„Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk

deep read_Der goldene Handschuh

Vor langer, langer Zeit sah ich nachts einmal eine Fernsehdoku über den Frauenmörder Fritz Honka. Das war jetzt nicht unbedingt die beste Einschlafhilfe. Zwei Dinge sind mir nach all den Jahren immer noch hängengeblieben. Dass er nur ganz zufällig überführt wurde, weil es einen Brand in dem Dachstuhl gegeben hat, in dem er die zerstückelten Leichen versteckt hatte. Und eine körnige Schwarz-Weiß-Fotografie der Hamburger Polizei, die Honkas Hände zeigte. Das waren keine Hände. Das waren Schaufeln wie bei einem Maulwurf. Ohne Zweifel, die Frauen, die er damit erdrosselte, hatten keine Chance.

„Am meisten hat sie Angst vor seinen Händen. Selbst für einen großen Mann wären die Hände riesig. Es ist bestimmt nicht umsonst so, dass er solche Hände hat, der Liebe Gott wird sich dabei schon was gedacht haben. Ausgerechnet der Liebe Gott, als ob der hier noch mitmischen würde.“

Ich habe daher erstmal nicht kapiert, warum Heinz Strunk ausgerechnet Fritz Honka zum Helden seines ersten nicht-autobiographischen Romans Der goldene Handschuh gemacht hat. Würde er aus dem psychopathischen Serienkiller eine bemitleidenswerte Witzfigur machen? Sicher hatte Honka es auch nicht leicht. Verständnis hat er sich aber in dem Moment verspielt, in dem er zum Mörder wurde. Nicht nur einmal, sondern vier Mal. Dann landete der Roman auch noch auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse. Jetzt wollt ich’s aber wissen: Alles nur Effekthascherei oder echtes literarisches Kunststück? Nach der Lektüre war ich, logisch, schlauer.

Erste wichtige Erkenntnis: Heinz Strunk lässt sich viel Zeit, bis er den Leser an einem Mord teilhaben lässt. So viel Zeit, dass der Roman schon fast zu Ende ist. Da hat man längst Gelegenheit gehabt, um sich doch so etwas wie Mitleid mit Fiete, wie Honka im Roman genannt wird, einzufangen. Weniger brutal wird der Text dadurch nicht. Fiete ist verbogen und verwachsen, von innen und von außen. Die Augen gucken in verschiedene Richtungen, Nase und Zähne sind zertrümmert. Bei den Frauen kommt das nicht gut an. Also muss Fiete nehmen, was er kriegt. Und das sind die Frauen im Goldenen Handschuh, eine Säuferkneipe auf St. Pauli, 24 Stunden geöffnet, schlimmer geht’s nimmer. Zur Not würde er auch eine Olle mit Amputation oder drei Arschlöchern nehmen, was auch irgendwie wieder geil wäre, denkt er. 

„Seine Phantasien werden immer abartiger, er stellt sich vor, es mit einer ohne Arme und Beine zu treiben oder einer mit Hautausschlag oder einer, die an Zahnfleischwund leidet, deren lockere Vorderzähne sich regelrecht eindrücken lassen. Es gibt nichts, was es nicht gibt.“

Einmal haben sie im Handschuh zwei Tage und zwei Nächte nicht gemerkt, dass einer auf seinem Hocker gestorben ist. Man dachte, das ist einer von den „Schimmeligen“. Die sitzen mit vollgepissten Hosen und leerem Blick im hinteren Teil der Lokalität, und, tja, schimmeln halt vor sich in. Zweite wichtige Erkenntnis: Im Roman finden sich eine ganze Vielzahl von „Scheißhausexistenzen“ wie Doornkaat-Willy, Tampon-Günter oder Soldaten-Norbert, die nicht viel von Fietes gestörter Persönlichkeit trennt. Hinzu kommen die Erben der Reederei-Familie von Dohren, die ebenfalls gerne mal im Handschuh Platz nehmen, um sich zwischen den „Behinderten und Besoffenen“ richtig volllaufen zu lassen und dabei Dinge denken wie: „Werde ich auch so, wenn ich nur lange genug hier sitze?“ Denn wie viel Suff kann ein Mensch im Leben ertragen, wie viel Dreck fressen, bevor er jenseits von Gut und Böse ist? Wie hässlich muss er sich finden, bis ihn nichts mehr ekelt oder schreckt? Wie viel Honka steckt in jedem?

Minderwertigkeitskomplexe – damit kennt Heinz Strunk sich aus, nicht nur in seinen Büchern. Selbst auf seiner Wikipedia-Seite ist von der Acne conglobata die Rede, unter der er als Jugendlicher so stark litt. Als Erwachsener hat er eine Tugend daraus gemacht: Mit viel Humor die eigenen körperlichen Defizite nicht einfach nur weglächeln, sondern richtig draufhalten. Einfach der Lächerlichkeit preisgeben. Einer wie Strunk kann das, einer wie Honka konnte das nicht. Daher die dritte und letzte Erkenntnis: Vielleicht hat es den Heinzer gebraucht, um diese Geschichte zu erzählen. Beängstigend gut wie er sich in dieses kranke Hirn eindenkt, ja, einfühlt, denn nie geht er auf ironische Distanz zu seinem Antihelden, auch wenn jedes Wort, jede Verzweiflung, jede Perversion ganz bewusst gesetzt ist. Er macht Fritz Honka nicht schöner und nicht hässlicher als er war. Er zeigt nur, wie krank die Welt sein kann. Denn:„Es gibt nichts, was es nicht gibt.“ 

Advertisements

2 Kommentare zu “„Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk

  1. Das hört sich tatsächlich recht interessant an und ich überlege mir ernsthaft, ob ich Heinz Strunk nicht doch noch einmal eine Chance geben soll, obwohl mich sämtliche seiner Bücher, die nach „Fleisch ist mein Gemüse“ kamen, bitter enttäuscht haben.

    • Hey Christoph, wenn dich bei den nachfolgenden Strunk-Werken vor allem die Wiederholung des immer gleichen Themas enttäuscht hat, dann könnte das der richtige Wiedereinstieg sein. Andererseits spielen Versagen und Ekel ja immer eine Rolle bei ihm. Aber das nimmt hier schon ne andere Dimension an. Eine sehr irre Dimension.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s