„Was ich euch nicht erzählte“ von Celeste Ng

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„Lydia ist tot. Aber das wissen sie noch nicht.“ Dieser viel zitierte erste Satz aus dem Debüt Was ich euch nicht erzählte von Celeste Ng und das dazu gehörige Genre-Prädikat „Thriller“ lassen vermuten, dass sich im Folgenden düstere Abgründe in bester „Gone Girl“-Manier auftun. Hinzu kommt, dass man einem Roman, der zum „Amazon’s #1 Best Book of 2014“ gewählt wurde, nicht unbedingt Tiefgang zutraut. Tatsächlich entpuppt sich das Ganze jedoch als psychologisches Familiendrama, das sich in sanften, leisen Zwischentönen übt – und interessanterweise (dennoch) einen Nerv bei den Amerikanern getroffen zu haben scheint. So hält dieser US-Megaseller zwar nicht unbedingt, was das Teasing verspricht, vermag aber – vielleicht gerade deswegen – zu überraschen.

Nachdem die 16-jährige Lydia im Mai 1977 tot in einem See in der Nachbarschaft gefunden wird, steht schnell fest, dass es sich  wahrscheinlich um Selbstmord handelt. Nur Lydias Familie will davon nichts wissen. Während die Eltern lieber glauben, dass ein Verrückter in ihr Haus in der Kleinstadt Middlewood in Ohio eingedrungen ist, als sich vorzustellen, dass sich ihre Lieblingstochter in der Nacht heimlich davon gestohlen hat, meint der große Bruder Nath den Schuldigen in dem Nachbarsjungen Jack gefunden zu haben. Jack, der alle paar Wochen ein neues Mädchen auf der Rückbank seines Autos verführt und es in diesem Frühjahr auf Lydia abgesehen hat. Doch weil Nath die Vorzeichen ignoriert hat, traut er sich auch jetzt nichts zu sagen. Nur die kleine Schwester Hannah hat Lydia in der Nacht ihres Todes aus dem Haus schleichen sehen und kennt die Wahrheit über Jack. Aber auch sie fühlt sich deswegen schuldig und schweigt.

Schuld und Schweigen – sie klaffen wie eine offene Wunde in der Familie Lee, die man lieber ignoriert als verarztet. Wie kam es dazu, dass eine unauffällige 16-Jährige nicht mehr leben wollte? Wie hat es angefangen? „Wie alles: mit Müttern und Vätern. Mit Lydias Mutter und Vater, mit deren Müttern und Vätern.“ Und so geht der Roman über zwanzig Jahre zurück in die Zeit, um Antworten zu finden. Zurück an die Universität in Radcliffe, wo Lydias Mutter Marilyn als fleißige Studentin von einer Karriere als Ärztin träumt – nicht wie damals für Frauen üblich als Krankenschwester. Bis sie Lydias Vater James kennenlernt, der als einziger chinesisch-stämmiger Dozent am College ausgerechnet eine Vorlesung über das amerikanische Urbild des Cowboys hält. Ein Asiate, dachte sie. Sie hatte noch nie einen in natura gesehen.“ Doch während dies für die anderen Studenten Grund genug ist, das Weite zu suchen, verliebt sich Marilyn in James. Sie sieht in ihm den Außenseiter, als der sie sich häufig fühlt, und er sieht in ihr den amerikanischen Durchschnitt, zu dem er gerne gehören würde. Als die beiden heiraten, schließen sie einen Pakt: „keine Fragen mehr stellen, von jetzt an nach vorne blicken und nie zurück.“ Ohne es zu merken, fangen Marilyn und James an, ihre widersprüchlichen Wünsche und Sehnsüchte auf ihre Kinder zu projizieren. Vor allem auf Lydia.

Celeste Ng durchbricht die Erwartungen an einen typischen Thriller. Anstatt eines Mordes deckt sie ganz andere subtilere Verbrechen auf. Den versteckten Kleinstadt-Rassismus, dem die Lees im Alltag ausgesetzt ist. „Junge Asiatin im See ertrunken.“ titelt die Lokalzeitung von Middlewood, nicht Schülerinoder „Teenager“. Jede Diskriminierung ein feiner Nadelstich. Egal wie sehr sich die Familie bemüht, nicht aufzufallen, normal zu sein, sich zu integrieren, es nützt nichts. Celeste Ngs Sprache ist so zurückhaltend und diskret wie die Familie Lee selbst. So greift eines ins andere. Dass die Autorin so viel Fingerspitzengefühl beweist, wenn sie sich in jedes einzelne Familienmitglied eindenkt, liegt sicher auch daran, dass sie weiß, wovon sie schreibt. Auch sie war damals an ihrer Schule in Pittsburgh die einzige Asiatin. Vielleicht würde ihr Plot in der heutigen Zeit nicht mehr funktionieren, aber es scheint, als seien die amerikanischen Leser jetzt bereit, sich dem Thema ethnischer Ausgrenzung zu stellen, das sich in einer Welt zunehmender Diversität eben nicht mehr nur auf „schwarz“ oder „weiß“ beschränkt. Zumindest wäre dies eine mögliche Erklärung für den durchschlagenden Erfolg dieses Spannungsromans in den USA, der weder blutrünstig noch melodramatisch daher kommt. Eher entwickelt sich durch die Stille eine atmosphärische Dichte. Wie zum Beispiel, wenn die Mutter in Lydias Tagebüchern blättert und darin nur bedrückend leere Seiten findet. Leere Seiten, die alles und nichts sagen. Für Lydia kommt jede Hilfe zu spät, für ihre Familie vielleicht noch nicht.

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