„Des Tauchers leere Kleider“ von Vendela Vida

deep read_Des Tauchers leere Kleider

Eine Amerikanerin reist nach Marokko, um sich selbst zu vergessen. Dann verliert sie in Casablanca ihren Rucksack, Pass, Kreditkarten. Plötzlich ist sie tatsächlich ohne Identität. Ein Überlebensinstinkt wird wach und die Frau wird nicht nur eine, sondern gleich mehrere andere. Behutsam, Schicht um Schicht, entblättert Vendela Vida in Des Tauchers leere Kleider (benannt nach einem Gedicht des persischen Mystikers Rumi) wovor ihre namenlose Protagonistin flieht und wickelt den Leser dabei mit ihrer einnehmenden Art des Schreibens um den Finger. Aber, bei aller Begeisterung: Meiner Meinung nach sind die unterschwelligen kulturellen Feindbilder im Buch unter Vorbehalt zu genießen!

Dabei macht es Vida einem auch so nicht gerade leicht, ihren vierten Roman von Beginn an zu mögen, denn die sperrige 2. Person Singular als Erzählperspektive lässt das Lesen zunächst zum Hindernislauf werden. Jedes „Du“ in jedem Satz wird zur Hürde, die man mit Anlauf nehmen muss. Das führt dazu, dass man nie richtig an die Hauptfigur herankommt, ihr seltsam fern bleibt. Bis man checkt, wie genial das ist, weil es genau darum geht: um Entfernung und Entfremdung. Wahrscheinlich ist es sogar die Hauptfigur selbst, die hier mit sich spricht wie mit einer anderen. Auf einmal macht alles Sinn und ich staune mal wieder darüber was Sprache alles vermag!

Was Sprache aber auch vermag, das ist entlarven. In diesem Fall eine ziemlich mit Vorurteilen beladene Sichtweise auf das arabische Ausland als das Fremde, Wilde, Bedrohliche. Hätte die Romanheldin bloß auf ihren Reiseführer gehört, in dem stand: „Das Erste, was man bei der Ankunft in Casablanca tun sollte, ist, Casablanca zu verlassen.“ Denn kaum ist sie in der Stadt angekommen, wird ihr beim Einchecken im Hotel ihr Rucksack mit allen wichtigen Dokumenten geklaut. Was sie danach erlebt, ist ein Alptraum an Machtlosigkeit und Ausgeliefertsein gegenüber einer patriarchalen Kultur (es sind tatsächlich nur Männer, mit denen sie zu tun hat), der in seinen grotesken Ausmaßen an Kafka erinnert.

Die Hotelangestellten verfolgen das Überwachungsvideo, das sie überhaupt erst mithilfe der Frau bedienen können und das den Diebstahl aufgezeichnet hat, als handle es sich um ein unterhaltsames Fußballspiel: „Sie haben dich vergessen“. Der Security-Chef rät der Frau sich zu entspannen: „Er steht einfach nur da und lächelt“. Nachdem man sie zuerst auf das falsche Polizeirevier geschickt hat, ist sie am Ende so verzweifelt, dass sie vom Polizeichef einen Rucksack mit Pass und Portemonnaie von einer Frau annimmt, die ihr zwar ähnlich sieht, aber nicht sie ist: „Du hast nicht viele Optionen. Das ist dir klar. Der Polizeichef bietet dir an, etwas anzunehmen, was dir nicht gehört. Und du weißt nicht genau, was passieren wird, wenn du dich weigerst.“

Eine weiße, aufgeklärte, emanzipierte Frau trifft also auf einen Haufen nordafrikanischer, rückständiger, verschlagener Männer, die ihr latent mit Gewalt drohen, wenn sie nicht nach ihren Regeln spielt. Das sind mächtige Bilder, denen man sich – gerade als Frau – kaum entziehen kann, weil sie tief verwurzelte Ängste in uns ansprechen, von Männern nicht ernst genommen zu werden. Aus demselben Gründen sind es aber auch gefährliche Bilder, die im Roman so dargestellt werden, als wären sie das Natürlichste von der Welt und es deshalb zwecklos, sich zu wehren. Alles, was der Frau übrig bleibt, ist sich still zu verhalten und das Spiel mitzuspielen, damit nicht alles noch schlimmer wird.

Sie wird zu Sabine Alyse, die Frau, deren Papiere man ihr übergeben hat. Sie taucht unter. Sogar im wahrsten Sinne des Wortes, denn in dem westlich geführten 5-Sterne-Regency-Hotel, in dem sie unter falschem Namen eincheckt, gibt es auf dem Dach einen Pool. Und als sie aus dem Becken wieder auftaucht, stehen zwei verzweifelte Filmleute vor ihr, die dringend Ersatz für ihr Lichtdouble suchen, um die Dreharbeiten mit einer berühmten amerikanischen Hollywood-Schauspielerin fortsetzen zu können. Lichtdoubles müssen dem Schauspieler in Hauttyp und Statur ähnlich sein. Die Romanheldin ist die einzige Frau weit und breit, auf die diese Beschreibung zutrifft. Sie stellt sich dem Filmteam als Reeves Conway vor. So heißt das Baby ihrer Schwester. Der Grund, warum der Romanheldin ausgerechnet dieser Name als Erstes in den Sinn kommt, ist Kern der Geschichte und unglaublich traurig und berührend.

Vendela Vida hat ein packendes psychologisches Drama mit einer hypnotisierenden, aber auch manipulativen Sprache verfasst. Es bleibt ein diffuses Gefühl von Unbehagen zurück. Ähnlich wie bei den diesjährigen Oscars, bei denen nur weiße Amerikaner nominiert sind. Kann sein, dass es sich um reinen Zufall handelt. Kann sein, dass sich niemand was dabei gedacht hat. Aber zeigt nicht gerade diese Unachtsamkeit, wie unbewusst wir zwischen „uns“ und den „anderen“ unterscheiden? Jetzt fällt die Veröffentlichung von „Des Tauchers leere Kleider“ in Deutschland auch noch ausgerechnet auf einen Zeitpunkt, zu dem die Übergriffe in der Silvesternacht noch sehr präsent sind und nordafrikanische Männer eh gerade zur Lieblingszielscheibe von Fremdenfeindlichkeit geworden sind. Das sensibilisiert natürlich noch einmal besonders für das Thema, das eigentlich nicht Thema des Roman ist. Es geht darin nicht um kulturelle Differenz, sondern um die Aufarbeitung eines individuellen Traumas und persönliche (weibliche) Selbstfindung. Aber der Text ist eben auch ein Beweis dafür, wie kulturelle Identität die Art des Schreibens und des Denkens prägt.

Schaut auch mal bei literaturen und Die Buchbloggerin vorbei, wo ihr weitere Meinungen zu dem Roman findet.

Advertisements

Ein Kommentar zu “„Des Tauchers leere Kleider“ von Vendela Vida

  1. Pingback: Vendela Vida und „Des Tauchers leere Kleider“ - Rezension

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s