„Binde zwei Vögel zusammen“ von Isabelle Lehn

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Wirklich, der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb ist nicht nur zu nichts nutze. Dann und wann mache ich dort eine literarische Entdeckung, die sich aufzusammeln lohnt. In diesem Jahr war es Isabelle Lehn mit einem Auszug aus ihrem ersten Roman Binde zwei Vögel zusammen, der jetzt auch in voller Länge erschienen ist. Schon allein die Idee über ein Kulissendorf zu schreiben, in dem Soldaten und Zivilisten Krieg spielen, fand ich neu und aufregend, was die Autorin daraus macht, ist aber mindestens genauso großartig.

Dabei musste Lehn gar nicht groß in die Phantasiekiste greifen, denn die ISAF trainierte den Umgang mit der afghanischen Bevölkerung tatsächlich in Rollenspiel-Camps mit ganz normalen deutschen Bürgern, die über die Agentur für Arbeit vermittelt wurden. Lehns Ich-Erzähler Albert, 28, ist einer der wenigen, der sich freiwillig in das Programm einschreiben lässt, denn er, ein freier Journalist (frei im Sinne von so gut wie beschäftigungslos), erhofft sich hier die Story seines Lebens. Die bekommt er auch, nur leider anders, als er sich vorgestellt hat. Dabei ist es wohl kein Zufall, dass der tragische Romanheld denselben Vornamen trägt wie Albert Camus, der mit „Der Fremde“ ein Schlüsselwerk über die Identitätskrise des modernen Menschen schuf.

Albert schlüpft in die Rolle von Aladdin, Besitzer des einzigen Cafés in dem fiktiven Dorf am Fuße des Marmalgebirges nahe Mazar-i-Sharif, das eigentlich auf einem US-Militärgelände am Rand der Fränkischen Alb liegt. In Aladdins Café sucht man ebenso vergebens nach Gästen wie in der ortsansässigen Schule nach Kindern oder in der Moschee nach Betenden. Die Tage bestehen aus endlosem Warten, das die Zeit zu etwas Groteskem zerdehnt. Das Aufheulen der Sirenen, die das Eintreffen der Truppen ankündigen, werden geradezu sehnsüchtig erwartet. Endlich gibt es ein Publikum vor dem die Statisten ihr begrenztes Repertoire an Bewegungen – Fegen, Umherlaufen, Feilschen – aufführen können wie Schaubudenfiguren in einem Diorama, denn „Unser Dorf muss belebt aussehen, so lautet die erste Regel des Spiels, in dem wir Figuren sind und zu tanzen beginnen, sobald jemand einen Blick auf uns wirft.“

Die Simulation des Spiels ersetzt für den Ich-Erzähler zusehends die Realität. Die Grenzen zwischen Aladdin und Albert verschwimmen. Wie alle im Dorf trägt er unter seinem Kostüm ein Sensorgeschirr, das anschlägt, sollte er von einem Schuss getroffen werden. Der Schweiß und der rostrote Staub vermischen sich unter dem Geschirr zu etwas, das auf ihn wie Blut wirkt. Die feine Naht zwischen Rolle und Ich reißt endgültig ein, als man eine Waffe auf Alberts/Aladdins Kopf richtet und er mit ansehen muss wie sein bester Freund Faruk „hingerichtet“ wird.

Nach sechs Wochen kehrt der junge Mann in sein altes Leben zurück, zu Freundin, Katze und lauen Sommerabenden mit Freunden und Flaschenbier, aber er ist nicht mehr derselbe. Nicht nur sein Körper hat durch das viele Rumsitzen die Ausmaße von Aladdin angenommen, auch sein Kopf ist von den Erfahrungen des anderen infiltriert. Albert wirft sich auf den Boden, wenn ihn der Blitz einer Fotokamera trifft wie das grelle Licht einer Blendgranate, und kann seiner Freundin doch nicht erklären, was mit ihm los ist. Er war ja nie im Krieg. Nicht wirklich.

„Wir“, sagt der falsche Faruk an einer Stelle, „sind ein Blick in die Zukunft, die neueste Kriegsspiele-Generation: Man spielte nicht länger Soldat, man war Zivilist, der den Kampf ums eigene Überleben antrat.“ Und Isabelle Lehn lässt in ihrem Roman keinen Zweifel daran, dass diese Zukunft bereits begonnen hat. Schon heute können wir kaum noch zwischen Realität und Inszenierung unterscheiden. Bilderwelten werden medial so stark vervielfältigt „wie eine Serie von Campbell’s-Soup-Dosen“, heißt es im Buch. Krieg als Massenware, Unterhaltungs- und Kunstform. Vom Bild ist es dann nur noch ein konsequenter Schritt zum multimedialen Ereignis. Die Bodenkämpfe im Dorf-Camp wirken jedoch so täuschend echt, dass der Horror wiederum real wird.

Der Roman entwickelt durch die Tatsache, dass es sich nicht nur um ein reines Gedankenspiel handelt, eine große Dringlichkeit und Brisanz. Gerade weil Isabelle Lehn aus dem Stoff keine politische Doku, sondern ein psychologisches Drama um Identität und Entfremdung macht, verweist der Roman auch auf den Leser. So erliegt nicht nur der Romanheld der Kriegsästhetik, sondern auch man selbst kann sich dem beklemmend-schönen Schrecken dieses Hyperrealismus kaum entziehen. Was der Protagonist gegenüber Freunden und Bekannten nicht in Worte zu fassen vermag, gelingt zudem durch die Innenperspektive auf narrativer Ebene hervorragend. Das Hin- und Herspringen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Aladdins und Alberts Lebenswelt, identifikatorischem Erleben und distanziertem Beschreiben – in dieser Zerrissenheit blitzt das Ich umso schmerzhafter auf. Und dieses Ich ist ja bekanntermaßen auch immer ein Anderer.

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Ein Kommentar zu “„Binde zwei Vögel zusammen“ von Isabelle Lehn

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