„Morgen mehr“ von Tilman Rammstedt

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Tilman Rammstedt hat ein Problem, das jeder kennt: Er schiebt die Arbeit gerne so lange vor sich her, bis nichts mehr geht. Um sich selbst auszutricksen, stellte sich der Autor zu Anfang des Jahres selbst eine fiese, aber clevere Challenge: Er schrieb seinen Roman Morgen mehr unter den wachsamen Augen der Netzgemeinde. Jeden Tag ein paar Seiten. 64 Tage lang. Das Projekt schlug Wellen, sowohl als Schreibexperiment als auch Geschäftsmodell, denn erstaunlich viele Menschen waren bereit Geld dafür auszugeben, um online an der Textwerdung teilzuhaben. Aber war das Ganze jetzt einfach nur eine nette PR-Nummer oder ist hier wirklich ein guter Roman herausgekommen?

Diese Frage hätte ich selbst gerne beantwortet. Allerdings ist es mir schier unmöglich den Text losgelöst von den besonderen Umständen seiner Entstehung zu (ver)urteilen. Es ist nun einmal so, dass jeder gute und schlechte Tage hat. Auch Schriftsteller sind Menschen. Zum Glück hatte Rammstedt während des Projekts viele gute Tage. An schlechten jedoch tritt die Handlung auf der Stelle, weiß nicht wohin mit sich selbst. Aber das ist okay, denn was den Autor viele Stunden mühevoller Arbeit gekostet hat, kostet den Leser vielleicht gerade mal zwei, drei Minuten seiner Lesezeit. Wer  – wie ich – jedoch nur die final lektorierte Buchversion kennt, fragt sich an der ein oder anderen Stelle vielleicht schon, was genau noch am Roman „geputzt, frisiert und hübsch gemacht“ wurde, wie es so schön auf der Verlagsseite heißt, wenn die Erzählung immer noch voller redundanter „Was bisher-geschah“-Momente steckt oder der Ich-Erzähler die Handlung durch seine „In-dem Moment-dachte-ich“-Bemerkungen ausbremst. Auf knackigen 224 Seiten ist das aber sehr gut auszuhalten.

Ein weiteres Faszinosum dieses Fortsetzungsromans ist, dass er nicht nur schreibtechnisch von einem Wettlauf gegen die Zeit handelt. Wie der Titel „Morgen mehr“ bereits anklingen lässt, lebt auch die Story selbst von einem Versprechen, das in der Zukunft eingelöst werden soll. Der Ich-Erzähler ist nämlich noch nicht einmal geboren. Es bleiben ihm genau 24 Stunden Zeit, seine Eltern dazu zu bringen, ihn zu zeugen. Nur leider haben seine Eltern sich noch nicht einmal kennengelernt. Sie befinden sich noch nicht einmal im selben Land. Während die Mutter in Marseille dabei ist, Punkt 19 der Bucket-List ihrer toten Schwester abzuarbeiten: „Mit einem schwermütigen Franzosen schlafen“, droht der Vater gerade in Frankfurt am Main in eben diesem Main zu ertrinken.

Wie Rammstedt es schafft, diese beiden Menschen ausgerechnet in Paris, der Stadt der Liebe, aufeinanderprallen zu lassen, das ist schon abenteuerlich, skurril, aber auch auf ganz rührende Weise komisch. Manchmal aber auch Jonas Jonasson-mäßig over the top. Wer würde bei einer albernen Verfolgungsjagd auf dem Eiffelturm mit einem blökenden Schaf, einem Gangsterboss in Pyjamahosen und einer zerrupften Braut nicht an den „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg“ & Konsorten denken? Es gibt jedoch auch die ganz großen Glücksmomente in diesem Roman. Vielleicht mag es an meiner Babykugel liegen, aber die ersten zwei Kapitel über das „Geboren werden“ sind das mit Abstand Schönste, was ich seit langem gelesen habe. Und auch andere wunderbare Einfälle wie das Verhör eines Hammers („Nun, ich bin kein Psychologe. Ich bin ein Hammer. Und wir Hämmer sind nicht gerade für unser Einfühlungsvermögen bekannt.“) oder die Befragung der Sehnsucht („Ich mache nur meinen Job. Ich zeige auf, was alles fehlt.“) sind keine Lückenfüller, sondern kleine Glanzstücke.

Deshalb würde ich sagen: Experiment geglückt! Ein Roman, der unter Zeitdruck entstanden ist, liest sich zwar tatsächlich anders, achterbahnartiger und weniger stringent als ein Roman, der nach und nach gereift ist, aber die Umstände scheinen hier gepasst zu haben: Ein Autor wie Tilman Rammstedt, den Deadlines nicht zu lähmen, sondern zu beflügeln scheinen (wobei man ihm seine Schreibblockaden dadurch in Zukunft wohl weniger abkaufen wird), ein souveräner Lektor wie Jo Lendle, der permanent am Ball bleibt, und ein Plot, der auf Rasanz und Improvisation ausgelegt ist. Diese Geburt stand unter einem guten Stern.

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