„Nussschale“ von Ian McEwan

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So wirklich wusste ich nicht, worauf ich mich einlasse, als ich mir Nussschale von Ian McEwan zu Gemüte führte. Ich war einfach nur voll freudiger Erwartung, weil mir der letzte McEwan, Kindeswohl, so gut gefallen hatte. Die Gewissenhaftigkeit, die Ernsthaftigkeit und ja, auch der Realismus, mit dem der Autor an das heikle Thema Religionsfreiheit vs. Gesetzeslage heranging, fand ich beeindruckend. Ich war also erst einmal leicht irritiert, als ein acht Monate alter Fötus zu mir sprach, der wie die Parodie eines 400 Jahre alten Heldens in Strumpfhosen klang. Also so:

„Ich zähle mich zu den Unschuldigen, und doch spiele ich offenbar eine Rolle in einem Komplott. Meine Mutter, gesegnet sei ihr unablässig laut mahlendes Herz, scheint darin verwickelt zu sein. Scheint, Mutter? Nein, ist. Du bist. Du bist verwickelt. Ich habe es von meinem Anfang an gewusst. Lasst mich ihn heraufbeschwören, jenen Moment der Schöpfung, der übereinfällt mit meinem ersten Gedanken.“

Der hochgestochene Ton kommt jedoch nicht von ungefähr. Zum einen steht dem Roman jenes berühmte Zitat aus Shakespears Hamlet voran, in dem von der Nussschale die Rede ist, die dem unglückseligen Prinzen von Dänemark ein Königreich sein könnte. Ebenso bildet der Mutterleib für den ungeborenen Ich-Erzähler sein ganz eigenes kleines Universum. Zum anderen ist sein Vater auch noch der Lyrik verfallen. Leider ist er weder als Dichter noch als Verleger in der Lage mit dieser Liebe Geld zu verdienen. Bei seiner anderen großen Liebe, der jungen, hübschen Ehefrau und baldigen Mutter seines Kindes, hat er ebenfalls kein großes Glück. Sie hat ihn aus seinem eigenen Elternhaus heraus komplementiert. Angeblich benötigt die Hochschwangere ihre Ruhe, tatsächlich vergnügt sie sich mit dem strohdoofen Bruder des treudoofen Dichters – und plant mit dem Geliebten/Schwager den Mord an dem lästig gewordenen Ehemann.

So weit, so bekannt, diese olle Shakespear’sche Kamelle. Das eigentliche Drama spielt sich jedoch gar nicht in dem abbruchreifen Familienwohnsitz ab – der aufgrund der Londoner Immobilienpreise trotzdem immer noch Millionen wert ist – sondern in den warmen, lebendigen Wänden des mütterlichen Uterus. Hier wird der ungeborene Erzähler zum ungewollten Komplizen des Mordkomplotts an seinem Vater – lauscht, hofft, bangt, spekuliert (häufig befeuert durch den Wein, den die Schwangere literweise kippt) und weiß nicht, ob er sich auf die Seite seiner Mutter schlagen soll oder nicht. Alles was er weiß, ist, dass er leben will, „mein Anrecht auf eine Handvoll Dekaden“ geltend machen möchte. Aber was ist das für ein Leben, das ihn da draußen erwartet? Eines in der Obhut einer skrupellosen Mörderin und ihres heimtückischen Lovers? Eines bei Pflegeeltern aus der Unterschicht „mit Zucker, Fett und körperlicher Züchtigung“? Als Knastbaby mit einem Zellnachbar, der „will, dass der Fernseher den ganzen Tag läuft“? Zudem – wo das Baby gerade schonmal dabei ist, sich ein paar Gedanken zu machen – ein Leben in einer Welt der globalen Erderwärmung und Klimakatastrophen, Flüchtlingsströme, des religiösen Fanatismus und der heiligen Kriege.

„…ich habe vom jüngsten Gemetzel im Namen des Traums vom Leben im Jenseits gehört. Ein Blutbad in dieser Welt, Glückseligkeit in der nächsten. Frischbärtige junge Männer mit schöner Haut und Sturmgewehren auf dem Boulevard Voltaire, die in die schönen, ungläubigen Augen ihrer eigenen Generation schauen. Es war nicht Hass, der die Unschuldigen umbrachte, sondern Glaube…“

Die Erklärung dafür, woher dieses Ungeborene seine umfassende Bildung und Eloquenz nimmt, kommt mir allerdings eher hanebüchen vor. In unzähligen Podcasts und Radiobeiträgen, die seine Mutter so gerne hört, will es sich seine Kenntnisse über die Welt da draußen angeeignet haben. Was das für Podcasts sind, in denen man in 38 Wochen so klug wird wie andere in 100 Jahren nicht, möchte ich gerne wissen. Man muss diesen erzählerisch notwendigen, durchaus charmanten Einfall hinnehmen oder nicht – mir und meinem vielleicht zu fantasielosen Köpfchen fiel es schwer. Denn abgesehen von dem Geistreichtum des pränatalen Erzählers hat der Roman nicht viel Aufregendes zu bieten.

Der kriminalistische Plot ist schnell auserzählt, geradezu banal. Alles dreht sich um die monologische Gedankenwelt des Fötus. Aber gleichzeitig ist dieses Über-Baby, das sich selbst und den Rest der westlichen Zivilsation gleich mit auf die Psycho-Couch legt, für mein persönliches Leseempfinden auch der größte Knackpunkt. Denn so ganz geht diese Perspektive nicht auf. Natürlich sollte man das Ganze nicht zu ernst nehmen, immerhin sprechen wir hier von einem vor sich hin philsophierenden Fötus. Und gerade die Gestelztheit dieses kultivierten kleinen Bauchbewohners ist immer wieder Anlass für unglaublich witzige Stellen, beispielsweise wenn es mal wieder unfreiwilliger Beteiligter beim Sex zwischen Mutter und Onkel wird: „Nicht jedermann weiß, wie es ist, den Penis des Rivalen seines Vaters nur wenige Zentimeter vor der eigenen Nase zu haben.“ 

Dennoch konnte ich mir nicht helfen und überprüfte während der gesamten Lektüre die Perspektive immer wieder auf ihre Persistenz. Woher zum Henker weiß der Erzähler, dass schwere Hochsommerwolken am Himmeln stehen, aber kein Mond? Woher hat er einen Begriff davon, dass der eingelegte Hering, den seine Mutter verspeist, nach einem „Hauch ozeanischer Gischt von jenen breiten, offenen Meeresstraßen, durch deren klare, schwarze, eisige Fluten Heringsschwärme einsam nordwärts ziehen“ schmeckt? Es ist und bleibt mir ein Rätsel wie das funktionieren soll. Ein Rätsel, das mich sehr viel mehr beschäftigt hat, als das Schicksal des Mini-Hamlets.

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2 Kommentare zu “„Nussschale“ von Ian McEwan

  1. Danke, liebe Caro! Ich hab deinen Text sehr gern gelesen. Mir war der kleine Ungeborene auch ein wenig zu schlau. Da kam einfach zu oft McEwans Autoren-Stimme durch. Schöne Grüße

    • Und ich dachte schon, ich bin die Einzige, die das so empfindet. Die Rezensionen, die ich gelesen habe (nachdem ich fertig war mit meiner eigenen Manöverkritik), waren recht unkritisch. Etwa nach der Hälfte war die Originalität der Erzählperspektive für mich jedoch verpufft und die letzten hundert Seiten fand ich dann, nun ja, etwas nervig.

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