„Kindeswohl“ von Ian McEwan

deep read_KindeswohlAuf den Bestsellerlisten und in der Presse ist Kindeswohl von Ian McEwan schon total eingeschlagen und wurde viel besprochen. Vielleicht wurde auch schon zu viel darüber gesagt? Denn auf den Bücherblogs, die ich lese, bleibts seltsam ruhig um den Roman. Mmh, was’n da los, Kollegas? Ich muss zugeben, dass ich selbst gerade in eine Art Winterstarre verfalle und mir wünschte, man würde mich bitte bis Frühling nicht mehr wecken, aber für „Kindeswohl“ raffe ich mich auf, um dieses Werk wirklich jedem wärmstens ans Herz zu legen, da es Fragen zur Rechtssprechung und Religionsfreiheit aufgreift, die nicht besser in unsere Zeit passen könnten.

Sebastian Hammelehle, Kulturredakteur bei Spiegel Online, meint hier sogar: „Houellebecqs ‚Unterwerfung‘ mag das Buch der Stunde sein, weil es darin um den Islam und Frankreich geht – die wesentlichere Vertiefung des Konflikts, in dessen Mittelpunkt ‚Charlie Hebdo‘ steht, findet man bei McEwan. Hätte er ‚Muslime‘ geschrieben statt ‚Zeugen Jehovas‘ – er wäre in allen Schlagzeilen.“ Hat Ian McEwan aber nicht, weil er nicht wie das mephistophelische Rumpelstilzchen Michel Houllebecq auf Provokation setzt (nicht falsch verstehen, ich lese „Unterwerfung“ gerade mit großem Vergnügen!). McEwan ist da eher wohlwollender Humanist, der auf Vermittlung setzt und zwei sich gegenüberstehende Standpunkte besonnen und rücksichtsvoll auseinanderdröselt.

Im Mittelpunkt steht der Fall des 17-jährigen Adam. Adam hat Leukämie und braucht dringend eine Bluttransfusion, um zu überleben. Er will sie aber nicht. Wie seine Eltern gehört er nämlich den Zeugen Jehovas an und für die ist Blut ein Geschenk, das nur Gott geben darf. Weil ein Krankenhaus seine Patienten nur dann gegen ihren Willen behandeln darf, wenn ein richterlicher Beschluss vorliegt, wird die Familienrichterin Fiona Maye eingeschaltet. Sie ist bekannt dafür, dass sie „Verfahren mit dem ganzen Ernst und der Gewissenhaftigkeit einer Atomphysikerin“ behandelt. Das Wohl des Kindes hat für sie – die selbst seit 35 Jahren verheiratet, aber kinderlos geblieben ist – höchste Priorität. Da Adam aber fast volljährig ist und kurz davor steht, seine Entscheidungen selbst treffen zu dürfen, beschließt Fiona ins Krankenhaus zu fahren, um Adam kennenzulernen.

Nun sagt sich natürlich jeder säkularisierte Mensch, dass niemand bei gesundem Verstand sein kann, der aus religiösen Gründen sein junges Leben wegschmeißt. Doch Adam ist ein intelligenter und für sein Alter ziemlich reifer 17-Jähriger – und ein begabter Dichter und Musiker dazu. Für Fiona wird es dadurch noch schwieriger neutral zu bleiben, aber dennoch schafft sie es, ein elegantes und tadelloses Gerichtsurteil zu fällen. Was bleibt, ist das Zwischenmenschliche, das sich nicht wie eine Akte im Archiv abheften lässt. Fiona hat Adam ein zweites Leben geschenkt, jenseits von Gottes Wille. Aber sie lässt ihn mit diesem neuen Leben allein, weil sie ihre Professionalität wahren will und schwört dadurch eine Katastrophe herauf.

Ian McEwan zeigt, wie unsere kulturellen und sozialen Umstände dazu beitragen, was wir für wahr und richtig halten. Er macht das Unbehagen deutlich, dass wir in Europa gegenüber dem religiösen Glauben empfinden. Und wie widersprüchlich es ist, wenn die Gesetze unserer aufgeklärten und demokratischen Gesellschaft es einem Menschen verbieten, sein eigenes Leben selbstbestimmt führen zu dürfen. Zudem bietet McEwan spannende Einblicke in die schwierige Arbeit einer Familienrichterin, die vielleicht nicht immer über Leben und Tod entscheiden muss, dennoch geht es nie um etwas geringeres als „den Kampf um ihre Seelen“, also die Seelen der Kinder – zumindest in den Augen der Eltern: „Eltern, die eine Schule für ihre Kinder aussuchten – eine harmlose, wichtige, alltägliche Privatangelegenheit, von einer tödlichen Mixtur aus erbittertem Widerstreit und zu viel Geld in eine monströse Bürokratenaufgabe verwandelt“.

Komplementiert wird der Roman durch eine handfeste Ehekrise zwischen Fiona und ihrem Mann, der seine Frau um Erlaubnis bittet (als Richterin verlangt es wohl auch nach Feierabend noch Urteile zu fällen) mit einer Jüngeren schlafen zu dürfen. Dieses gewaltig verstrickte Themengeflecht packt Ian McEwan dank seiner präzisen und bündigen Sprache in gerade mal 240 Seiten. Zwar ist man ganz bei Fiona, die wirklich Herz und Verstand am rechten Fleck hat, aber dennoch entzieht sich das Buch auf angenehme Weise jedem Urteil oder Vorurteil. Weil auch Fiona, diese redliche Verteidigerin Justitias, jeden Fall und jeden Menschen in seinen individuellen Umständen sieht – auch wenn sie mit ihrem persönlichen Engagement bei Adam an ihre Grenzen stößt. Trotz allem ist auch sie eben nur ein Mensch.

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15 Kommentare zu “„Kindeswohl“ von Ian McEwan

  1. Ich danke dir für diese spannende Besprechung, liebe Karo – gekauft habe ich mir das Buch in der Tat schon, im Moment haben nur andere noch Vorrang. Ich habe das Buch übrigens schon bei mehreren Bloggern gesehen, auf Facebook-Seiten vor allen Dingen, Besprechungen dazu gibt es in der Tat aber kaum welche. 🙂

    • Ah, danke, liebe Mara, für diese erhellenden Erkenntnisse! Ich weiß ja, dass du zurzeit auch wieder gerne ältere Titel entdeckst und nicht mehr jeder Neuerscheinung hinterhetzen magst – aber ich denke, McEwan war eine gute Neuinvestition 😉

  2. Schön, wieder von dir zu hören!
    Ich hab „Kindeswohl“ auch sehr gern gelesen. Ein Roman voller Esprit und jeder Menge Spannung. Und, ich stimme dir zu, die Geschichte passt perfekt in all die gegenwärtigen Debatten um Religion.
    Fiona war mir super sympathisch! Ich hätte mir allerdings (ohne irgendwas zu verraten) für sie ein anderes Ende gewünscht …

    • Puh ja, ich weiß nicht wie es dir geht, liebe Masuko, aber bei diesem Schmuddelwetter da draußen ist auch in meinem Kopf zurzeit alles zappenduster 😀 Schön zu hören, dass noch jemand den Roman schon gelesen hast – ich fand das Ende übrigens absolut stimmig, da (leider) am realistischsten!

  3. Liebe Karo,
    das hört sich doch fantastisch an, was Du über „Kindeswohl“ schreibst und so freue ich mich schon aufs Lesen. Er ist einer der wenigen Romane dieses Frühjahrsprogramms, der mich gleich interessiert hat, wiel der Katalogtext schon verriet, was Du auch bestätigst, dass er nämlich ein Thema umkreist, auslotet und differenziert betrachtet, dass – auch unabhängig von dem Terror in Paris – ganz aktuell ist.
    Viele Grüße, Claudia

    • Liebe Claudia, mir gings genauso: Habe den Roman in der Vorschau gesehen und mich sofort angesprochen gefühlt, weil ich das Thema extrem spannend finde. McEwan hat sich ja auch von einem realen Fall eines befreundeten Richters inspirieren lassen. Diese realen Bezüge merkt man der Geschichte an. Viel Spaß beim Schmökern!

  4. Ich schließe mich an, das ist eine wirklich tolle Rezension. Mein Vater hat als Arzt öfter mit dem Dilemma zu tun. Ich bin gespannt davon zu lesen, wie McEwan es erzählt.

    • Vielen lieben Dank! Dann ist der Roman ja vielleicht auch etwas für deinen Vater… Ich möchte mit so verantwortungsvollen Berufen jedenfalls nicht tauschen und habe großen Respekt davor! Lg, Karo

    • Liebe Sabrina, da kann ich dir nur zustimmen! Das Buch ist interessant und auch anspruchsvoll geschrieben, aber ohne einen mit Informationen oder Wissen zu erschlagen. Es gibt ja Autoren, die packen ihre ganze Recherchearbeit in ihren Roman. Das macht McEwan gerade nicht, was unglaublich angenehm zu lesen ist, find ich. Herzlich, Karo

  5. Ich liebe Ian McEwan, muss aber sagen, dass „Kindeswohl“ vielleicht das schwächste Buch ist, das ich von ihm gelesen habe. Reale Fälle (stilistisch natürlich wunderbar) nacherzählt, angereichert mit einer lapidaren Ehekrisengeschichte. Für mich war das nichts!

    • Danke für deine ehrliche Meinung! Ich persönlich mag es ja, wenn Romane Bezüge zu gesellschaftlichen, politischen oder historischen Ereignissen haben. Was man McEwan in dieser Geschichte vielleicht vorwerfen könnte ist, dass die Verbindung zwischen dem beruflichen Fall und der privaten Ehekrise (die ja höchstens durch das Ende lapidar wird) etwas arg konstruiert ist – aber ich finde es dennoch gut wie sich diese beiden Erzählstränge spiegeln 🙂

  6. Pingback: The Children Act – Ian McEwan | Binge Reading & More

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