„Mädchen für alles“ von Charlotte Roche

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Wäre Charlotte Roche ein Mann, würde sich wahrscheinlich niemand fragen, wie oft sie duscht oder ob sie riecht. Genau das scheint jedoch viele Leute zu beschäftigen, erzählt die Autorin jedenfalls immer mal wieder in Interviews, wenn sie auf den krassen Übererfolg von ihrem Erstling „Feuchtgebiete“ (2008) angesprochen wird. Es scheint im Zusammenhang mit Roche nichts Schwierigeres zu geben, als Person und Rollen-Ich voneinander zu unterscheiden. Tatsächlich finde ich die Roche-Rezeption fast spannender als ihre Bücher. „Feuchtgebiete“ habe ich tatsächlich nie gelesen, weil ich es einfach sehr bezeichnend fand, dass man mit Analfissuren und Achselhaaren einen Skandal auslösen kann. Das sagt doch mehr über unsere überzüchtete Gesellschaft aus als über die Urheberin des Textes.

Ihren zweiten Roman „Schoßgebete“ (2011) fand ich wahnsinnig mutig, weil sich da jemand (und hier meine ich tatsächlich Autorin und Erzählerin) nackig macht. Da traut sich jemand Dinge auszusprechen, die sind zwar nicht schön, populär oder sympathisch, aber dadurch nicht weniger wahr. Viele dieser Dinge kann man nicht zurücknehmen, wenn man sie einmal ausgesprochen hat. Viele dieser Dinge machen verletzlich oder verletzen. Und damit schlenker ich rüber zum aktuellen Werk Mädchen für alles: Denn auch hier verstecken sich viele solcher böser Wahrheiten, die keiner gerne hören will, wie zum Beispiel, dass PMS eine Beziehung ruinieren kann oder dass man Seriencharakteren manchmal viel lieber mag als die eigene Verwandtschaft.

Eine weitere Wahrheit ist auch, dass Romanheldin Chrissi nur deswegen ein Kind bekommen hat, um den Druck und den Stress von der Arbeit zu entgehen und unauffällig zu Hause bleiben zu können. Natürlich läuft es nicht so, wie sie sich das vorstellt. Chrissi hängt den ganzen Tag auf ihrer Designercouch rum, schläft und trinkt, während ihr Mann arbeitet, den Haushalt schmeißt und sich um die Tochter kümmert. Bis er ein Mädchen für alles engagiert, das im Grunde alles macht, was Chrissi eigentlich machen sollte. Das Klischee vom Ehemann, der etwas mit der Babysitterin anfängt, wird kurzerhand umgedreht: Chrissi – die ja sonst nicht viel zu tun hat – beginnt, ihre jüngere Konkurrentin zu verführen. Dabei verfolgt sie einen kühl durchdachten Schlachtplan, der ziemlich krasse Mordphantasien beinhaltet.

Statt viel Untenrum-Action ist in „Mädchen für alles“ daher vor allem Blood & Gore angesagt. Was daran liegt, dass Charlotte Roche laut eigener Aussage die ganze Gewalt, die sie in ihren amerikanischen Lieblingsserien konsumiert, irgendwie rauslassen musste. Tatsächlich kann es schon nachdenklich machen, dass drastische Gewaltdarstellungen einen weniger schocken als Sex. Die einzige Szene im Buch, bei der ich laut „uäh“ gemacht habe, war, als Chrissi ein Stück Haut von einer suppenden Brandblase abzieht und genüsslich isst. Aber das war es auch schon.

Der eigentliche Schocker ist die Gefühlskälte mit der Chrissy ihre Umwelt, insbesondere ihre kleine Tochter, betrachtet. Und diese Gefühlskälte ist gar nicht so ungewöhnlich, wenn man weiß, dass etwa jede fünfte Mutter nach der Geburt ihres Kindes depressiv wird. Solche weit verbreiteten postpartalen Störungsbilder (und wir sprechen hier noch nicht mal vom ganz normalen „Baby Blues“) werden jedoch so sehr tot geschwiegen, dass einigen Literaturkritikern gar nicht aufgefallen zu sein scheint, dass dies eines, wenn nicht das zentrale Motiv im Roman ist.

Man kann diesen nie abreißenden Laberflash, der den monologischen Roche-Stil ausmacht, also zwischendurch anstrengend und ermüdend finden („Haha, Chrissi, du alter Psychoexperte, null Ahnung und nur rumlabern, ne?“), andererseits: Dadurch, dass es nur Gedanken sind, die nicht laut ausgesprochen werden, findet sich eine beinharte Ehrlichkeit darin (und Frauen können verdammt fiese Dinge denken), die tatsächlich befreiend sein kann und die ich häufig – weniger in der Literatur als im öffentlichen Diskurs – vermisse.

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4 Kommentare zu “„Mädchen für alles“ von Charlotte Roche

    • Liebe Corinna, dann ab mit dem Buch vom Regal in die Hand! Es liest sich auch sehr kurzweilig und fix. Seltsamerweise hab ich zwar im Feuilleton viel über „Mädchen für alles“ gelesen, aber Reaktionen in den Sozialen Medien habe ich irgendwie so gar nicht mitbekommen. Von daher freut es mich, von dir diese Rückmeldung zu bekommen! Lg, Karo

  1. Habs schon durch und stimmt schon, das mit der Gewalt um dem Sex. Ich fand die lesbischen Szenen teils interessanter, als die Gewaltphantasien, die mir doch zu langweilig wurden, gerade am Ende :/

    Allgemein waren die ersten beiden Bücher jedoch viel stärker als Mädchen für alles.

    Liebe Grüße,
    Susanne

    • Liebe Suey, ich fand „Schoßgebete“ zwar auch stärker als „Mädchen für alles“ („Feuchtgebiete“ habe ich ja nicht gelesen), aber finde, dass es auf jeden Fall der literarischste Roman von Charlotte Roche bisher ist. Ich finde, man merkt, dass sie sich weiterentwickelt hat und wer weiß, wohin ihre schriftstellerische Reise noch geht – ich bin mal gespannt 🙂

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