„Tomatenrot“ von Daniel Woodrell

deep read_Tomatenrot

Niemand hat das „Country Noir“-Genre so stark geprägt wie sein Erfinder, Daniel Woodrell. Jetzt hat der Liebeskind Verlag sein kleines Meisterwerk Tomatenrot (1998), das in den USA gefeiert, aber hierzulande so gut wie unbemerkt geblieben ist, noch einmal neu ins Deutsche übertragen lassen. In der Tat steht und fällt dieser Roman mit einer guten Übersetzung, denn seine dunkle Anziehungskraft rührt von einer ganz besonderen Sprachästhetik her, die rau und abgefuckt, wunderschön und sexy zugleich ist.

Man fällt in Woodrells Bildwelten hinein wie in die abgründigen Amerika-Bilder, die der Fotokünstler Gregory Crewdson inszeniert. Es sind nie nur geographische Landschaften, sondern auch seelische – oder heimgesuchte, von Geistern, Dämonen, was auch immer hier haust. Die Ozarks, eine zerklüftete Hochebene im Mittleren Westen, wirkt in Woodrells Romanen wie ein lebendiges, vor sich hinröchelndes Tier. Der Himmel ist hier „aschfahl und schmierig vor Schweiß, so als würde von Süden her ein Herzinfarkt aufziehen“ und „der Nebel fühlte sich an wie eine Zunge“. Es ist eine Gegend, die mit ihrer eigenen Übellaunigkeit beschäftigt ist, und die Menschen darüber vergessen hat. Eine Gegend, in der Arm und Reich, häufig nur einen Steinwurf voneinander entfernt, aber doch wie auf unterschiedlichen Planeten leben.

So wie in der fiktiven Kleinstadt West Table. Vom Rest der Welt nur durch Eisenbahngleise getrennt, liegt hier in einer Senke, wo sich Müll und Schrott ansammeln, eine Wohnwagensiedlung, die ausgerechnet den Namen „Venus Holler“ trägt. Wobei „eine Göttin nun die absolut Letzte ist, die man hier jemals zu finden erhoffte – aber falls doch, dann hätte man die auch für drei Mäuse vögeln können.“ Hier leben die Merridews. Die 19-jährige Jamalee mit den tomatenroten Haaren, ihr schwuler Bruder Jason, dessen Schönheit den wohlhabenden Hausfrauen der Umgebung den Verstand raubt, und ihre schnaps- und männerkillende Mutter Bev.

Der Herumtreiber Sammy, der alles tun würde, um irgendwie Anschluss zu finden, lässt sich nur allzu gerne von der Familie Merridew aufnehmen. Er, der die siebzehn Meilen zwischen Arkansas und Missouri durchquert und damit immerhin mehr von der Welt gesehen hat als die meisten Hinterwäldler in den Ozarks, hat sich damit abgefunden, dass jemand wie er an einen Ort wie „Venus Holler“ gehört. Doch Jamalee will sich mit dem Leben, in das sie hineingeboren wurde, nicht zufrieden geben. Sie hat einen Plan wie sie es mit Sammys Hilfe schaffen kann aus „Venus Holler“ herauszukommen.

Trotz der White-Trash-Tristesse zieht der Roman einen nicht runter. Daniel Woodrell hat einmal gesagt, dass seine Protagonisten deshalb häufig Heranwachsende seien, weil jungen Menschen alle Türen offen stehen, auch den armen. Selbst in auswegslosen Situationen manifestiert sich in seinen Figuren das Prinzip Hoffnung – und die Aufsässigkeit derer, die nichts zu verlieren haben.

Und hier noch mein persönlicher Soundtrack zum Buch:

Advertisements

3 Kommentare zu “„Tomatenrot“ von Daniel Woodrell

  1. Pingback: Daniel Woodrell: Tomatenrot – SchöneSeiten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s