„Wir kommen“ von Ronja von Rönne

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Vom Titel her könnte Ronja von Rönnes Debüt Wir kommen auch ein Sexratgeber sein. Tatsächlich ist Ich-Erzählerin Nora in eine polyamoröse Beziehung mit Jonas, Leonie und Karl verstrickt. Mit Liebe hat das aber weniger zu tun, als mit der Angst vor dem Alleinsein und dem Wissen, dass heute auf nichts und niemanden mehr Verlass ist. Vier Säulen, heißt es im Roman, stützen besser als zwei und „wenn sie einzeln sind, tragen sie nichts, außer einigen Konzertplakaten, und niemand möchte eine Litfaßsäule sein.“

Ein soziales Netzwerk also, das allerdings nur bedingt tragen kann, wenn jeder im Grunde doch nur mit sich selbst beschäftigt ist. Mit den erzählerischen Mitteln eines Pop-Romans hat Ronja von Rönne ein Portrait über die Generation Selfie geschrieben, das zeitgeistiger nicht sein könnte, über eine Zustandsbeschreibung aber leider nicht hinausfindet.

„…ohne Kritiker wüsste ich gar nicht, was ich denken sollte, Zeitungen und Blogs gaben mir Meinungen vor, die ich vorbehaltlos annahm und als meine adoptierte. Es hatten eh schon genug Leute eine eigene Meinung, es würde nur komplizierter, wenn ich mich auch noch darum bemühte.“

Ronja von Rönne einfach doof zu finden, fällt nicht schwer. Und das ärgert mich ein bisschen. Denn ich traue ihr sehr viel mehr zu (als die meisten). Oder ich wünsche mir, dass mehr als eine gesunde Portion Kaltschnäuzigkeit hinter der provokanten Pose steckt. Ich finde, es braucht so Maulaufreißer wie sie – welche, die nicht lieb und nett sein wollen, sondern sich ausprobieren, sich auch mal verheben, in Meinungen, Widersprüchen, Uneindeutigkeiten. Ich finde, man darf das, wenn man Anfang 20 ist. Später nicht mehr so, dann wird’s peinlich. Ich stimme auch nur selten mit den Welt-Ansichten der Autorin überein, aber ich reibe mich gerne an ihren Texten und freue mich, dass ich überhaupt noch etwas anderes als Gleichgültigkeit spüre, wenn ich einen Feuilletonartikel lese.

„Ich weiß noch nicht, was ich heute Abend mache. Vielleicht markiere ich etwas mit >gefällt mir<.“

Dass sie schreiben kann, beweist die Autorin auch in ihrem ersten Roman. Dort findet sie großartige Worte für die Neurosen ihrer jungen Großstadt-Hipster, für ihre Panikattacken, Essstörungen, Depressionen. Vor allem leiden diese Figuren unter sich selbst und das macht sie rastlos und lethargisch zugleich. Deshalb hilft es auch nichts ans Meer zu fahren und eine große Party zu schmeißen, um sich selbst zu versichern, dass alles wieder gut wird. Natürlich hat man das bei anderen auch schon irgendwie so gelesen (sogar besser), bei Christian Kracht und Joachim Lottmann, bei Tilman Rammstedt, Jasmin Ramadan, Helene Hegemann, ja, auch bei Sarah Kuttner und schlagmichtot.

Aber Ronja von Rönne imitiert nicht einfach nur, sie hat einen klugen Pop-Roman über Pop-Romane geschrieben. Der übrigens – Zufall oder nicht – vom Cover her ganz ähnlich aussieht wie Moritz Baßlers Standardwerk „Der deutsche Pop-Roman – Die neuen Archivisten“ aus dem Jahr 2002. Was diese Pop-Archivisten wie Benjamin von Stuckrad-Barre in den Neunzigern noch nicht hatten, das ist die Enzyklopädie des Internets, die alles sammelt und nichts vergisst.

Und so sieht sich keine frühere Generation so stark mit der Tatsache konfrontiert, dass alles schon vor ihr da gewesen ist. Nicht nur in Sachen Literatur, Musik, Film oder Mode, sondern auch was Gefühle angeht. Es ist alles bereits gesagt und gefühlt worden, was es zu sagen und zu fühlen gibt. Google es einfach! Da nützt es auch nichts wie die Protagonisten ihre Smartphones in einem symbolischen Akt der Befreiung zu zerstören. Das digitale Kollektivgedächtnis lebt auch ohne dich weiter und wer einmal vom Baum der Erkenntnis genascht hat, dem wird auf deprimierende Weise klar: „Das sind die Zehnerjahre […] für all das gibt es Namen, jeder Schmerz, den wir empfinden, ist so ekelhaft normal […] Das war es, was wirklich wehtat.“

Hinter all den scharfzüngigen Metawitzen steckt also eine tiefe Sehnsucht nach Authentizität und Wahrhaftigkeit. Da sich Ironie und Ernst aber nicht so gut vertragen, geht die Rechnung für Ich-Erzählerin Nora nicht auf, für Ronja von Rönne allerdings schon. Denn sie erregt die Gemüter genau mit dieser „Vielleicht mein ich, was ich sage, vielleicht auch nicht“-Attitude. Der Roman lässt jedenfalls keinen Zweifel daran, dass sie selbst diese emotionale Abspaltung kennt, von der sie da erzählt.

Ich denke, da liegt die voyeuristische Faszination, die schon einen Literatur-Star wie Stuckrad-Barre aus der anonymen Masse herausstechen ließ. Und natürlich eine unverwechselbare Stimme, die auch Ronja von Rönne definitiv hat! Ob diese Stimme nun repräsentativ für eine ganze Generation ist, whatever, aber sie ist so verdammt nah am Puls der Zeit, näher geht’s nicht. Das heißt aber auch, dass dieses Debüt in zwei, drei Jahren bereits total veraltet klingen könnte. Wer weiß, ob sich Ronja von Rönne bis dahin aber nicht auch neu erfunden hat.

Abschließend kann ich mir in der Kategorie „Soundtrack zum Buch“ an dieser Stelle keinen besseren Song vorstellen als „Prinzessin Borderline“ von Isolation Berlin. Noch so ein Hype aus der Hauptstadt, der aus der Vergangenheit zu kommen scheint und zugleich nach Jetzt klingt. Ich möchte heute nicht mehr 20 sein.

 

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3 Kommentare zu “„Wir kommen“ von Ronja von Rönne

  1. Ich bin auch eine von denen, die mit Frau Rönne nicht viel anfangen können. Vielleicht weil sie so der Typ dünne zickige Tussi aus „gutem Hause“ ist, stets gelangweilt und frierend auf dem Schulhof des Gymnasiums Hof haltend, denen ich früher immer schon mit Wonne einfach gerne mal ein Dosenbier an den Kopf geworfen hätte 😉 Bin also alles andere als reflektiert, sollte mich ein bisschen schämen und stattdessen einfach unvoreingenommen mal etwas lesen von ihr, aber ich mag nicht.

    Deine Rezension habe ich sehr gerne gelesen, sehe auf der Metaebene auch alles ein, verzieh mich aber mit meinem Dosenbier in die Ecke und schmolle, weil ich keine Romane schreiben kann oder niemand mit mir Hof hält oder warum auch immer;)

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