Zum Filmstart von „Tschick“: Ein Interview mit Wolfgang Herrndorf

©Studiocanal

Als im Jahr 2010 der Coming-of-Age-Roman Tschick von Wolfgang Herrndorf erschien, ahnte niemand, dass sich die Geschichte um zwei Jungs, die in einem geklauten Lada in die Walachei brettern wollen, mehrere Generationen begeistern und sogar Eingang in den deutschen Literaturkanon finden würde. Jetzt hat der Millionenseller endlich auch seine eigene Verfilmung bekommen, die bestimmt nicht jeden Fan glücklich machen wird, aber mit Fatih Akin definitiv einen würdigen Regisseur gefunden hat. Wolfgang Herrndorf selbst hat die beispiellose Laufbahn seines ersten und einzigen Jugendromans nicht mehr miterlebt. Er starb am 26. August 2013.

Durch Zufall bin ich letztens beim Durchstöbern eines alten USB-Sticks auf ein Interview gestoßen, das ich mit dem Autor telefonisch zum Erscheinen von „Tschick“ geführt habe. Ich dachte, der Film ist ein guter Anlass, um das Gespräch nochmal ins Reine zu schreiben und zu teilen. Gedacht, getan.

Wie ist die Idee zum Buch entstanden?

Die Idee ist mir gekommen, als ich in den letzten Jahren wieder angefangen habe, Bücher zu lesen, die mir als Jugendlicher selbst gut gefallen haben. Aus zwei Gründen: Erstens, um zu gucken, ob sie wirklich gut und haltbar waren und zweitens um zu schauen, was für ein Mensch ich selbst gewesen bin, dass mir diese Bücher damals gefallen haben. Ich habe dann festgestellt, dass diese Sachen wie „Huckleberry Finn“, „Die Schatzinsel“, „Herr der Fliegen“ und so nicht nur alle sehr großartig sind, sondern dass sie auch alle merkwürdigerweise drei Gemeinsamkeiten haben. Erstens, die Eltern werden sofort eliminiert. Zweitens, es wird eine große Reise gemacht. Und drittens, es geht auf’s Wasser. Da hatte ich mich am Anfang rein technisch gefragt, wie ich so etwas machen wollte, wenn ich die Absicht hätte, einen Jugendroman zu schreiben in der Bundesrepublik des Jahres 2010. Ich bin dann auf diese Idee mit dem Auto gekommen. Da fehlte zwar das Wasser, aber das war das Einzige, was mir eingefallen ist. Ich hatte absolut nicht die Absicht, dieses Buch zu schreiben. Nur weil in fünf Minuten plötzlich dieser Plot vor meinen Augen stand, hab ich das mal aufgeschrieben. Tatsächlich hat sich das dann zum Roman ausgewachsen.

Stimmt, in den erwähnten Jugendroman-Klassikern fehlen häufig die Eltern oder Autoritäten überhaupt. In „Tschick“ aber gibt es ziemlich viele Erwachsene, die durchaus positiv oder sympathisch rüberkommen, z.B. der Lehrer Wagenbach, der schon auch eine Respektsperson ist, oder die alkoholkranke Mutter, zu welcher der Held ein sehr liebevolles Verhältnis hat. Ist das bewusst gewählt?

Das Positive war komischerweise eine der Bedingungen des Schreibens. Ich habe nebenbei einen sehr nihilistischen und wüsten Krimi geschrieben [„Sand“, 2011, Anmerk, d. Verf.], der mich selbst etwas deprimiert hat, sodass dieser Jugendroman mit einer explizit positiven Einstellung geplant war. Das war der Versuch eine freundliche Gesellschaft zu beschreiben, was an einer Stelle des Romans, glaub ich, auch explizit ausgesprochen wird, wo sich der Held darüber Gedanken macht wie nett die Leute eigentlich sind, obwohl sie [die beiden Hauptfiguren, Anmerk, d. Verf.] ständig mit ihnen in Konflikt geraten. Das liegt aber natürlich an den beiden Jugendlichen selbst, weil sie als Kleinkriminelle durch den Roman ziehen und folglich in Konflikt geraten müssen. Trotzdem stoßen sie immer wieder auf eine Welt, die im Prinzip sehr gelassen, sehr liberal und auch herzlich auf diese jugendlichen Ausreißversuche reagiert.

An einer Stelle wird auch das „Carpe Diem“ erwähnt. Gibt es so etwas wie eine Botschaft in dem Roman?

Das vage ich zu bezweifeln. Gewöhnlich plane ich keine Botschaften ein. Der Roman verdankt sich auch ein bisschen meiner eigenen Überraschung, die es für mich bedeutete, als Jugendlicher zum ersten Mal eine Reise zu unternehmen. Da war ich 16 oder so und auf einer Fahrradtour quer durch Deutschland und Schweden. Diese Überraschung festzustellen wie fremd einem einerseits diese Welt ist, wenn man ohne Erwachsene unterwegs ist, und wie nett und freundlich aber auch andererseits.

Was genau ist der Held des Romans – der ja keiner sein will – für ein Typ?

Die Erzählerfigur ist relativ inkonsistent zusammengesetzt, wie sich das für einen Jugendroman eigentlich auch gehört. So wie sein Kollege auch, mit dem er unterwegs ist, hat er einen großen Mangel an Weltwissen und Erfahrungswissen. Er weiß also sehr vieles über diese Welt nicht und steht dann überrascht vor den Problemen, die man hat, wenn man allein unterwegs ist. Auf der anderen Seite hat er darüber hinaus natürlich Urteile und Gedanken und eine Haltung gegenüber der Welt, die man als 14-Jähriger für gewöhnlich nicht hat. Also er beobachtet dann sehr genau und weiß auf dieser Ebene der Menschenkenntnis häufig Sachen, die er im Grunde nicht wissen kann. Das schien mir aus Spannungsgründen notwendig für die Figur.

Die Romanfigur des Tschick ist wiederum sehr detailliert gezeichnet …

Das war einfach in Erinnerung an meine eigene Jugend der Typus Freund, den ich immer gern gehabt hätte oder nach dem ich mir auch meine Freunde ausgesucht habe. Diese Begeisterung für‘s Asoziales, für‘s einem selbst völlig Fremde. Die Figur des Tschick ersetzt das Draufgängertum, das dem Erzähler selbst fehlt.

-ENDE

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6 Kommentare zu “Zum Filmstart von „Tschick“: Ein Interview mit Wolfgang Herrndorf

  1. Das ist ja ein richtiger Schatz, den du da gefunden und verschriftlicht hast. Schönes Interview, das mich in Gedanken an den verstorbenen Herrndorf ganz wehmütig werden lässt.
    Liebe Grüße
    Juliane

    • Liebe Juliane, ich bin zwar nicht sehr esoterisch veranlagt, aber dass ich gerade jetzt wieder auf diesen „Schatz“ gestoßen bin, kam mir dann doch wie ein Wink des Schicksals vor… Herzlich, Karo

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