„Das Unglück anderer Leute“ von Nele Pollatschek

deep read_Das Unglück anderer Leute

Neben der Doktorarbeit noch einen Roman schreiben? Klingt erst einmal ekelerregend streberhaft und nicht ganz geheuer. Lässt sich aber zumindest ansatzweise erklären, wenn man weiß, dass die Romanheldin genau wie die Autorin in Oxford Literatur studiert und nichts lieber tut als über Kurt Vonnegut und sein chrono-synklastisches Infundibulum zu sinnieren. Geschickte Zweitverwertung nennt man das wohl. Ansonsten kann man für Nele Pollatschek nur hoffen, dass die Parallelen zu Thene, der Ich-Erzählerin ihres Debüts Das Unglück anderer Leutedamit erschöpft sind. Denn Thene ist mit einer schrecklich-netten Patchwork-Familie gestraft, deren „Meschuggesein“ einem alles verschlingenden schwarzen Loch gleicht. Oder ist es doch eher ein Wurmloch? Darüber sind sich Thene und ihr pubertierender Halbbruder Eli nicht ganz einig…

Erstaunlich, dass ein Roman, in dem so scheinbar akademisch schlau daher geredet wird, gleichzeitig so federleicht sein kann. Noch erstaunlicher, dass eine Geschichte, die von einem wirklich tragischen Tod handelt, sich so amüsant liest. Das Problem ist nur, dass man nicht zu viel vom Inhalt verraten darf, weil man sonst alle Pointen bereits vorwegnimmt. Und das wäre jammerschade, denn dieses Debüt lohnt sich zu lesen! Es ist fresh, kreativ, unorthodox und daher am ehesten mit Antonia Baums ebenso furchtloser Familien-Dramedy  „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“ zu vergleichen. Nur, dass es hier nicht ein One-Man-Show-Vater ist, der alles und jeden auf Trab hält, sondern eine One-Woman-Show-Mutter.

Diese Mutter heißt Astrid und das Ausmaß ihres Egos wird direkt zu Anfang klar. Da sitzen Thene, ihre Oma und der Vater im Nachtflieger nach England, um am nächsten Tag Thenes Abschlussfeier in Oxford zu begehen. Vorher müssen sie Astrid aber noch von einem ganz anderen Flughafen einsammeln. Die Mutter hat sich zwar mehr oder weniger selbst zu der Feierlichkeit eingeladen, dennoch besteht sie darauf, persönlich aus Heathrow abgeholt zu werden. Obwohl sie mit dem Bus viel schneller in Oxford wäre. Trotzdem springen alle, „weil man mit deiner Mutter nicht diskutieren kann!“ so die ergebenen Worte von Thenes Vater über seine Ex-Frau.

Vor allem Thene fällt es jedoch schwer, Astrids Allüren einfach hinzunehmen. Wie auch? Auf ihrem Reportage-Blog setzt sich die Mutter für alles und jeden ein, nur für die Bedürfnisse ihrer eigenen Tochter fehlt ihr jedes Mitleid. Als Thene noch zu Hause wohnt, lebt sechs Monate lang ein übergewichtiger Arbeitsloser auf der Couch, der einen Bauchspeicheldrüsenkrebs vortäuscht, und als sie volljährig wird, überredet die Mutter sie beinahe dazu, einen kleinkriminellen, illegalen Einwanderer zu heiraten.

Aber auch der Rest der Familie ist nicht gerade das, was man unter „normal“ versteht: Der Vater war mal fünf Jahre lang verschwunden, die jüdisch-ostdeutsche Oma pflegt die freie Körperkultur, während die andere Oma sich schizophren gesoffen hat und das ist nur ein Teilausschnitt … was Eli, Thenes Bruder, zu der durchaus ernst gemeinten Frage verleitet: »Warum sind eigentlich alle in unserer Familie bekloppt?« Dennoch ist es keine überdrehte Freakshow, die Nele Pollatschek hier aufführt. Die Figuren wirken nicht stereotyp, auch wenn sie extrem gezeichnet sind. In dieser Extremheit polarisieren sie, vor allem Astrid: Für ihre Familie ist sie eine Rabenmutter, für alle anderen, denen sie mit Geld, Zeit oder falschen Papieren hilft, Mutter Theresa.

Wo wir wieder beim „chronosynklastischen Infundibulum“ wären, einem Ort, an dem alle Wahrheitsansprüche gleichzeitig gelten, und bei den durchaus tiefgründigen intellektuellen Kernfragen dieses Romans: Ist die eigene Familie immer die Beste aller Versionen dieser Familie? Hat man als Kind den Anspruch, von seinen Eltern mehr geliebt zu werden als alle anderen Menschen? Ein wenig schade, dass diese Fragen im Roman hinter Literaturwissen versteckt werden und nicht ganz zum Kern vordringen. Dennoch geht das Buch thematisch weit über einen rabenschwarzen Familienklamauk hinaus. Das ziemlich mit Bedeutung aufgeladene Ende, das einem abrupten Hammerschlag gleicht, wird deshalb sicher nicht jedem gefallen, aber zumindest wird es von „so ein Scheiß“ über „was soll das jetzt?“ bis „wie geil“ bei jedem Leser eine andere heftige Reaktion auslösen. Sagt mir Bescheid, wo ihr euch selbst auf der Reaktionsskala einordnet, wenn ihr es gelesen habt 😉

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3 Kommentare zu “„Das Unglück anderer Leute“ von Nele Pollatschek

  1. Pingback: Blogbummel August/September 2016 – buchpost

  2. Ich ordne mich auf der Reaktionsskala ganz oben ein: Pollatscheks Erstling ist eines der besten Bücher, die ich heuer gelesen habe – und das Jahr ist schon fast um und ich lese unheimlich viel. Der Roman ist hochintelligent, voller brillanter Analogien, Bildung wird auf nichtsterile Art umgesetzt, d.h.nicht einfach klugscheisserisch-elitär, sondern durchgearbeitet und erkenntnisgewinnend. Und: Schon lange hat mich keine literarische Gestalt mehr so berührt wie diejenige von Halbbruder Eli. – Kurzum: Der Roman ist ein Wurf, eine Wucht, eine Wonne. Er hallt noch lange in einem nach. Nele Pollatschek soll bitte weiter schreiben!

    • Wow, Anna, da hast du ja quasi eine Mini-Rezension rausgehauen, die jeden überzeugen sollte! Ich denke auch, gerade Vielleser, die mal wieder überrascht werden wollen, sind mit diesem Buch gut bedient. Liebe Grüße, Karo

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