„Meine Tassen im Schrank“ von Ellen Forney

deep read_Ellen ForneyKurz vor ihrem 30. Geburtstag erfährt Cartoonistin Ellen Forney, dass sie manisch-depressiv ist, sprich, sie leidet unter einer bipolaren Störung. Sie ist nun offizielles Mitglied im „Club van Gogh“, denn: Nur der verrückte Künstler, ist ein wahrer Künstler. Oder doch nicht? In ihrer liebenswert aufgekratzten Autobiographie Meine Tassen im Schrank erzählt Ellen Forney in Worten und Bildern aus ihrem Leben als Manisch-Depressive und geht den Zusammenhängen von Kreativität und Krankheit auf den Grund.

Ellen Forney_Meine Tassen im Schrank 1Im dritten Kapitel sieht man Ellen auf einer Doppelseite vor weißem Hintergrund bei einem ihrer sogenannten „Energieverbrennungsspaziergänge“. Sie sieht ein wenig aus wie Olivia aus Popeye, mit ihren superelastischen Gliedmaßen. Im Spagatschritt und mit looping-drehenden Armen jongliert Ellen mit Ideen, die wie Pfeile aus ihr rausschießen und sich in riesigen Botschaften mit Ausrufezeichen entladen. Über ihrem Kopf prangt eine riesige Glühbirne, die mit „hellweißer Blitz“ beschriftet ist. So sehen Ellens Gedankengänge die meiste Zeit aus: Zuckende Blitze, die Assoziationsketten auslösen, ständig in Bewegung, rastlos, endlos. Sie sprengen häufig jeden Rahmen und sind deshalb über die ganze Seite geschrieben.

Es ist Ellens größte Angst, diese Fähigkeit über Grenzen hinaus zu denken, zu verlieren, wenn sie ihre bipolare Störung behandeln lässt. Denn nur mit Psychopharmaka lässt sich die Erkrankung in den Griff kriegen. „Ich hatte meine romantischen Vorstellungen vom verrückten Künstler … Aber vor dem medikamentös behandelten Künstler graute mir.“ Dazu ein praller Luftballon, der aus Puff-Paff-Wolken in die Höhe schießt, neben einem schrumpeligen Ballönchen, dass mit einem Faden an einen Ziegel gebunden ist. Ellen weiß, wovon sie spricht, denn sie hat selbst Psychologie studiert und stationär mit manisch-depressiven Patienten gearbeitet, die mit Lithium behandelt wurden. Kein. Schöner. Anblick.

MEINE_TASSEN_IM_SCHRANK_LP_231Ellen ist hin- und hergerissen zwischen dem Gefühl, während ihrer manischen Episoden kreativer und produktiver zu sein und der Angst, dass ihre depressiven Episoden sich weiter verschlimmern könnten. So viele bipolare Künstler haben sich das Leben genommen: Vincent van Gogh, Ernst Ludwig Kirchner, Ernest Hemingway, Virginia Woolf … aber haben diese Künstler nicht auch herausragende Werke geschaffen, die ohne ihre übersteigerten Empfindungen vielleicht gar nicht möglich gewesen wären? „Waren sie vielleicht sogar notwendig für ihre Genialität? … wie eine Superkraft?“ Und heißt das im Umkehrschluss, dass die Kreativität dieser Genies gar kein Teil ihrer Persönlichkeit, sondern nur Ausdruck eines Krankheitsbild war?

Vier Jahre wird es dauern, bis Ellen diese Fragen für sich selbst beantworten kann, bis sie eines morgens beim Zähneputzen vor dem Badezimmerspiegel stehen wird und endlich behaupten kann: „Es geht mir gut.“ Vier Jahre voller extremer Stimmungsschwankungen, auf der Suche nach der richtigen Medikamenteneinstellung und sich selbst. Die Hochs und Tiefs, die Ellen durchlebt, spiegeln sich in den Illustrationen wider, die mal mit schwungvollem Strich geführt sind, mal konfus oder aufgeräumt wirken oder kraftlos, als ob jede Linie zu viel wäre. Besonders eindringlich sind die Zeichnungen, die während Ellens Depressionen entstanden sind und die sie einfach aus ihrem Skizzenbuch abfotografiert hat. Sie zeigen Selbstportraits als „Gruselpuppe“ oder ein Nest aus spitzen, harten Dornen. Dazu die Worte: „Ich zeichnete so lange, bis ich meine Gefühle wirklich getroffen hatte. Es brachte nichts, wenn das Bild nur eine Annährung war.“

Ellen Forney_Meine Tassen im Schrank

Sowohl für Betroffene als auch Nicht-Betroffene stellt „Meine Tassen im Schrank“ eine aufschlussreiche Lektüre dar, die sowohl medizinisch fundiert als auch sehr persönlich von der bipolaren Störung berichtet. Dabei zieht einen das Buch keineswegs runter, es macht großen Spaß und ist super witzig. Vor allem gerät man immer wieder ins Staunen darüber, wie verbreitet diese psychische Erkrankung bei berühmten Künstlern war, deren Werke wir heute noch bewundern und verehren. Vielleicht hätte man vielen von ihnen mit den heutigen Therapiemöglichkeiten helfen können, sodass sie wie Ellen Forney eines Tages hätten sagen können: „Es geht mir gut.“

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare zu “„Meine Tassen im Schrank“ von Ellen Forney

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