„Samba für Frankreich“ von Delphine Coulin

deep read_Samba für FrankreichLaut UNO sind noch nie so viele Menschen auf Booten über das Mittelmeer nach Europa geflüchtet wie in diesem Jahr. Den EU-Ländern wird zwar langsam (zu langsam) klar, dass man sich irgendwie um die illegalen Zuwanderer kümmern muss, aber sie aufnehmen will keiner wirklich. Über die Migranten selbst, die bei ihrer Reise durch Wüsten und über Wasser ihr Leben riskieren, ihre persönlichen Schicksale und Nöte, erfährt man nur wenig. Delphine Coulin gibt ihnen in ihrem aufrüttelnden Roman Samba für Frankreich ein Gesicht.

Es ist das schöne Gesicht von „Ziemlich beste Freunde“-Star Omar Sy, das auf einer nachträglich zugefügten Banderole der Druckausgabe zu sehen ist. Sy verkörpert den tragischen Helden in der Verfilmung von Coulins Roman, die am 26. Februar 2015 in die deutschen Kinos kommt. Was man bisher so hört, scheinen Buch und Film wenig gemeinsam zu haben. Was ein Glück für Coulin zu sein scheint, denn ihr Text kommt ohne allzu großen Kitsch oder gar Multikulti-Klamauk aus. Im Gegenteil: Die Demütigungen und Traumata, die ihre Hauptfigur erleiden muss, werden zum Teil mit solch bestürzendem Pragmatismus – wenn auch nicht ohne Mitleid – geschildert, dass sich gerade aus der scheinbaren Normalität dieser Unmenschlichkeit eine erzählerische Wucht entwickelt.

Die Geschichte von Samba Cissé, der mit 19 Jahren aus dem vom Bürgerkrieg zerstörten Mali weggeht, um in Frankreich sein Glück zu versuchen, ist sowohl eine individuelle als auch allgemeingültige, „ein Konzentrat aus allem“, wie es an einer Stelle heißt. Samba lebt zehn Jahre in Paris, er arbeitet, zahlt Steuern und Sozialabgaben, dennoch ist er ein sans-papiers, einer ohne Papiere. Als er im Ausländerbüro eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen möchte, damit er Mutter und Schwestern in Westafrika besuchen und auch wieder nach Frankreich zurück einreisen darf, führt man ihn in Handschellen ab und setzt ihn in Abschiebehaft.

Mithilfe des Flüchtlingshilfswerks La Cimade gelingt es Samba zwar wieder auf freien Fuß zu gelangen, von nun rutscht er aber immer tiefer in die Illegalität ab. Aus dem Gewissenhaften wird ein Gesetzloser, der immer mehr seine eigene Identität und zum Schluss sogar seinen eigenen Namen ablegen muss, der ihn bis dahin immer mit Stolz erfüllt hat. „Was man von ihm denken mochte, war ihm inzwischen vollkommen egal. Er war lange genug Patriot gewesen. Mehr als alles hatte er sich gewünscht, als Mensch wahrgenommen und akzeptiert zu werden. Von solchen Überlegungen war er nunmehr frei.“

Ich finde es eine respektvolle Geste, dass Delphine Coulin sich nicht anmaßt, aus der direkten Sicht eines illegalen Flüchtlings zu schreiben. Stattdessen nimmt sie eine Perspektive ein, die nicht nur ihr selbst, sondern auch ihren Lesern sehr viel näher steht. Erst auf Seite 55 erfährt man, dass die Erzählstimme einer Bibliothekarin gehört, die als ehrenamtliche Mitarbeiterin – genau wie Coulin selbst früher – für La Cimade arbeitet. Ihr vertraut sich Samba an und weil er selbst in diesem fremden Land keine Stimme hat, wird sie zu seinem Sprachrohr. „Er sei meine Scheherazade, meinte er, wenn er mir seine Vergangenheit in Episoden erzählte.“ Warum die Frau auch Sambas geheimsten Gedanken und Träume kennt, ist zwar schon irgendwie fraglich, aber nun gut.

Tatsächlich hat „Samba für Frankreich“ viel für mein persönliches Verständnis gebracht, warum so viele Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten, darunter hauptsächlich junge Männer mit einer guten Schulbildung, bereit sind, ihre Familien zu verlassen und in eine ungewisse Zukunft aufzubrechen. Und auch, warum sie nicht zurückkönnen, wenn ihnen der Anschluss im Ausland nicht gelingt. Ständig wird über die miserable EU-Flüchtlingspolitik gemeckert, aber vielleicht fehlt uns allen erst einmal das Bewusstsein, dass eine „Flüchtlingswelle“ nicht irgendeine gesichtslose Masse ist, sondern dass dahinter Individuen stecken, die man lernen muss zu verstehen, um es besser zu machen.

Wenn ihr passend zur Lektüre vielleicht Musik aus Mali kennenlernen möchtet, hört euch doch mal Habib Koité. Leider gibts seinen wunderschönen Song „Africa“ nicht bei Soundcloud, aber hier eine Alternative zum Reinhören…

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6 Kommentare zu “„Samba für Frankreich“ von Delphine Coulin

  1. Liebe Karo,
    dies ist ein sehr wichtiges Buch, daher danke ich dir besonders für deine schöne Rezension! Es ist eine Weile her, aber ich habe mich seinerzeit ebenfalls mit diesem Thema literarisch auseinandergesetzt. In dem Jugendbuch Barsakhgeht um zwei Jugendliche aus zwei Welten, die aufeinandertreffen. Samuel aus Ghana und Emilie aus Norwegen. Samuel ist hungrig und nach seiner Flucht in einem Holzboot an der Küste gestrandet. Emilie entdeckt ihn auf einer ihrer Joggingtouren. Das Mädchen hungert freiwillig, sie ist magersüchtig. Der Autor mutet seinen jungen Lesern wirklich viel zu, stellt er doch einige Extreme gegenüber. Dies war ein sehr beklemmendes und gleichzeitig aufklärendes Buch, das mir nur ein Schicksal von vielen der Flüchtlingen vor Augen geführt hat. Samba für Frankreichbetrachtet die Thematik nochmal aus einer anderen Perspektive. Solche Bücher sind enorm wichtig, erweitern sie nicht nur den eigenen Horizont, sondern zeigen auch, wie gut es uns doch allen hier geht.

    Einen schönen 3. Advent und allerliebste Grüße aus Berlin

    Klappentexterin

    • Liebe Klappentexterin, schön, dass du das auch so siehst! Ich hab gerade deine Rezension zu „Barsakh“ gelesen und finde diesen Gegensatz zwischen den beiden Hauptfiguren auch eine sehr reizvolle, da spannungsgeladene Idee. Andererseits fand ich bei „Samba für Frankreich“ gerade interessant, dass die Hauptfigur bereits sehr lange in Europa lebt – ein Ansatz des Romans ist es auch, dass unsere Wirtschaft ohne die vielen Zuwanderer, die „unsere Drecksarbeit“ machen- als Reinigungskräfte, Bauarbeiter, Pfleger usw. für sehr wenig Geld – zusammenbrechen würde. Da ist wohl was Wahres dran!
      Dir auch noch einen schönen Adventssonntag, herzlich, Karo

  2. Vielen Dank, liebe Karo, für diese tolle Besprechung eines ja wirklich ganz wichtigen und ganz aktuellen Themas. Deutschland als zweitwichtigstes Einwanderungsland auf der einen Seite, Pegida-Demonstrationen auf der anderen und Flüchtlinge, die nur einen sicheren Platz suchen und dort natürlich ganz selbstständig leben möchten – genauso wie viele, viele Europäer, die im 19. und 20. Jahrhundert aus ganz ähnlichen Gründen nach Nord- und Südamerika ausgewandert sind. Also: Schon wieder ein Buch für meine Leseliste.
    Viele Grüße, Claudia

  3. Liebe Karo,

    über diesen Beitrag bin ich auf Dein Blog aufmerksam geworden und bin echt begeistert über Deine lebendige Art zu schreiben.

    Auch ich blogge auf http://www.buch-film.com seit ein paar Wochen zu neuen Büchern und Filmen und weiss, wie viel Energie man aufbringen muss.

    Eine Rezension zu „Samba für Frankreich“ habe ich heute auch geschrieben und glaube, wir haben in etwa den gleichen Geschmack bzw. das gleiche Verhältnis zu Literatur. Auch ich finde, dass „Samba“ ein sehr wichtiges Buch ist.

    Liebe Grüße,
    Michael

  4. Liebe Karo,
    danke für Deine schöne Besprechung. Das Thema benötigt unbedingte Aufmerksamkeit, um so besser, dass es Menschen wie Dich gibt, die uns Bücher wie dieses näher bringen, zumal es sich offensichtlich nicht in Kitsch und Rührseligkeit verliert, wie das ja doch zuweilen der Fall ist.
    Auf meiner Leseliste ist es jedenfalls jetzt gelandet.
    Liebe Grüsse und Dir nachträglich noch ein Gutes Neues Jahr
    Kai

    • Hach, Kai, es freut mich zu hören, dass ich dich für diesen Roman begeistern konnte. Ich lese zwar jetzt vermehrt auch in Zeitungen Portraits von Flüchtlingen, die aus Syrien zu uns kommen, aber irgendwie bleiben die Menschen, die illegal übers Mittelmeer nach Europa kommen, immer noch – in meinen Augen – seltsam anonym. Und das Verständnis, was sie diese Strapazen auf sich nehmen lässt, auch irgendwie schwammig. Deshalb finde ich diesen Roman so aufschlussreich…Lg

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