Zwei Mädchen im Krieg – ein Erzählexperiment

Thomas von Steinaecker

Thomas von Steinaecker (2012). Foto: © 2012 Thomas Dashuber / Agentur Focus

Am heutigen Montag startet ein Schreibprojekt der ganz besonderen Art. Neun Autoren schreiben in drei Wochen zusammen einen Roman, darunter so bekannte Namen wie Jan Brandt und Lucy Fricke. Als Vorlage dient den Literaten der wahre Fall zweier Mädchen aus Wien, 15 und 17 Jahre alt, die sich im letzten Jahr der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) in Syrien angeschlossen haben.

Heute im Laufe des Tages werden die ersten Texte auf www.hundertvierzehn.de online gestellt. Diese Texte können im Laufe der Woche von den Autoren weiter bearbeitet und verändert werden. Der Entstehungsprozess kann also von Beginn an verfolgt und die Texte online gelesen werden.

Premiere feiert der vollendete Kollektivroman dann am 12. März auf der Leipziger Buchmesse.

Ausgedacht hat sich das Erzählexperiment Zwei Mädchen im Krieg der Autor, Journalist und Fernsehregisseur Thomas von Steinaecker. Was Günter Grass und der NSA-Skandal damit zu tun haben und warum das Ganze eine Art Exorzismus ist, hat Thomas von Steinaecker mir im Interview verraten.

Herr von Steinaecker, wie genau ist die Idee zu dem Erzählexperiment entstanden?

„Ich habe letztes Jahr für 3Sat eine Dokureihe über die letzten 70 Jahre der deutschen Kultur gedreht. Für mich faszinierend war dabei einerseits dieser Aufbruchgeist Ende der Sechziger, nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch bei den Künstlern, die sich politisch engagiert haben, und andererseits der Blick auf die Kunst heute, wo ich das Gefühl habe, wir befinden uns in einem Zustand des möglichst Nichteinmischens. Man geht kein Risiko ein. In der Fernsehserie habe ich auch ein Interview mit Günter Grass geführt. Er meinte, man müsse doch zum Beispiel wegen der NSA-Affäre vor dem Kanzleramt so lange campieren, bis Angela Merkel herauskommt und Rede und Antwort steht.

Im Prinzip hat Juli Zeh genau das gemacht, indem sie einen offenen Brief an Angela Merkel wegen der NSA geschrieben hat, auf dem auch ich unterschrieben habe. Dann ist sie mit einigen Kollegen vors Kanzleramt gegangen und hat diesen Brief laut vorgelesen. Letztlich wirkte das Ganze auf mich aber so uneffektiv und obsolet in seinen Mitteln. Die Zeiten für solche Aktionen schienen mir vorbei. Ich habe mich also gefragt, was für eine politische Position man als Schrifststeller heute eigentlich noch einnehmen kann? Mir schien, dass die Lösung eben nicht in politischen Aktionen liegt, wo man irgendwie präsent ist und seinen Promi-Bonus – wenn man überhaupt einen hat – ausspielt, sondern dass man sich jener Mittel bedient, die eine Art Alleinstellungsmerkmal des Schriftstellers darstellen, nämlich das Erzählen und Einfühlen in Menschen, die einem völlig fremd sind.“

Wo wir bei Samra und Sabine wären. Die zwei Freundinnen, die in den Medien als „Postergirls des Dschihad“ bekannt geworden sind. Die Schülerinnen aus Wien sind von Zuhause ausgerissen, um für die IS zu kämpfen. Warum sollte es ausgerechnet diese Geschichte sein?

„Wenn man sich die Fotos der beiden Mädchen anschaut, die innerhalb von wenigen Monaten aufgenommen wurden, dann fragt man sich: Wie geht das? Einerseits ganz gewöhnliche Teenager, geschminkt, freudestrahlend und laut der Aussagen ihrer Freunde völlig unauffällig. Man könnte sich auch gut vorstellen, dass sie Germanys Next Topmodel anschauen und davon träumen, Model zu werden. Andererseits Bilder, die nur kurze Zeit später aufgenommen wurden, vollverschleiert, mit Kalaschnikows und erhobenem Zeigefinger und dazu gepostete Nachrichten wie „Wir sehen uns im Paradies wieder“ und „Wir sind glücklich, hier verheiratet zu sein“.

Es gibt für unsere Augen kaum etwas Schlimmeres, als das, was man über verwackelte Handybilder von diesem Kalifat sieht. Enthauptungen, Verbrennungen. Das ist so erschreckend, weil es einerseits so archaisch anmutet und sich andererseits modernster Technik bedient. Die Geschichte dieser Mädchen schien so unvorstellbar, dass sie die größte erzählerische Herausforderung darstellte. Es wäre ja auch denkbar, von Flüchtlingen zu erzählen. Aber da wäre von vornherein klar, in welche moralische Stoßrichtung das geht. Während ich mir bei diesen Mädchen unglaublich schwer tat, mich da einzufühlen. Deswegen wollte ich mich mit erzählerischen Mitteln auf die Spur machen. Weil ich denke, dass man nur noch erzählerisch da weiterkommt, wo man als Journalist anhand der Fakten scheitern muss.“

Trotzdem schreiben Sie nicht selbst. Wie ist die Auswahl der Autoren zu Stande gekommen?

Ich habe zusammen mit meiner Lektorin beim Fischer Verlag eine Liste mit Wunschkandidaten gemacht. Das waren vor allem jüngere Autoren, Autoren meiner Generation, von denen wir uns vorstellen konnten, dass sie für so ein Projekt offen wären. Zu dem Zeitpunkt war nur klar, dass es ein Kollektivroman werden soll, der sukzessive fortgeschrieben und kommentiert wird. Für das Thema habe ich mich erst entschieden, nachdem schon etwa zwölf Autoren zugesagt hatten. Weil ich mir kein typisches Anthologie-Thema wie „Mein schönster Sommer“ vorstellen konnte. Daraufhin hat die Hälfte der Autoren wieder abgesagt. Ich habe da vollstes Verständnis für. Ich musste mich ja auch erstmal zu dem Thema zwingen. Dadurch wurde die Liste der Autoren immer länger und die Namen, die durchgestrichen wurden, auch. Am Schluss waren es gar nicht mehr so viele, die in Frage kamen.

Was soll das Schreibprojekt im Endeffekt bringen?

„Im Wesentlichen erhoffe ich mir drei Dinge. Einmal, weil diese Geschichte – zumindest für mich – so unvorstellbar ist, natürlich ein Stück weiterzukommen, was da eigentlich passiert ist. Auch so etwas wie eine Entdämonisierung, weil mir scheint, dass der Schrecken dieser Bilder und Geschichten größer wird, je weniger man sie versteht. Das Zweite ist, als jemand der schreibt, einen Umgang mit dieser Flut an Medienbildern zu finden, bei der uns eigentlich täglich Hören und Sehen vergeht. Bilder wie Enthauptungen oder Verbrennungen. Eine Art Exorzismus. Und drittens, die allgemeine Frage: Ist das politisch? oder Was wäre politsch, an der Geschichte dieser zwei Mädchen? Kann es heute überhaupt politische Einmischung von Literaten in dieser Form geben?

Aber es ist eben ein Experiment. Der Ausgang ist absolut offen. Gerade auch das Formale ist spannend, weil durchaus sehr verschiedene Formen des Erzählens denkbar sind. Ich habe das Gefühl, dass heute alles auf Hochglanz und Perfektion angelegt ist, weil man – auch vor einem ökonomischen Hintergrund – Sorge hat, dass man sich vielleicht in die Nesseln setzen könnte. Das gilt insbesondere bei diesem Experiment sowohl literarisch als auch moralisch. Deswegen bin ich froh, dass es einen Raum gibt, in dem man es wirklich mal ausprobieren kann. Aber ich weiß nicht, ob es glückt. Man wird sehen.“

 

 

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5 Kommentare zu “Zwei Mädchen im Krieg – ein Erzählexperiment

  1. Liebe Karo,
    das ist ja ein super spannendes Experiment. Endlich passiert mal etwas. Endlich wird einmal in der Literatur ein ganz aktuelles gesellschaftspolitisches Thema angepackt und versucht, wie Steinacker sagt, mit literarischen Mitteln wenn schon keine Antworten, so doch Erkenntnisse zu bekommen.
    Mich wundert sowieso, warum gerade die deutsche Literatur sich momentan in so einer unglaublichen Bespiegelung innerlicher Zustände gefällt, und dabei politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme gar nicht betrachtet. Juli Zeh ist noch eine der wenigen Autoren, die sich überhaupt mit aktuellen Themen beschäftigt und dann folgen noch einige wenige andere (Lüschers Novelle aus dem letzten Jahr fällt mir noch ein) und ansonsten werden historische Themen aufgerollt (gerne solche mit DDR-Hintergrund), der Verlauf alternder Ehene seziert oder eben diese innerlicher Zustände von Trauer, Depression und Einsamkeit in epischer Breite beschrieben. Wer etwas über den Zustand unserer Gesellschaft erfahren möchte, der muss sich schon den ausländischen Autoren zuwenden. Insofern bin ich nun sehr gespannt auf den Ausgang dieses Experimentes!
    Viele Grüße, Claudia

    • Oh ich denke da haben u.a. die Deutschen viel zu heilen und sind auf dem Weg sich Bewußt zu werden, was ich eine hervorragende Ausgangsposition für ein erneutes und vorallem weiseres hinausgehen empfinde. Denn wo kann man wirklich anfangen, das ist nuneinmal bei sich selbst. Und so lange da noch soviel ungeklärter Schnodder festhing… ich wette danach wird sich gefragt werden wie anderes gehandelt und gedacht werden kann und man auch bereit ist Risiken einzugehen bzw. ob man das was man von anderen verlangt auch Selbst zu „leisten“ vermag. Ich spüre förmlich die veränderung in der Luft und vorallem wie viel Grundlegendes in Frage gestellt wird.. und ich denke es wird goße Veränderungen und Erneuerungen geben. Das spüre und sehe ich auch an den jungen Menschen für die vieles so Selbstverständlich ist was die generationen vorher sich hart erarbeiten mußte. Viele sind sehr engagiert und auch sehr klug und authentisch.
      Politik ist aber nochmal ein ganz anderes Thema…
      Lieben Gruß

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