„Ich ohne euch“ von Claire Bidwell Smith

deep read_Ich ohne euchWenn ich an die Zukunft denke, dann gibt es etwas, das mir mehr Schiss macht als alles andere: Eines Tages werden meine Eltern nicht mehr leben. Ich werde auf eine Art allein sein wie ich sie vorher nie kannte und auch nie kennenlernen will, aber es wird trotzdem passieren. Gleichzeitig bekomme ich dann ein schlechtes Gewissen, weil ich gerade in Zeiten wie diesen, wo ich mich in Arbeit vergrabe, kaum bei ihnen melde. Als ich Claire Bidwell Smiths Autobiographie Ich ohne euch las, habe ich mich in vielerlei Hinsicht wiedergefunden. Die Amerikanerin hat ihre Eltern bereits früh verloren. Nicht immer ist es ihr dabei gelungen, alles richtig zu machen und eine gute Tochter zu sein.

An einem Nachmittag Ende Januar 1996 bekommt die 18-jährige Claire einen Anruf von ihrem Vater aus Washington. Zu dieser Zeit studiert sie an einer kleinen Kunsthochschule in Vermont. Sie genießt die gerade erst gewonnenen Freiheiten des Studentenlebens, weit weg von Zuhause und von der Darmkrebsdiagnose ihrer Mutter, den Bestrahlungen und Kolostomiebeuteln. Was ihr Vater zu sagen hat, kommt ihr unwirklich vor: Deine Mum liegt im Sterben. Claire steigt ins Auto und fährt los. Doch statt durchzufahren, geht sie lieber noch mit einem Freund, in den sie heimlich verliebt ist, Kaffee trinken. In der Nacht, in der ihre Mutter stirbt, ist Claire nicht bei ihr, sondern liegt im Bett dieses Jungens. Später bereut sie dies zutiefst: „Ich würde alles dafür geben, die Chance zu bekommen, den Moment noch einmal zu erleben und alles anders zu machen, ins Auto zu steigen und zu ihr zu fahren.“

Im Jahr 2002 ist Claire 24 Jahre alt. Sie hat einen begehrten Job bei einem Klatschmagazin in L.A. ergattert. Jeden Abend feiert sie mit den Stars auf den angesagtesten Hollywoodpartys. Doch während sie Drinks auf der Dachterrasse irgendwelcher Hotels kippt, muss sie auch an ihren Vater denken, der nur eine Dreiviertelstunde entfernt allein in seinem Appartment durch die Fernsehkanäle zappt. Nachdem er dank Bestrahlung zehn Jahre beschwerdefrei gelebt hat, ist sein Prostatakrebs zurückgekehrt. Niemand weiß, wie viel Zeit ihm noch bleibt. Claire bietet an, ihren Job zu kündigen, die Wohnung mit ihrem Freund Colin aufzugeben und bei ihrem Vater einzuziehen. „Doch noch während ich es ausspreche, bin ich hin- und hergerissen. Ich habe keine Angst, Colin hinter mir zu lassen – aber meine Zwanziger. Ich habe Angst, aufzugeben, wer ich bin.“

Es ist diese schonungslos offene Art, mit den eigenen Selbstsüchten und Schwächen umzugehen, die das Buch besonders machen. Es ist unterteilt in: Verdrängung, Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Trotzdem ist der Text nicht chronologisch, sondern macht Zeitsprünge, so wie Gedanken und Erinnerungen kommen und gehen. Dabei wird deutlich, dass Trauerarbeit eben nicht nur die Auseinandersetzung mit dem Verlust eines geliebten Menschen bedeutet, sondern vor allem mit sich selbst. Claire stürzt sich jahrelang in schlechte Beziehungen, zu viel Alkohol und reist sogar auf die Philippinen, um mit Haien zu tauchen, nur um sich nicht selbst zu begegnen. Bis sie merkt, dass das die einzige Möglichkeit ist um zu heilen.

Deshalb ist „Ich ohne euch“ auch kein Buch über das Sterben, sondern über das Leben. Dass der Erzählton so positiv und gefestigt ausfällt, liegt sicher auch daran, dass die Autorin mittlerweile wieder glücklich ist. Sie hat eine eigene Familie und arbeitet als Therapeutin mit Trauernden. Ihr Buch ist ein großer Mutmacher – sowohl für Menschen, die bereits ihre Eltern verloren haben, als auch für diejenigen, die wie ich Angst davor haben. Es hat übrigens nicht nur mich begeistert, sondern auch „Tribute von Panem“-Star Jennifer Lawrence. Die Schauspielerin hat sich die Filmrechte gesichert und will auch die Hauptrolle spielen. Eine Charakterdarstellung wie gemacht für einen weiteren Oscar.

Wenn ihr wissen wollt, wie der Text in meinem Kopf klingt, dann hört doch meinen Soundtrack zum Buch an:

spotify:track:0PpO4ExElcJterAOFQ4yge

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