„Frühstück mit den Borgias“ von DBC Pierre

IMG_20160501_221453

Ach, DBC Pierre, du Schlitzohr, deine Initialen sollten für „Dirty But Cool“, nicht für „Dirty But Clean“ stehen. Denn seit du mit dem Zocken und Saufen aufgehört und mit dem Schreiben angefangen hast, bist du einfach nur noch ne coole Sau. Noch heute – über zehn Jahre später –  reißt du andere mit deinem Debüt „Vernon God Little“ (im Dt. „Jesus von Texas“) vom Hocker und es scheint, dass nach dem Tod von Bernd Eichinger jetzt Werner Herzog den Stoff endlich ins Bewegtbild überführen wird. Filmpotential haben alle deine Romane. So wundert es auch nicht, dass dein neuester Streich Frühstück mit den Borgias vom Verlag als „skurril wie Wes Anderson“ beworben wird.

Denn nicht nur, dass Kino-Anderson und du dieselbe spleenige Exzentrik mögt, ihr seid auch beide große Ästheten. Eure Werke wirken wie aus der Zeit gefallen und gleichzeitig ihrer Zeit voraus. Eure Kulissen sind Retro und Avantgarde, trashig und exquisit zugleich. Eure Figuren scheinen in ihrer eigenen Parallelwelt neben der unseren herzuleben. In deinem letzten Roman Licht aus im Wunderland wollte sich der junge Held noch umbringen, um „den zerrenden Sog des modernen Lebens“ zu entgehen. Deine neue Hauptfigur Ariel Panik, ein 30-jähriger Informatik-Professor, ist technisiert bis in die Haarspitzen. Wenn er vor die Tür geht, trägt er Kapuzenpulli und Kopfhörer, um so wenig wie möglich von der Außenwelt mitzukriegen. Dadurch wirkt die virtuelle Welt auf ihn realer und die reale Welt virtueller.

Ausgerechnet dieser Computerjünger landet nach einem gecancelten Flug im Hotel The Cliffs an der englischen Ostküste. Ein Ort, an dem es kein Netz zu geben scheint und das modernste technische Gerät ein altes Transistorradio in brauner Lederhülle ist. Die einzigen anderen Gäste, die sich dauerhaft im The Cliffs eingerichtet haben, sind die Bordes. Die feinen Herrschaften (eher Hausbesetzer, wenn man die Hotelangestellten fragt, denn bisher haben sie keinen Cent locker gemacht ) werden jedoch nur die Borgias genannt, um auf jenes Adelsgeschlecht anzuspielen, das durch Mord, Betrug und Intrigen berühmt-berüchtigt wurde. Dass es sich dabei nicht bloß um einen schlechten Scherz handelt, erfährt der immer panischer werdende Ariel Panik bald am eigenen Leib: Nicht nur, dass sich ihm die irre Ziehtochter der Borgias, Gretchen, an den Hals wirft, daraufhin taucht auch noch die Polizei auf und Panik wird zum Hauptverdächtigen eines Verbrechens, ohne zu wissen, worum es eigentlich geht.

„Er hätte dableiben sollen. Wo es Netz gab, Vernunft und gerösteten Kaffee.“

Lieber DBC Pierre, du schreckst auch vor den absurdesten Einfällen nicht zurück und das ist gut so. Denn was ist bitte schön absurder als die Tatsache, dass Menschen heute lieber mit Bildschirmen kommunizieren als mit ihrem Gegenüber? Du machst dir einen Riesenspaß daraus vorzuführen, was passiert, wenn jemand, der an die Zukunft der künstlichen Intelligenz glaubt, auf eine Horde unberechenbarer Spinner trifft – und sich nicht vor einer Konfrontation in sein Smartphone flüchten kann. Mit dem einzigen funktionstüchtigen Handy weit und breit versucht sich die suizidale Gretchen die Pulsadern aufzuschneiden und wirft das Gerät anschließend ins Feuer. Und nicht nur Ariel Panik, sondern auch dem Leser wird langsam klar: Hier ist eindeutig etwas Seltsames im Gang. Etwas, das sich nicht mit logischen Algorithmen erklären lässt.

Eine schwarze Komödie auf das digitale Zeitalter zu schreiben, ohne dabei altbacken, verbittert oder überfordert von all dem Technikkram zu wirken, ist ein echtes Kunststück. Ein Kunststück, das genau dein Ding zu sein scheint, Peter. Mach einfach weiter so!

Advertisements

10 Kommentare zu “„Frühstück mit den Borgias“ von DBC Pierre

  1. Vielen Dank für diese schöne und informative Rezension. Das Buch steht bereits auf meiner Wunschliste und wird nach dieser Rezension wohl bald bei mir einziehen.

    Alles Liebe. Kerstin

    • Danke, Kerstin, für deine lieben Worte! Cool, dass du das Buch schon auf dem Schirm hattest und noch cooler, dass du es jetzt noch lieber lesen möchtest 🙂

  2. Hey Karo,

    spannende Rezension. Stecke grade mitten in „Frühstück mit den Borgias“ (ca. bei der Hälfte) und war schon mal neugierig, wie es dir gefallen hat 😉 Mal schauen, ob mich die Geschichte auch so mitreißen kann wie dich. Die Handlung scheint jetzt langsam in Gang zu kommen, Gretchen hatte grade erst ihren großen Auftritt – schauen wir mal, wie es weiter geht 😉

    LG Britta

    • Woah, Britta, wie ich sehe, scheinen wir eh einen ähnlichen Lesegeschmack zu haben! Sehr schön! Ich hoffe, bald auch auf eurem Blog eine Rezension zu den Borgias zu finden 😉 Ich habe extra nicht zu viel über den Inhalt des Romans verraten – du wirst beim Lesen bald herausfinden wieso … Herzlichst, Karo

      • Hach, das macht mich ja gleich noch mehr neugierig. Bisher muss ich allerdings sagen, dass es noch etwas vor sich hinplätschert. Ich werde weiter berichten 😉

        Liebe Grüße
        Britta

  3. Hallo Karo,

    die NEON hat dieses Buch so schön beworben, dass ich es mir spontan gekauft habe. Vielleicht hatte ich deswegen relativ hohe Erwartungen, die dann leider enttäuscht wurden. Die Figuren kamen mir platt und oberflächlich vor, irgendwie fehlte die Sympathielenkung, weswegen es mir bald ziemlich egal war, was geredet und gefühlt wurde. Vielleicht ist das DBC Pierres Stil (ich kannte den Autor zuvor noch nicht)? Wes Anderson macht es ja genauso. Trotzdem empfinde ich zum Beispiel für Margot und Richie Tenenbaum mehr Empathie als für Ariel, Gretchen und Co.

    Liebe Grüße
    frauktose

    • Ich muss zugeben, das Buch ist schon speziell und allzu euphorische Besprechungen können einen da schonmal in die Irre führen. Manchmal reicht es schon, wenn ein Autor „anders“ ist, um manche Kritiker (mich eingeschlossen) in Begeisterung zu versetzen. „Frühstück mit den Borgias“ ist an der ein oder anderen Stelle sicher etwas, nunja, fahrig , unterstreicht meiner Meinung nach aber dennoch die Ausnahmestellung dieses Autors.

  4. Du weißt was jetzt kommt, oder ? Klar – wieder ab auf die Wunschliste. Das klingt verdammt gut das Buch. Ich muss Vernon God Little nochmal vorkramen, das hab ich vor Jahren gelesen und kann mich gar nicht mehr richtig erinnern. Danke fürs Erinnern 🙂

    • …Und dennoch freue ich mich jedes Mal, wenn dir ein Buch gefällt 🙂 Ich muss dazu sagen, dass bisher nichts „Vernon God Little“ toppen konnte, aber das muss es ja auch nicht.

  5. Pingback: Netzalmanach April/Mai 2016 | notizhefte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s