„Der Dieb“ von Fuminori Nakamura

deep read_DiebIn dem Dokumentarfilm „Jiro Dreams of Sushi“ (2011) sagt der mit drei Michelin Sternen ausgezeichnete Sushi-Koch Jiro Ono, dass er selbst nach 75 Jahren in seinem Metier noch keine Perfektion erreicht hat. Daran musste ich denken, als ich Der Dieb von Fuminori Nakamura las. Sein Romanheld Nishimura zieht Menschen ihre Portemonnaies so geschickt aus Mänteln und Handtaschen, dass sie noch nicht einmal merken, dass er da ist. Und mit jedem Diebstahl strebt Nishimura der Vollkommenheit entgegen, die nie ein Mensch erreichen wird. Bis er auf einen Gangsterboss der Tokioer Unterwelt trifft, der sich nicht für einen Menschen, sondern für Gott hält.

„Wenn ich die Wahl hatte, entschied ich mich stets für die Veränderung, das heißt für den Weg, der mich von der Welt entfernte.“

Eine der wichtigsten Voraussetzungen, die Nishimura erfüllt, um sich durchzuschlagen: Es gibt nichts und niemanden, an dem er hängt. Er macht sich nichts aus Reichtum. Die Brieftaschen, die er vornehmlich Reichen klaut, wirft er in Briefkästen, wenn er das Bargeld herausgenommen hat, damit Kreditkarten, Ausweise und andere persönliche Gegenstände wieder ihre rechtmäßigen Besitzer erreichen. Die einzige Frau, die er je geliebt hat, war verheiratet und beging Selbstmord. Sein einziger Freund ist spurlos verschwunden, nachdem sie beide bei einem Raubüberfall mitgewirkt haben, der dem Freund eigentlich die Freiheit schenken sollte. Es sollte ein letzter Auftrag im Dienste jenes Gangsters sein, der so gerne Gott spielt. Welch größeren Plan dieser Oberschurke eigentlich verfolgt, offenbart sich Nishimura erst, als es schon zu spät ist.

Japan ist nicht nur das Land, das so großartige Dinge wie Sushi oder Katzencafés hervorgebracht, sondern auch Autoren wie Banana Yoshimoto, Yoko Ogawa und, na klar, Haruki Murakami. Reiht sich Fuminori Nakamura mit diesem Debüt in diese Riga ein? Nun, sagen wir mal so, die Zeichen stehen gut, von der Perfektion ist er meiner Meinung nach aber noch weit entfernt. Vom Wall Street Journal wurde „Der Dieb“ unter die zehn besten Romane des Jahres 2012 gewählt und Die Welt feiert ihn als „das neue große Literaturding aus Japan“ – meine Euphorie hält sich dagegen in Grenzen. Die knappe, zielgerichtete Erzählweise, die ich sonst so sehr an der japanischen Literatur liebe, ist hier nur noch Haut und Knochen. Ich hatte das Gefühl, keinen 200-seitigen Roman, sondern eine Synopsis zu lesen.

Nicht nur für seine Opfer, die er bestiehlt, sondern auch für mich bleibt der Ich-Erzähler ein seltsam konturloser Geist, über den ich nicht viel zu sagen weiß außer, dass er eine Zigarette nach der anderen raucht und sich von einem Turm beobachtet fühlt, von dem man nicht sagen kann, ob er wirklich existiert oder nur Einbildung ist. Sehr viel interessanter als der blasse Held sind die Nebenfiguren in dieser Erzählung. Die ungerührte Prostituierte mit dem zuckenden Auge, auf die sich Nishimura einlässt, und ihr kleiner Sohn, der Nishimura wie ein treuer Hund folgt, um sich von ihm die Meisterschaft des Stehlens abzuschauen. Und natürlich Kizaki, der kultivierte, aber eiskalte Gangsterboss, der seine Morde gerne so aussehen lässt, als sei die chinesische Mafia oder der Zufall am Werk gewesen.

Vielleicht bringt es Fuminori Nakamura beim Schreiben ja noch zur Meisterschaft – vielleicht hat er das schon längst getan, da er in Japan bereits über ein Dutzend Romane herausgebracht hat. Ich würde die nächste Übersetzung auf jeden Fall gerne lesen. „Der Dieb“ erscheint mir persönlich jedoch noch eher wie eine Fingerübung.

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4 Kommentare zu “„Der Dieb“ von Fuminori Nakamura

  1. Mir ging es mit Fuminori Nakamura ganz ähnlich. Und wie treffend, den Ich-Erzähler als einen „seltsam konturlosen Geist“ zu bezeichnen!
    Bin aber – genau wie du – gespannt auf seine nächsten Romane. Auch ein Sushi-Meister hat schließlich irgendwann mal ganz klein angefangen … Schöne Grüße!

    • Schön zu wissen, dass ich nicht die Einzige bin, wo der Funke noch kein Feuer entfacht hat. Hast du den Roman deshalb nicht auf deinem Blog besprochen? Es wunderte mich, dazu nichts bei dir zu finden …

      • Mir ist einfach kein einziger Satz dazu eingefallen. Ich fand ihn irgendwie cool, aber seltsam emotionslos.
        Bin allerdings viel aufmerksamer in der U-Bahn seit ich den „Dieb“ gelesen habe 😉

      • Ein ähnliches Problem habe ich in letzter Zeit auch bei einigen Büchern gehabt: Sie waren mir zu egal, um drüber zu schreiben. Weiß auch nicht, was da los ist … hoffen wir mal auf das Frühjahr 😉

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