„Ein Bild von dir“ von Jojo Moyes

deep read_Bild von dirMit „Ein ganzes halbes Jahr“ schrieb Jojo Moyes den meist verkauften Roman 2013, der bald auch von der „Twilight“-Produzentin verfilmt werden soll (Super-Kitsch-Alarm!). Ja, ja, die meisten Literaturfeinschmecker mögen Moyes‘ Liebesschmöker für überzuckerten Plunder halten. Wer das allerdings so sieht, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit noch nie ein Buch von ihr gelesen! Mir ging es mit ihrem neuen Bestseller Ein Bild von dir wie immer: Erst hatte ich gar nicht so Lust drauf und dann konnt ich’s nicht mehr aus der Hand legen. Denn Moyes‘ Erzählungen sind zwar gefällig (natürlich erobern die Heldinnen auch verheult und ungewaschen die Männerherzen im Sturm), aber nicht trivial.

So mag „Ein ganzes halbes Jahr“ das traurigste Buch der Britin sein, „Ein Bild von dir“ ist ihr bisher düsterstes. Okay, schnurrt man die Handlung auf den Klappentext-Satz zusammen „Zwei Paare – getrennt durch ein Jahrhundert, verbunden durch ein Gemälde“, klingt das derbst nach Rosemunde Pilcher-Style. Dabei gehts hier nicht nur um Romantik, sondern auch um Kriegsverbrechen, Raubkunst und Restitutionsfälle, also die Rückführung der geraubten Kunstwerke an die usprünglichen Besitzer. Diese Kunst ist durch schwindelerregende Geldwertsteigerungen zu einem Riesengeschäft geworden, sodass es nicht länger nur um ideelle Werte und die Wiederherstellung von Gerechtigkeit geht, sondern auch um monetäre Interessen.

1916, in dem nordfranzösischen Städtchen Péronne, das von den Deutschen besetzt wird: Hier ringt Sophie gegen Hunger, Kälte und das Überleben ihres kleinen Familienhotels, während ihr Ehemann, der Pariser Künstler Édouard, an der Front kämpfen muss. Die einzige Erinnerung, die Sophie an glückliche Zeiten bleibt, ist das Portrait, das ihr Mann von ihr gemalt hat. Als Édouard droht in einem Arbeitslager elendig zu verrecken, ist Sophie bereit für seine Rettung alles zu tun. Mein Herz ist fast stehen geblieben, als ihre Geschichte auf Seite 186 erst einmal abrupt endet – mit ungewissem Ausgang. Ganz schön fies.

2006, in London, hängt Sophies Portrait im Schlafzimmer von Liv. Es ist die letzte Erinnerung, die ihr an ihren verstorbenen Mann, den Architekten David, geblieben ist – und natürlich das völlig übertriebene gläserne Loft, in dem sie (noch) lebt, aber das sie sich schon lange nicht mehr leisten kann: „Sie weiß schon lange, dass es nicht die beste Idee war, nach der Hochzeit ihre Arbeit aufzugeben und mit David herumzureisen. Während ihre Freunde Karriere machten und zwölf Stunden täglich im Büro saßen, war sie einfach mit ihm unterwegs gewesen, in Paris, Sydney, Barcelona.“ Moyes schlägt bei Livs Geschichte einen so nüchternen, fast verbittert trocknen Ton an, das man erstmal schlucken muss.

Aus diesem „Fuck Lucky“-Erzählton heraus versteht man auch Livs eisernen Kampf um das Gemälde, das ihr Sophies Erben auf einmal streitig machen wollen. Liv kniet sich verbissen in Sophies Biographie und findet heraus, dass ihre Familie sie für das, was sie im Krieg getan hat, gehasst hat. Sie wollen das Bild lediglich haben, um es teuer wieder zu verkaufen. Aber auch, wenn sich Liv im Recht sieht, hat sie längst verloren, denn in den Augen der Öffentlichkeit ist sie die Böse: „Das Gemälde gehört ihr irgendwie schon nicht mehr. Es ist ein Thema für die Archive, für Diskussionen, das Symbol für ein Unrecht.“

Was mir an Moyes Romanfiguren immer wieder gefällt sind ihre Bruchstellen. Sie sind in ihrem Handeln oft schwer zu begreifen, sie sind kompliziert und widersprüchlich. Sie tun nicht immer das Richtige. Und so müssen sowohl Sophie als auch Liv auf schmerzliche Weise erfahren, dass Gegenstände keine Menschen ersetzen können. Und dass es im Krieg und in der Liebe häufig keine Sieger gibt, sondern nur Versehrte.

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9 Kommentare zu “„Ein Bild von dir“ von Jojo Moyes

  1. Hallo. (: Ehrlich gesagt ging es mir immer so, wie du es am Anfang beschreibst: Ich hielt die Bücher von Jojo Moyes immer für irgendwie plump-kitschig-Rosamunde-Pilcher-mäßig. (wohlgemerkt ohne nie etwas von einer der beiden gelesen zu haben) Aber deine Rezension hat mich jetzt doch ein wenig neugierig gemacht, vielleicht werde ich bei nächster Gelegenheit mal ein Buch von ihr aufschlagen.

    Liebe Grüße!

    • Liebe Lily, normalerweise langweilen und nerven mich solche Liebesschnulzen auch total, aber bei Jojo Moyes mache ich eine Ausnahme. Bei ihr fühlt man sich nicht intellektuell unterfordert und sie hat verstanden, das eine Story von mehr lebt, als dass sich ein Liebespaar die ganze Zeit anschmachtet.
      Vielleicht sind es auch die Cover, die so abschreckend wirken, aber lass dich davon nicht beirren 😉

  2. Hi Karo! Hast du auch die Vorgeschichte „Die Tage in Paris“ gelesen? Würde mich mal interessieren ob das überhaupt für die „Hauptgeschichte“ nötig ist!? Ich habe zwar noch kein Buch von ihr gelesen, dafür aber die Hörbücher gehört. Sie werden wirklich toll gesprochen und die Geschichten fand ich echt super, so hat der Weg zur Arbeit doppelt so viel Spaß gemacht… 😉
    Viel Grüße, Corinna

    • Huhu Corinna, ja, ich habe „Die Tage in Paris“ auch gelesen bzw. hab’s dann abgebrochen, weils mir da zu sehr um die Paarbeziehungen ging *gähn* Falls du es dir trotzdem reinziehen magst: Ich würde erst „Ein Bild von dir“ lesen und dann „Die Tage in Paris“, weil man die Tragweite der Geschichte dann besser vor Augen hat. Noch ein schönes Wochenende, Karo

  3. “Was mir an Moyes Romanfiguren immer wieder gefällt sind ihre Bruchstellen. Sie sind in ihrem Handeln oft schwer zu begreifen, sie sind kompliziert und widersprüchlich.”
    ich hab ja nur “ein ganzes halbes jahr gelesen, aber das urteil halte ich dann doch nicht aus. ich finde, dass gerade die figuren die große schwachstelle sind. denn das triviale, gefallsüchtige und insofern auch kommerziell begünstigende ist ja gerade die pseudo-widersprüchlichkeit der handlungen (bzw. ihrer personen); denn es gibt für alles unrichtige, was die figuren tun (zumindest im erwähnten “ein ganzes halbes jahr”) auch immer gleich eine moralische rechtfertigung um ja keinen zwiespalt oder eine angriffsfläche zu bieten.
    es stimmt schon, es lässt sich alles schnell lesen. aber wenn diese figuren nicht trivial sein sollen, welche dann?

    • Wenn du dir die Mühe gemacht hättest, meine Rezension zu „Ein ganzes halbes Jahr“ zu lesen, hättest du feststellen können, dass ich genau diese Gefälligkeit und Unglaubwürdigkeit der Romanhelden in dieser bestimmten Erzählung kritisiere. Vielleicht solltest du dir kein Urteil über die Figurenzeichnungen in einem Buch bilden, das du nicht gelesen hast. Solche Pauschalisierungen halte ich nämlich nicht aus.

      • naja, die formulierung “moyes romanfiguren” legt ja schon nahe, dass die beobachtung nicht bloß auf dieses eine buch gemünzt ist; deshalb disclaim ich ja sofort, dass ich nur dieses eine kenne – und für dieses stimmt die beobachtung ja nun nicht. “moyes romanfiguren” klingt vielmehr selbst wie eine der pauschalisierungen, die sie nicht aushalten.
        ist ja alles nicht böse gemeint. ich habe auch überhaupt keine meinung zu “ein bild von dir”. aber anhand des einen buches, das ich von der autorin gelesen habe, weiß ich zumindest, dass sie nicht “immer wieder” interessante figuren zeichnet.

      • Jojo Moyes hat ja mehr als dieses eine berühmte Buch geschrieben. Ich kann Ihnen versichern, dass die Charaktere z.B. in „Eine Handvoll Worte“ oder „Weit weg und ganz nah“ – so weit das für Unterhaltungsromane möglich ist – recht komplex angelegt sind. Deshalb geht der Plural „Romanfiguren“ für mich völlig in Ordnung. Aber ich freue mich auch immer über kritischen Meinungsaustausch.

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