„Der Susan-Effekt“ von Peter Høeg

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Wenn Susan Svendsen an der Bushaltestelle steht, dauert es keine zwei Minuten, bis der Erste ihr von seiner kranken Frau erzählt. Im Bus gesteht die Dame, die neben ihr sitzt, wie sehr sie ihren Hund liebt und die Schuljungs, die mit Susan aussteigen, schwärmen ihr von den Mädchen vor, in die sie verknallt sind. Mit Der Susan-Effekt ist Peter Høeg („Fräulein Smillas Gespür für Schnee“, 1992) ein außergewöhnlicher Krimi über eine außergewöhnliche Frau mit einer noch außergewöhnlicheren Gabe gelungen: Die bloße Anwesenheit seiner Romanheldin bringt Menschen dazu, ihr ihre intimsten Geheimnisse zu verraten.

Früher, als Susan noch Studentin war, hat sie Verhöre für die Polizei durchgeführt. Selbst die gewieftesten Verbrecher fingen bei ihr an zu gestehen – oder wurden psychotisch. Heute ist Susan 43 und Experimentalphysikerin an der Universität Kopenhagen. Sie besitzt sogar so viele wissenschaftliche Titel, dass ihre Visitenkarte die Größe einer Postkarte hat. Susans gesamte Familie, ihr Mann Laban und die Zwillinge, Thit und Harald, sind nicht nur überdurchschnittlich intelligent, sondern besitzen ebenfalls den Effekt, wenn auch ein wenig anders ausgeprägt. Auf dem Titel des Time Magazine wurden die Svendsons als „The Great Danish Family“ gefeiert. Aber jetzt hat diese große dänische Familie während eines gemeinsamen Urlaubs in Indien richtig Mist gebaut.

Während die minderjährige Tochter Thit mit einem Priester des Kalitempels durchgebrannt ist, hat Sohn Harald angeblich versucht, Antiquitäten zu schmuggeln und Susan soll sogar versucht haben, ihren sehr viel jüngeren Liebhaber, einen berühmten Bollywood-Schauspieler, mit bloßen Händen zu erschlagen. Warum, wieso, weshalb, wird nicht erklärt. Die unerzählte Hintergrundgeschichte ist einer der ausgebufften Kunstgriffe des Dänen Høeg, seine Leser wie ein Schelm an der Nase herumzuführen. Und eins macht er damit besonders deutlich: Diese Familie ist so verrückt, dass die folgenden Ereignisse nur eine von vielen unerhörten Episoden in ihrem Leben ist.

Denn Susan bekommt vom dänischen Staat ein unschlagbares Angebot: Sie muss nur eine klitzekleine Information besorgen und die Verfahren gegen die Familie Svendsen werden allesamt eingestellt. Dabei geht es um eine geheime Kommission, die Prognosen über die Zukunft entwirft. Die Vorhersagen der Organisation sind wohl so genau, dass die Regierung es mit der Angst zu tun bekommt. Susan soll also das letzte Protokoll dieser Zukunftskommission besorgen. Aber dann werden die Mitglieder einer nach dem anderen ermordet – und zwar auf ziemlich skurrile Weise, zum Beispiel in einer Waschmaschine.

„Der Susan-Effekt“ ist eine aberwitzige Mischung aus literarischem Wissenschaftskrimi, durchgeknalltem Familienroman und Popcornunterhaltung  – denn durch die übernatürlichen Fähigkeiten der Svendsen hat die Story auch etwas von einem Superhelden-Abenteuer. Auch als Kinofilm kann man sich den Roman ganz wunderbar vorstellen, denn er enthält – was man bei dem ruhigen Buchcover gar nicht vermuten mag – viele actiongeladene Szenen und trockene Pointen, beispielsweise wenn Susan nach einem Autounfall mit den Worten aus dem Wagen steigt: »Ich glaube, ich brauche keine Fahrstunden mehr. Ich fühle mich fit für die Prüfung.« Allerdings muss ich auch gestehen, dass ich nicht immer ganz hinterher gekommen bin. Ich kann gar nicht genau sagen, ob es am Inhalt oder Erzähltempo lag, aber ich habe nicht alles verstanden, was ich da gelesen habe. Aber ich bin ja auch keine Experimentalphysikerin.

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14 Kommentare zu “„Der Susan-Effekt“ von Peter Høeg

    • Liebe Sólveig, ich muss gestehen: Dies war mein erster Høeg. Aber sicher nicht mein letzter! Die Dänen haben einfach sowas herrlich Unorthodoxes, auch beim Schreiben. Das mag ich sehr 🙂

      • Ich empfehle dir die Smilla. Ganz ernsthaft, es ist gut. Ich mochte es sehr, es zieht einen in einen Bann aus Eis und Schnee und wissenschaftliche Abgründe. Man sollte es niemals an dem miesen Film messen, an dem das einzig Gute die weibliche Hauptdarstellerin war.

      • Ich glaube, ich habe den Film nie ganz gesehen … ich habe mir allerdings letztens erst den Verriss von „Fräulein Smilla“ beim Literarischen Quartett angeschaut … puh. Aber ich denke, irgendwann werde ich mir selbst eine Meinung bilden und es tatsächlich mal Lesen 😉

      • Ich gebe nicht so viel auf Verrisse (aber auch nicht auf Lobhuddelei)… ich habe schon hochgelobte Bücher gelesen und danach nur gedacht: WTF? Ernsthaft jetzt?

  1. So, dann schreib ich hier mal mit geschlossenen Augen, denn ich lese das Buch gerade und will deine Rezension erst danach lesen. Hab nur noch ein paar Seiten und dann bin ich sehr gespannt, was Du darüber denkst.

    Da haben wir also den deep-binge-read-Simultan-Effekt erzeugt, na wenn das nicht auch experimentalphysisch ist …. 😉

    • Ich weiß nicht, ob das was mit Physik oder mit unserem ähnlichen Lesegeschmack zutun hat, meine Liebe, aber ich freue mich gerade sehr, dass das Buch auch zu dir gefunden hat 🙂

  2. Ich lese das Buch auch gerade und musste vorhin sehr lachen, als Susan ihrer Tochter vom Toten in der Waschmaschine erzählt hat:

    „Wie kriegt man einen Mann in eine Waschmaschine?“
    Ich blicke ihr in die Augen.
    „Mit hinreichend Druck pro Quadratzentimeter.“

    Großartig!

  3. Pingback: Der Susan Effekt – Peter Hoeg | Binge Reading & More

  4. Liebe Karo,

    mir war gar nicht bewusst, dass dieses Buch vom Autor der berühmten Smilla ist. Gut, dass ich deine Rezension gelesen habe 😉
    Bei dem Cover hätte ich übrigens niemals ein Buch mit lustigen Zwischentönen erwartet. Doppelt gut, dass ich deine Rezension gelesen habe.
    Liebe Grüße
    Mareike

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