„Ich wollte Einhörner“ von Alina Simone

deep read_Ich wollte EinhörnerDen großen Durchbruch als Singer-/Songwriterin hat Alina Simone nie gehabt. Als sie ihre Träume von der Indie-Rock-Karriere endgültig an den Nagel hängt, fängt sie an zu schreiben. Darüber, wie sie einst auszog, um in New York einen fetten Plattendeal an Land zu ziehen, episch scheiterte und dabei eine Menge über die Musikszene und über sich selbst lernte. Vielleicht hätte sie schon früher anfangen sollen auf Prosa umzusatteln. Denn im Gegensatz zu ihrer Mucke – die echt ein bisschen depri klingt – sprudelt ihre Autobiographie Ich wollte Einhörner nur so über vor Energie, Leichtigkeit und Witz.

Alina Simone besitzt die Gabe, aus den haarsträubendsten Geschichten handzahme Partyanekdoten zusammenzuknödeln. Vor allem plaudert sie so offen aus dem Nähkästchen, dass man das Gefühl hat, sie persönlich zu kennen und ihr auf der Couch gegenüber zu sitzen und zu lauschen.

„Die Leute raten dir immer, du sollst »die sozialen Netzwerke nutzen«. Manche Bands heuern einen Menschen mit Platzangst und schlechter Haltung an, der sich im Internet an Fans von ähnlich klingenden Bands heranmacht. Ich hatte mal jemanden, der das ohne mein Wissen für mich machte. Das führte dazu, dass ich bei einem Konzert von einer Frau angesprochen wurde, die mich mitten ins Gesicht küsste und mir dafür dankte, dass ich mich so um ihre Tochter sorgte.“

In Brooklyn zahlt Alina ein Vermögen für ein kleines Zimmer, wo die Flöhe fröhlich aus der Matratze springen. Die Suche nach Bandmitgliedern gestaltet sich wie ein Treffen der Anonymen Alkoholiker und für Produzenten muss sie Songs singen, die so belanglos klingen, wie „bei Starbucks in der Schlange zu stehen, auf einen Latte zu warten und dabei die überteuerten Kaffeebecher anzuschauen.“

Warum tue ich mir das an? Diese Frage stellt sich Alina immer wieder. Sie selbst kommt aus einer Familie von Physikern, die irgendwas mit Mathe und Computern machen. Ihre Eltern flohen aus der Sowjetunion, weil ihr Vater auf der schwarzen Liste des KGB stand. Alina beginnt, sich mit ihren Wurzeln auseinanderzusetzen. Sie unternimmt Reisen in die Ukraine und Russland. Sie lässt sich von einem Punkmönch taufen, wandelt auf den Spuren der sibirischen Sängerin Janka Djagilewa, die mit 24 Jahren ertrank, und stellt Recherchen zu den Skopzen an, einer Kastratensekte, die einst in die fernsten Winkel Jakuziens verbannt wurde.

„Schon als ich das erste Mal den Ural überquerte, war ich überzeugt, nur hier, inmitten der Abkömmlinge kosakischer Krieger, politischer Gefangener und religiöser Abweichler, in diesen grauen Städten, eins werden zu können mit der wahren slawischen Seele“

Es scheint, dass Alina alles von der Welt Verstoßene liebt. Weil sie das Gefühl selbst allzu gut kennt, zurückgewiesen zu werden. Aber sie verliert nie aus den Augen, dass sie sich das alles freiwillig antut: Die Auftritte in Einkaufszentren und leeren Klubs, die Tourneen in viel zu kleinen Bussen, die zahllosen verschickten Demo Tapes, auf die keine Antwort kommen, die mitleidigen Blicke ihrer Familie und ihres Mannes. Am Ende kann man ihr nicht vorwerfen, sie hätte es nicht versucht. Vielleicht kommt es nur darauf an.

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2 Kommentare zu “„Ich wollte Einhörner“ von Alina Simone

  1. waaaah – ich muss aufhören diesem Blog zu folgen, so viele Bücher kann ich einfach in diesem Leben nicht mehr lesen *wieder eins auf die Wunschliste packt* 🙂

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