„Die Quelle“ von Catherine Chanter

deep read_Die QuelleWir brauchen es wie die Luft zum Atmen: Wasser. Aber was passiert, wenn es nicht mehr vom Himmel tropft, die Bäche aufhören zu sprudeln und die Brunnen versiegen? Experten warnen schon lange, dass wir wegen des Klimawandels in Zukunft Kriege ums Trinkwasser führen werden, auch in Europa. Ein packendes und gar nicht unrealistisches Thema also für einen dystopischen Roman, dachte sich wohl auch Catherine Chanter. Doch in ihrem Debüt Die Quelle steht nicht so sehr das hochbrisante Umweltthema mit seinen ökologischen Folgen im Mittelpunkt, sondern eine persönliche Tragödie, sodass das Szenario austauschbar wird.

Denn was sich draußen in der Welt abspielt, erfährt man kaum. Die Story spielt fast ausschließlich auf dem letzten paradiesischen Fleckchen Erde Englands, auf dem auf unerklärliche Weise noch eine Quelle fließt. Von leer gefegten Supermarktregalen und eskalierender Gewalt auf den Straßen, die wegen der anhaltenden Dürre den Rest des Landes erschüttern, erfährt Ich-Erzählerin Ruth nur vom Hörensagen. Ruth und ihr Mann Mark, beide Mitte Vierzig, sind aus London aufs Land geflüchtet, nachdem Mark in einen Gerichtsprozess wegen Besitzes von Kinderpornographie verwickelt gewesen ist. Erst gelingt dem Paar der Neustart, aber als das Wasser überall knapp wird außer auf ihrem Grundstück, werden sie erneut sozial geächtet.

Um sich zu schützen, zieht Mark Elektrozäune hoch. Dadurch wird die Quelle nicht länger nur zum Zufluchtsort, sondern auch zum Gefängnis. Keiner kommt rein, keiner raus. Eine fast klaustrophobische Atmosphäre entsteht. Dass die Handlung auf eine Katastrophe zusteuert, ist bereits von Anfang an klar: Ruth erzählt die Ereignisse in Rückblenden. In der Gegenwart steht sie unter dem Verdacht, ihren Enkel getötet zu haben. Der sicherste Ort der Welt ist für den Jungen zur Todesfalle geworden. Für den Mord kommt nur ein kleiner Personenkreis in Frage, der sich auf dem Grundstück befunden hat: Ruth, Mark und vier Nonnen von der Sekte „Die Rose von Jericho“.

Diese selbsternannten Ordensschwestern stehen eines Tages mit ihren Wohnwagen mitten im Wald und verkünden Ruth, sie sei auserwählt. Und weil Ruth einsam ist und sich sehnlichst wünschst, an etwas zu glauben, glaubt sie den Anhängerinnen der Rose. Auch als es heißt, die Quelle sei ein Ort für Frauen, an dem alles Männliche unerwünschst sei, glaubt Ruth weiter…Es handelt sich also um einen klassischen, durchaus spannungsreichen Whodunnit-Krimi-Plot, aber weniger um ein kritisches Zukunftspanorama, das den Leser zum Grübeln bringt – außer eben bei der Frage: Wer war’s denn nun?

Besonders innovativ ist das nicht. Im Gegenteil: Catherine Chanter tut, was Margaret Atwood schon Ende der Achtziger gemacht hat, nämlich über Naturkatastrophen, Religion und weibliche Emanzipation schreiben. Manchmal sind die Erzählmotive so psychoanalytisch aufgeladen, dass sie geradezu bieder und angestaubt wirken. Zum Beispiel, wenn Ruth auf dem Bett liegt und sich selbstbefriedigen will, in diesem Moment aber eine fette schwarze Spinne von der Decke hangelt, die sie so ekelt, dass sie ihre Jeans schnell wieder zuknöpft. Da musste ich einfach nur lachen! Trotzdem möchte ich das Buch nicht schlecht reden, weil es durchaus stimmig und dicht komponiert ist. Nur eben nicht fürs Jahr 2015.

 

 

 

 

 

 

 

 

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4 Kommentare zu “„Die Quelle“ von Catherine Chanter

  1. Liebe Karo, vorgestern habe ich das Buch zum ersten Mal bei mir im Laden in der Hand gehabt, hatte einige Fragezeichen im Kopf. Doch sind alle Fragezeichen weg und ich bin bestens informiert, wenngleich ich immer noch ein wenig schwanke, ob ich das Buch lesen werde oder nicht. Hab in jedem Fall vielen Dank für deine schöne Rezension zum Sonntag!

    Herzlichst
    Klappentexterin

    • Mmh, ich glaube, man sollte einfach nicht mit einer falschen Erwartungshaltung an das Buch herangehen, dann kann man auch nicht enttäuscht werden. Es ist halt eher psychologischer Krimi als Umweltthriller.

  2. Hmm, klingt so, als hätte da mal wieder jemand das dringende Bedürfnis gehabt, über ganz viele, ganz wichtige Themen gleichzeitig in einem einzigen Roman zu schreiben…

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