„Flammenwerfer“ von Rachel Kushner

deep read_FlammenwerferExplosiv, hochoktanig, temporeich…keine Kritik zu Rachel Kushners Flammenwerfer, die nicht mit solchen oder ähnlichen Wortspielen auskommt. Schließlich wird Romanheldin Reno gleich zu Beginn in einem raketenbetriebenen Wagen durch die Salzwüste Nevadas brausen und einen neuen Landgeschwindigkeitsrekord aufstellen. Als schnellste Frau der Welt. Es wird der eine kurze Moment sein, in dem die Gesetze der Männerwelt außer Kraft treten. Aber es ist das Jahr 1975, die weiblichen Rollenbilder sind begrenzt und der Moment verstreicht.

Es ist typisch für Reno, dass sie eher zufällig den Rekordtitel gewinnt. So wie sie eher zufällig in New York die Freundin des angesehenen Künstlers Sandro Valera wird, der (ebenfalls ein Zufall) steinreicher Erbe der italienischen Reifen- und Motorraddynastie Moto Valera ist. Die junge, wilde Reno mit der sexy Zahnlücke ist jemand, der sich gern treiben lässt, um zu gucken was passiert und dabei ziemlich aufregende Sachen erlebt. Es gibt eine Szene, in der sie nachts durchs Fernsehen zappt und bei einem Spielfilm hängen bleibt, den sie mit Sandro schon einmal gesehen hat. Sie begreift, dass es in dem Film nicht wie Sandro damals gemeint hat, um das schlichte Leben in einer Bergstadt geht, sondern: „Es ging vielmehr um die Frau und darum, ob man es wichtig oder nicht so wichtig nahm, was einem passierte. Es ging ums Nicht-so-wichtig-Nehmen.“ Eine Attitüde, die auch auf die undressierte Reno zutrifft. Die aber auch bedeutet: Frauen nehmen sich nicht so wichtig, Männer dafür umso mehr.

Das ist ein Grund, warum es nie dazu kommen wird, dass Reno ihre eigenen künstlerischen Arbeiten ausstellen wird. Sie findet sie nicht gut genug. Es sind Land-Art-Projekte bei denen es um das Zeichnen von Spuren im Gelände geht. Nicht zu Fuß, kontemplativ, passiv, feminin, wie Sandro sagt, sondern so schnell wie möglich auf einer Moto Valera. Was auch dazu führt, dass man Reno auf einer SoHo-Party in einem Loft, das mal dem Maler Mark Rothko gehört hat, nicht als „Künstlerin“, sondern als „Motorradrennfahrerin“ vorstellt. Der Gast, mit dem man sie bekannt macht, ist ein Motherfucker, Mitglied einer ehemaligen politischen Straßengang, die in den Sechzigern mit Spielzeugknarren durch die Lower East Side lief, um ein bisschen „Räuber und Gendarme“ mit der Polizei zu spielen. Warum Motherfucker?, fragt Reno. Die Antwort: „Frauen hatten keinen Platz in der Bewegung. Es sei denn, sie wollten uns Essen kochen, den Boden wischen oder sich ausziehen.“

Während man in New York den Aufstand nur als Kunstprojekt probt, toben in Italien echte Straßenschlachten. Reno wird sie in der zweiten Hälfte des Buchs selbst miterleben. In Rom wird sie in einer linksautonomen Studentenbude untertauchen, in die gewalttätigen Ausschreitungen bei einer Demo verwickelt, während die Roten Brigaden im Untergrund noch einen Schritt weiter gehen und auch vor Anschlägen, Entführungen und Mord nicht zurückschrecken. Moto Valera wird zu einem Hauptangriffsziel. Der Konzern stehen für alles, was der Klassenfeind verkörpert: Ausbeutung, Kapitalismus, Faschismus, denn Firmengründer Valera gehörte zur Arditi, Vorläufer der Faschisten. Die Arditi waren eine Sturmtruppe im Ersten Weltkrieg, berüchtigt dafür, den Gegner auch mit Flammenwerfern zu grillen.

2013 hat sich das amerikanische Feuilleton heiß geredet über Rachel Kushners Überwerk, seine Metaebenen und Diskurse. Das Buch ist eine Explosion an Ideen, Motiven und Ereignissen, die in alle Richtungen schießen. Tollkühn und rasant zieht die Amerikanerin Parallelen zwischen der Revolution in der Kunst und im Leben, Macht und Machismo, Zeit und Raum. Verdammt gut kriegt sie das hin! Man kann sich aber auch einfach zurücklehnen, sich mit Reno von Ort zu Ort treiben lassen und die Dinge geschehen lassen. Beim Lesen entspannen, ist trotzdem nicht drin: zu dicht drängen sich Charaktere, Geschichten und Informationen. Wenn man nicht aufpasst, rauscht etwas davon an einem vorbei. So wie Reno auf ihrem Motorrad. „Aber vielleicht waren Frauen überhaupt zum Vorbeisausen gedacht, bloß ein verschwommener Fleck. Blitz, und weg waren sie.“

Gab ja schon länger keinen Soundtrack zum Buch mehr … und ich könnte mir nichts besseres zur Lektüre vorstellen als einen Song, der „Motorcycle, I Love You“ heißt. (Achtung: Nach fünf Minuten sieht man sich selbst nachts über einen Highway fliegen.)

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7 Kommentare zu “„Flammenwerfer“ von Rachel Kushner

  1. Das Buch hab ich auch auf dem Radar und Frau Kushner kommt im März ins Literaturhaus und ich war schwer am überlegen. Nach Deiner Rezension glaub ich aber, ich gehe Frau Kushner besuchen und werde dann wohl auch ihr Buch lesen 😉

    • Ich hätte Rache Kushner auch super gern auf der Litcologne gesehen … leider muss ich zurzeit sogar am Wochenende arbeiten 😦 Verrat mal wie’s war! Liebe Grüße

  2. Schöne Besprechung, aber, ach, ich tue mich so schwer mit Frau Kushner. Seit bald zwei Monaten liegt das Buch mittlerweile auf meinem Nachtisch, und mir fehlen immer noch hundertfünfzig Seiten, immer wieder schiebe ich andere, dringendere Bücher dazwischen. So richtig kann ich noch nicht festmachen, woran es liegt, die Themen finde ich wahnsinnig spannend, auch die Hauptfigur ist faszinierend und die Einstiegsszene – das Rennen in der Salzwüste – wahrlich spektakulär. Dennoch stellt sich kein rechter Fluss ein, als »rasant« – ein Wort, das in den meisten Rezensionen auftaucht – würde ich es am allerwenigsten bezeichnen, was möglicherweise mit den vielen langen und teilweise theorielastigen Dialogen zusammenhängt. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ein schlechtes Buch ist es mitnichten, im Gegenteil. Aber ich hatte deutlich mehr erwartet.

    • Hey, ich erinnere mich, „Flammenwerfer“ auf deinem virtuellen Blog-Nachttisch gesehen zu haben 🙂 Ich weiß aber was du meinst: Ich hatte diesen Hänger etwa nach der Hälfte des Buchs. Es lag dann wirklich zwei Wochen halb gelesen neben dem Bett. Rasant ist vielleicht die Hauptfigur, aber nicht unbedingt der Erzählfluss. Trotzdem find ich es Wahnsinn wie die Autorin verschiedene Metaebenen zu einem Ganzen verbindet. Als ich den toten Punkt erstmal überwunden hatte und die Handlung nach Italien wechselte, war ich dann „Feuer und Flamme“ 🙂

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