackpool“ (im Original: „Funny Girl“) aber keine One-woman-Show, sondern ein Ensemblestück. Nach und nach lernt man auch das restliche Sitcom-Team kennen. Da wären Sophies Schauspielpartner Clive, ein eitler Geck, dessen größte Sorge es ist, dass er mit komischen Rollen weniger Erfolg bei Frauen haben könnte. Der BBC-Produzent Dennis, der mit einer humorlosen Zicke verheiratet und heimlich in die lebenslustige Sophie verliebt ist. Und nicht zuletzt die zwei Drehbuchautoren Bill und Tony. Die Freunde lernen sich 1959 in einer Arrestzelle auf dem Polizeirevier kennen. Auch wenn sie nie darüber gesprochen haben, können sie sich denken, womit sie sich jeweils strafbar gemacht haben: Sie waren beide auf der Suche nach Herrenbekanntschaften. Ironie des Schicksals, dass gerade diese Zwei dazu verdonnert werden, eine Serie über ein frisch verliebtes Hetero-Paar zu schreiben…Aber, oh Wunder: Immer, wenn die beiden nicht wissen, wie’s mit Barbara und Jim weitergehen soll, liefert ihnen das turbulente Privatleben ihrer Kollegen neuen Stoff!

Eigentlich verwunderlich, dass Nick Hornby – einer der wichtigsten Schriftsteller der Populärkultur – erst in seinem siebten Roman über die Geschichte der britischen Fernseh-Comedy schreibt. Ist er doch selbst für das Fach der leichten, aber gar nicht seichten Unterhaltung bekannt. In „Miss Blackpool“ zeichnet er die Widerstände nach gegen die die ersten Komödienschreiber noch zu kämpfen hatten – witzig ja, aber klug? Das passt doch nicht zusammen!, so lautete der Tenor vieler intellektueller Meinungsmacher.

Hornbys Bücher sind natürlich auch deshalb so geistreich, weil er einfach unglaublich viel weiß. Außer der Serie „Barbara (and Jim)“ sind alle Hintergründe im Buch real. Die Story wird sogar hin und wieder von authentischem Fotomaterial wie Reklametafeln, Drehbuchseiten oder Comicstrips begleitet. Vor allem tauchen jede Menge BBC-Serien und -Darsteller auf, die wohl nur den Lesern bekannt sein dürften, die mit ihnen aufgewachsen sind. Deshalb wirkt der Roman trotz seiner temporeichen Dialoge und pointierten Beobachtungen wie aus einer anderen Zeit – was ja auch der Fall ist! Das Problem ist nur, dass diese Art von Hommage bei mir keine nostalgischen Gefühle, sondern Schulterzucken auslöst. Eine Distanz tut sich auf: Je jünger man ist, umso weiter weg fühlt man sich vom Geschehen, so meine Vermutung. Ich selbst seh mich da irgendwo auf der Mitte der Strecke.

Wer auf die Swinging Sixties steht, dem möchte ich zum Schluss noch die britische Soul-Retro-Band „Nick Pride & the Pimptones“ ans Herz legen. Wenn ich den folgenden Song höre, sehe ich die Ex-Miss Blackpool Sophie Straw vor meinem inneren Auge beschwingt durch die Straßen von London laufen.

 

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare zu “„Miss Blackpool“ von Nick Hornby

  1. Früher wäre mir das nie passiert, ein neuer Hornby erscheint und ich weiß nix davon. Bin über die Jahre ein bisserl müde geworden, wobei der nicht schlecht klingt. Ich schau einfach mal, ob der mich irgendwann mal findet der Roman, gleich losstürmen und kaufen werde ich wohl nicht.

    Der Song ist sehr cool 🙂

    • Liebe Sabine, ja, die Mucke macht gute Laune, ne?! Ich hab sogar meine Bachelorarbeit über Nick Hornbys „High Fidelity“ geschrieben, aber es ist wie mit einem treuen, alten Kumpel: Man weiß, was man hat, man kann auf ihn zählen, aber man braucht auch mal Abstand, um das wieder schätzen zu lernen 😉

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