„Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?“ von Dave Eggers

deep read_eure VäterKein Autor reagiert so schnell auf die Welt wie Dave Eggers. Manchmal ist er seiner Zeit sogar ein Schnippchen voraus, so wie mit seiner Vision einer digitalen Gesellschaft im gehypten Der Circle. Manche behaupten sogar, der Roman sei gar keine Dystopie, sondern längst Realität. Auch Eggers‘ neuer Psychothriller Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig? ist so hochaktuell, das es beinahe beängstigend ist. Es geht um Pädophile, die bereits bevor sie eine Straftat begangen haben, kriminalisiert werden, um Polizisten, die sich von Fremden so stark bedroht fühlen, dass sie losschießen und um einen jungen Mann, der sein ganzes Leben funktioniert hat, bis er auf einmal austickt.

Während das klar umrissene Feindbild in „Der Circle“ die Sozialen Netzwerke waren, geht es in „Eure Väter, wo sind sie?“ gleich gegen das ganze System. Der Romantitel ist ein Zitat aus dem Alten Testament, Buch Sacharja. In Eggers Buch glänzen die Väter und Propheten vor allem durch Abwesenheit. Hauptfigur Thomas fehlt es an Vorbildern, an Respektspersonen und an Glaube. Er ist enttäuscht von der Regierung, der Gesellschaft, vom Leben. Aber weil man das System nicht greifen kann, schnappt er sich kurzerhand einige Stellvertreter dieser Maschinerie, entführt sie auf das verfallene Militärgelände Fort Ord in der kalifornischen Wüste und will sie erst wieder freilassen, wenn er Antworten auf seine Fragen bekommen hat.

„- Ich brauche keine Medikamente oder Therapie. Ich brauche Antworten auf meine Fragen.

– Was für Fragen, junger Mann?

– Keine besonders schwierigen. Einfache Sachen. Sie kennen die Antworten.“

Natürlich ist die Sache doch komplizierter, als Thomas dachte. Eigentlich will er nur einen ehemaligen Bekannten vom College kidnappen, um ihn zu fragen, warum er Astronaut geworden ist, wenn er doch nie ins Weltall fliegen wird. Aber dann ergeben sich immer neue Fragen. Nach und nach füllt Thomas die Baracken mit immer neuen Geiseln: einem Kongressabgeordneten, seiner Mutter, einem Lehrer…

Schade ist nur der Moment, an dem man merkt, dass Thomas nicht bloß ein verzweifelter Mensch in einer Sinnkrise ist, sondern ein gewöhnlicher Psychopath. Aus dem Romanhelden wird ein Straftäter, aus dem Gesellschaftsroman ein Thriller. Am Ende fragt man sich nicht: Wo sind sie hin, die Väter, die Propheten, die einem sagen, was man mit seinem Leben anfangen soll? Sondern: Wird Thomas geschnappt oder nicht? Irgendwie platt, aber auch typisch für Dave Eggers. Bei diesem Kerl weiß man nie, ob er etwas mit voller Absicht tut oder es einfach nicht besser drauf hat. Was schon wieder irgendwie cool ist.

Worüber man sich bei diesem Roman bestimmt auch uneins sein kann, ist die Form. Der Text ist komplett als Dialog geschrieben. Normalerweise finde ich so etwas schnell anstrengend, aber hier ist es der Hammer! Ich hatte wirklich das Gefühl, die Dinge geschehen jetzt, in diesem Moment. Ich habe die Stimmen der Figuren gehört, sie vor mir gesehen. Ich konnte die Lektüre wegen dieser Unmittelbarkeit auch gar nicht unterbrechen und habe die 220 Seiten in einem Rutsch gelesen. Ich glaube nicht, dass das Buch so ein Riesenhit wird wie sein Vorgänger. „Der Circle“ war einfach griffiger in Form und Inhalt. Auf jeden Fall beweist Eggers aber einmal mehr, dass er einer der aufregendsten literarischen Chronisten der Gegenwart ist. Es gibt den Vorwurf, er wolle zu viel in seinen Büchern. Aber besser zu viel, als zu wenig.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s