„Unterleuten“ von Juli Zeh

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„Mein ganzes schriftstellerisches Leben lang wollte ich einen Gesellschaftsroman schreiben“, sagt Juli Zeh. Jetzt ist er endlich da! Ein Jahrzehnt lang hat sie an ihrem Magnus Opum Unterleuten gesessen, geschrieben, gefeilt und was hat sich die Mühe gelohnt! Manche Geschichten und Figuren müssen eben reifen, so wie das Getreide auf den Feldern rund um das fiktive Dorf in Brandenburg vor der großen Ernte. „Unterleuten ist der Ort, an dem ich in meiner Phantasie fast zehn Jahre lang gelebt habe“, so die Autorin. Und jetzt ist es der Leser, der hier einen Sommer lang, im Jahr 2010, „unter den Leuten“ lebt und dabei mehr als einmal vergisst, dass es sie in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Unterleuten ist ein Mikrokosmos, eine Parallelgesellschaft, wo jeder jeden kennt, vielleicht nicht unbedingt mag, aber das Gefühl von Heimat schweißt doch zusammen. Man hat den Krieg überlebt, die DDR, den Mauerfall – das Leben wird nicht von Staatsformen bestimmt, die schneller wechseln können, als man sich daran gewöhnen kann, sondern höchstens vom Wetter. Die Welt mag sich da draußen weiterdrehen, aber hier regelt man die Dinge unter sich, am liebsten bei einem Bier im Landmann. Bis die Außenwelt nach Unterleuten kommt. Die Superinvestoren aus dem Westen, die Hunderte Hektar Land aufkaufen, um sie gewinnbringend weiterzuverscherbeln. Die Aussteiger aus Berlin, die sich auf dem Land selbst verwirklichen wollen. Und schließlich die Regierung, die beschließt, dass in Unterleuten ein Windpark entstehen soll. Da ist es dann endgültig vorbei mit der Ruhe.

Es ist ein geradezu diebisches Vergnügen zu beobachten wie sich die scheinbare Dorfidylle immer mehr in einen Kriegsschauplatz verwandelt. Da werden Intrigen gesponnen, Interessen gegeneinander ausgespielt, alte Fehden aufgenommen und neue Allianzen geschmiedet. Aus leeren Drohgebaren werden am Ende handfeste Schlägereien. Es gibt diejenigen, die den Windpark aus den richtigen Gründen wollen, aber denen falsche Absichten unterstellt werden. Allen voran der mächtigste Mann im Dorf, Gombrowski, der so ruppig und massig ist wie sein Name klingt. Ganz früher gehörte seiner Familie mal alles hier. Dann kam die Planwirtschaft der DDR und richtete die Gegend fast zu Grunde. Mühevoll hat Gombrowski nach dem Sozialismus die Wirtschaft wieder aufgebaut, den Menschen Arbeit und dem Dorf ein Überleben gesichert. Und darf sich am Ende doch immer nur anhören, er würde sich die Taschen vollmachen

Und es gibt diejenigen, die so tun, als wollten sie den Windpark aus den richtigen Gründen nicht, aber eigentlich ganz andere Interessen verfolgen. So einer ist Gerhard Fließ. Der eremitierte Professor ist gerade erst mit seiner jungen Hippie-Frau plus Baby von der Großbaustelle Berlin weggezogen. Jetzt hockt er in der Naturschutzbehörde wie früher an seinem Lehrstuhl und lehnt mit Herzenslust jedes Bauvorhaben ab, das die Unterleutener Heide verschandeln könnte. Sein Protest gegen die Windkraftanlage hat aber weniger mit der Gefährdung seltener Vogelarten zu tun, als mit der Tatsache, dass sich die riesigen Propeller direkt vor seinem gerade teuer saniertem Haus drehen sollen. Energiewende ja, aber doch bitte woanders!

Juli Zeh hat für ihren Roman ein großes Personal von insgesamt elf Hauptfiguren und vielen weiteren Nebenfiguren entworfen, die einen schillernden Querschnitt durch die Gesellschaft zeigt. Jeder von ihnen ist bis ins Detail lebendig gezeichnet, jeder von ihnen hat seine eigenen Beweggründe, die man irgendwie verstehen oder zumindest nachvollziehen kann. Doch genau das zeigt ein Grundproblem unserer Zeit: Jeder handelt nur noch im eigenen Interesse. Sogar in einem kleinen Dorf, das doch eigentlich den Inbegriff von Gemeinschaft darstellen sollte. Wie soll dann Weltpolitik funktionieren? Der Roman gibt zwar eine differenzierte Einordnung, moralisiert aber nicht. Statt dessen geht Juli Zeh mit ihren Charakteren respektvoll und wohlwollend um. Man merkt, dass sie gelernt hat, sie einfach nur zu beobachten und ihnen zuzuhören, wenn sie etwas zu sagen haben. Auch als Leser kommt man in dieses Empathie-Dilemma. Selbst Todfeinden möchte man nur das Beste wünschen. Am Ende gibt es – wie bei jeder Schlacht – keine wirklichen Gewinner. Außer dem Leser, der hier auf den Punkt unterhalten wurde.

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14 Kommentare zu “„Unterleuten“ von Juli Zeh

  1. Liebe Karo,
    „Unterleuten“ liegt schon auf dem Osterfeiertagsstapel (neben anderen dicken Brocken, mal schauen, was ich so zu lesen schaffe…) und ich freue mich sehr auf die Lektüre nach dem Lesen Deiner Besprechung. Schön ist ja auch einmal wieder so ein richtig üppiger, dicker, praller Roman, mit vielen Figuren und ihren Interessen und Konflikten und vielleicht auch kleinen Schrulligkeiten, in den man so richtig abtauchen kann. – Neben dem Großstadtroman scheint es ja eine Tendenz im deutschen Roman zu geben, den Schauplatz in die Provinz zu verlegen. Da könnte man ja erst einmal sagen: oh je, wie provinziell, jetzt gucken wir auch noch in die verstaubte, langweilige deutsche Dorfküche und beobachten irgendwelche hinterwäldlerischen Dorfgestalten bei ihrem Treiben. Wahrscheinlich, Du hast das ja auch geschrieben, ist aber gerade dieses abgeschlossene Biotop so interessant, um im Kleinen die Probleme des Großen darzustellen und zu durchleuchten. Ich bin jetzt jedenfalls sehr neugierig auf die Provinz „Unterleuten“.
    Viele Grüße, Claudia

    • Liebe Claudia,
      ich glaube, für die Osterfeiertage ist „Unterleuten“ eine ganz herrliche Lektüre! Weil man eben ein wenig mehr Zeit hat und das Buch zwar schlau, aber auch vergnüglich ist. Ich liebe ja auch dicke Gesellschaftsromane, die ein Zeitpanorama einfangen und verschiedene geistige Strömungen aufzeigen. Ich habe in „Unterleuten“ viele tolle Sätze über den aktuellen Zeitgeist gelesen, die mir jetzt noch im Kopf rumschwirren. Der Roman ist wirklich große Weltpolitik im Mikrokosmos eines kleinen Dorfes.
      Dass die Literatur die Provinz wiederentdeckt, dass habe ich beim Schreiben meiner Rezension übrigens auch gedacht, z.B. Nis-Momme Stockmanns „Der Fuchs“. Aber da ich das noch nicht gelesen habe, wollte ich darüber dann lieber doch nicht schreiben. Ich glaube auch, dass darin keine romantische Sehnsucht nach dem geordneten, idyllischen Dorfleben liegt, sondern dass man das Unbegreifliche der globalen Welt durch diese Verkleinerung begreiflicher machen kann. Und wahrscheinlich liegt da auch eine gewisse Müdigkeit nach diesen vielen Großstadtromanen drin. Irgendwie ist „Unterleuten“ zwar auch ein Berlin-Roman, aber zum Glück einer, in dem Berlin kaum vorkommt. Mir ging dieser ganze Hauptstadt-Hype in der Literatur irgendwann tierisch auf die Nerven. Ich behaupte jetzt einfach mal, außerhalb Berlins interessiert niemanden Berlin. So!
      Herzlichst, Karo

      • 🙂 Haha, da schließe ich mich Deiner Berlin-Müdigkeit gerne an. Und Hamburg sollten wir nicht vergessen, da spielen ja die anderen Großstadtromane, wenn sie eben gerade nicht in Berlin spielen. – Und ich dachte beim Lesen Deiner Besprechung auch genau an den Stockmann´schen „Fuchs“. Der zweite „dicke Dorfroman“ allein in diesem Frühjahr. Es lässt sich wohl bestimmt die Vielfältigkeit der Lebensentwürfe besonders gut im Dorf zeigen, da, wo die Menschen gezwungenermaßen zusammentreffen müssen. In der Großstadt würde jede Gruppe in ihrem „Biotop“ abtauchen, da sind die Konflikte nicht so umittelbar sichtbar. – Und da ich ja bisher nur ganz positive Besprechungen gelesen und letzte Woche auch bei kulturzeit gesehen habe, freue ich mich auf Ostern!

    • Wow, da weiß ich jetzt gar nicht, ob sich Juli Zeh mehr geschmeichelt fühlen darf oder ich mich für meine Rezension. Wie auch immer: Danke für das Kompliment!

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