„Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ von David Whitehouse

deep read_gestohlene bibliothekFür sein Debüt „Bed“ verbrachte David Whitehouse einen ganzen Tag im Bett vor einer Buchhandlung. Für Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek, sein erster Roman, der auch hierzulande erscheint, tourt der Brite im roten Doppeldeckerbus durch Deutschland (alle Termine hier). Ich schätze mal, der Anfang der Achtziger geborene Autor ist genau wie ich mit einem Bücherbus in der Nachbarschaft aufgewachsen. Denn genau in so einem Ungetüm auf Rädern erlebt der zwölfjährige Bobby Nusku jede Menge Abenteuer wie sie sonst nur in Büchern stehen.

Eins vorweg: Dieser Roman ist für Erwachsene, aber solche, die im Herzen Kind geblieben sind. Mit rührender Ernsthaftigkeit erzählt es von der Macht der Literatur und der Fantasie. „In jedem Buch gibt es irgendeinen Hinweis auf dein eigenes Leben“, steht da und man wagt kaum daran zu zweifeln, dass David Whitehouse auch selbst glaubt, was er da schreibt. Wie sonst könnte er so wunderbare Figuren erfinden wie Bobby Nusku, der die Haare seiner verschwundenen Mutter in Einmachgläsern sammelt, bis sie eines Tages zurückkehren wird? Oder Sunny Clay, der weltbeste Freund, der sich, um Bobby zu beschützen, sämtliche Knochen bricht, damit ihm immer mehr Metallteile in den Körper gepflanzt werden, sodass er zum unzerstörbaren Cyborg wird?

Wenn sein Leben ein Buch wäre, glaubt Bobby, dann wäre es so uninteressant, dass niemand es lesen wolle. Bis er die geistig behinderte Rosa und ihre Mutter Val kennenlernt, die Putzfrau in einem Bücherbus ist. In einer Nacht und Nebel-Aktion brausen Bobby, Val und Rosa mit dem Bücherbus einfach davon.

„Und dann waren sie fort, in ihrer riesigen, rasenden Bibliothek, fuhren in Richtung eines Ziels, das sie nicht kannten und bis jetzt auch nicht gewagt hatten sich überhaupt vorzustellen. Es fühlte sich an, als würde man ein Buch aufschlagen, von dem man nicht das geringste wusste.“

Plötzlich ist Bobby der berühmteste und meist gesuchte Junge der Welt. Erst recht, nachdem auch noch der ausgebrochene Häftling Joe zu den Ausreißern dazu stößt. Die Vier schließen sich zu einer Familie zusammen, wie sie keiner von ihnen bisher gekannt, sie sich aber immer gewünscht haben. Bobby ist auf einmal mitten drin in einer Geschichte, wie er sie sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können.

Wie aber schafft es David Whitehouse, dass diese Mär von einem kleinen Jungen, der sich auf einmal wie seine Helden aus „Der kleine Prinz“ und „Harry Potter“ in einem waschechten – und doch mächtig unwahrscheinlichem, wenn auch nicht unmöglichem  – Abenteuer widerfindet, nicht total banane wirkt? Durch die Magie der Sprache. Die ist nämlich ebenso märchenhaft bezaubernd wie die Handlung selbst und ergibt dadurch ein in sich stimmiges Ganzes. „Die Sätze strömten in eleganten Spiralen über die Seiten“ heißt es im Buch über den Steinbeck-Klassiker „Von Mäusen und Menschen“ und man könnte dasselbe auch über David Whitehouse eigenen poetischen Sprachstil sagen. Man kann Allegorien wie „Die Stimmgabel in seinem Herzen summte“ vielleicht zu niedlich finden, man kann aber nicht behaupten, dass es nicht sehr treffend beschrieben ist (zumindest in meinem Herzen gibts so eine Stimmgabel) und damit passt. Vor allem zu diesem Roman.

 

 

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7 Kommentare zu “„Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ von David Whitehouse

  1. Zuallererst: was für ein bezauberndes Foto! 🙂

    Deine Besprechung hat mich neugierig auf ein Buch gemacht, das wohl ansonsten ganz und gar an mir vorbeigegangen wäre – danke dafür.

    • Vielen Dank, liebe Mara, ich gebe zu, dass mir das Bild auch außerordentlich gut gefällt 🙂 Die kleine Bibliothek gehört zu einem Schlosshotel am Rhein, das meiner eigenen Traumvorstellung von einem Bücherzimmer ziemlich nahe kam.

  2. Die Sessel gefallen mir. 😉
    Ansonsten bin ich immer vorsichtig, wenn ein Buch die Leidenschaft für Bücher zum Thema hat. Ich persönlich empfinde das meistens als zu dick aufgetragen, schwülstig und kitschig. Ich glaube das könnte mir bei diesem Werk ähnlich gehen. Für mich daher keine Leseempfehlung. Aber auch dafür: Danke!

    • Oh ja, die Sessel sind ein Träumchen! Leider Hoteleigentum des Schloss Burgbrohl 😉
      Normalerweie mache ich auch einen Bogen um Bücher, die von „der Macht der Literatur“ handeln – das hat auch so was von Bauerfängerei bzw. werden da Bücherfans mit Büchern geködert. Aber irgendwie war ich in der richtigen Stimmung für was Niedliches, Romantisches, Nostalgisches – und da kam dieses Buch gerade recht!

  3. Hallo liebe Karo 🙂
    Ich habe das Buch eben auf der Arbeit entdeckt und hab mich sofort in den Titel verliebt ♥
    Dann habe ich nach einer Rezension gesucht, die mir den Inhalt genauso schmackhaft macht, wie das Cover und tadaa 🙂 Ich hab dich gefunden.
    Vielen Dank dafür Ich werde es auf jeden Fall nach Hause nehmen 🙂
    Liebe Grüße Ari~

    • Oooh wie schön, liebe Ari, dass du meinen Blog und meine Rezension gefunden hast und ich dich überzeugen konnte 🙂 Sowas tut unglaublich gut zu hören! Danke, Karo

  4. Pingback: Rezension | “Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek” | Brösels Bücherregal | Der quirlig bunte Buchblog mit fränkischer Moderation

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