„Der Sündenfall von Wilmslow“ von David Lagercrantz

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Im letzten Jahr war David Lagercrantz in aller Munde, weil er im Auftrag von Stieg Larssons Familie einen 4. Teil der Millenium-Reihe schreiben durfte. Für die Fortsetzung „Verschwörung“ hatten die meisten Journalisten – schon aus Prinzip – nur Häme übrig, denn natürlich kann niemand den verstorbenen Larsson ersetzen. Aber da „Verschwörung“ nun einmal in der Welt war, hätte es wohl meiner Meinung nach keiner besser wuppen können als sein schwedischer Landsmann Lagercrantz. Denn was wohl keiner bestreiten wird: Stieg Larsson hatte zwar eine brillante Vision, ein stilistisch brillanter Schreiber war er nicht gerade. Lagercrantz aber schon. Dafür scheint es ihm ein wenig an Vision zu fehlen, denn auch bei seinem ersten eigenen Roman Der Sündenfall von Wilmslow gibt es eine Vorlage: Das Leben und Sterben des englischen Mathematikers Alan Turing. Der Mann, der einst den Computer erfand und im Zweiten Weltkrieg den Verschlüsselungscode der Nazis knackte.

Vielleicht liegt es ja an seinem journalistischen Hintergrund, dass Lagercrantz ein – egal, ob durch Fiktion oder Fakten – vorgegebenes Story-Gerüst braucht, um seiner Phantasie Flügel zu verleihen. Leider klingt das im Klappentext etwas lame: England, 1954, Kalter Krieg … schnarch! Dabei liest sich insbesondere die erste Hälfte des Romans so schön spannend und fluffig wie ein Detektivschmöker von Agatha Christie. Eher britisch urig, statt schwedisch düster. Keinen Mord gilt es in dieser Geschichte aufzuklären, sondern einen Selbstmord. Das verschrobene Genie Alan Turing hat Zuhause im kleinen Nest Wilmslow in einen vergifteten Apfel gebissen und sich danach zum Sterben ins Bett gelegt. Aber warum wollte er nicht mehr leben?

Den 28-jährigen Ermittlungsassistenten Leonard Corell, der als erster am Tatort eintrifft, interessiert diese Frage zunächst herzlich wenig. Allein die Notizbücher voll mit mathematischen Gleichungen im Haus des Toten faszinieren ihn. In Corell wird eine längst verloren geglaubte Leidenschaft für Zahlen wach. Einst war er selbst ein kluger, etwas verträumter Junge, dem sein Vater versprach, er würde mal Großes und Wichtiges denken und leisten. Bis die Weltwirtschaftskrise der Familie alles nahm: das Haus im Londoner West End, die Bediensteten, die Würde und das Geld, um den Sohn nach Cambridge zu schicken. Statt eines Überfliegers am King’s College wurde aus dem Sohn ein Beamter in der muffigen Provinz. Mit Corell hat der Autor nicht nur einen ungewöhnlichen Polizeicharakter mit vielen Schwächen und wenig Selbstbewusstsein erschaffen, sondern auch einen faszinierenden Gegenpart zu Alan Turing.

Denn so sehr Corell den Verstorbenen um seine wissenschaftliche Karriere beneidet, so abgestoßen ist er davon zu erfahren, dass Turing schwul war. In den 1950ern gilt Homosexualität noch als Straftat – und genau so hat man Turing auch behandelt: wie einen Schwerverbrecher. Erst verlieh man ihm eine Ehrenmedaille für seine Dienste im Krieg, dann zwang man ihn dazu, sich einer fragwürdigen Hormontherapie zu unterziehen. Selbst der homophobe Corell erkennt die große Ungerechtigkeit, die Turing widerfahren ist, und fängt an, immer tiefer in der Vergangenheit zu graben.

Hier beginnt die zweite, biopic-mäßige Hälfte des Romans, die einen etwas irritierenden Bruch zu der vorangegangenen, mit Spannungselementen angereicherten Kriminalgeschichte darstellt. Denn Lagercrantz hält sich strikt an die Historie, vor allem wenn es um die Zeit von Alan Turing in dem berühmten Bletchley Park geht, dem Think Tank des britischen Militärs während des Zweiten Weltkriegs. Zeitweise rattert der Autor nur noch Fakten und Abläufe herunter und vergisst darüber ein wenig das Erzählen.

Für jemanden wie mich, der so gut wie nichts über Alan Turing wusste, ist das immer noch packend, lesenswert und sehr lehrreich. Für jemanden, der bereits einen Film oder ein Buch über diesen bedeutenden Wissenschaftler gesehen oder gelesen hat, vielleicht weniger. Dazu muss man sagen, dass der Roman im Original bereits 2009 erschienen ist. Das heißt, bevor 2012 auf der ganzen Welt das „Turing-Jahr“ ausgerufen wurde und sein Leben 2014 in „The Imitation Game“ mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle verfilmt wurde. Vor sieben Jahren hat man sich also noch nicht so häufig mit dem persönlichen Schicksal von Turing beschäftigt. Aber sicher ist seine Geschichte es wert, immer wieder erzählt zu werden.

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