Ellbogen von Fatma Aydemir

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An ihrem 18. Geburtstag will Hazal nur eine Nacht lang so unbeschwert Party machen wie alle anderen jungen Menschen in Berlin auch. Doch als sie und ihre Freundinnen vor einem Club abgewiesen werden, eskaliert der Abend. Hazal schubst jemanden vor die U-Bahn. Um einer Strafe zu entkommen, flieht sie nach Istanbul. In Ellbogen beschreibt Fatma Aydemir das Leben einer jungen Deutsch-Türkin, die hin- und hergerissen zwischen zwei Kulturen, die Orientierung verloren hat. Auch wenn Kritiker voll des Lobes für diesen Debütroman sind, möchte ich ein klein bisschen Kritik üben. Denn Aydemir beweist zwar einiges an Mut und Können, dennoch bleibt mir unklar, was sie mit ihrem Buch eigentlich sagen will.

„Es geht darum sich so zu bewegen wie alle anderen. So zu sprechen, sich so zu kleiden, so zu leben wie sie. Es geht darum, eine von vielen zu sein. Und dann in den paar Momenten, in denen keiner schaut, sein eigenes Ding zu machen.“

Milieuromane sind ja so eine Sache für sich. Woher weiß man, ob der Autor den richtigen Ton trifft, wenn man sich selbst nicht in dem Milieu bewegt? Wenn man eben keine 17-jährige Zuwanderertochter im Wedding ist, ohne Abi, ohne Ausbildung, ohne Perspektive, außer Heiraten und Kinder kriegen. Wenn man in einem liberalen Deutschland geboren ist, mit Primark, Rihanna und Facebook einerseits und einem traditionellen muslimischen Elternhaus andererseits, mit allerlei Regeln und Verboten, die speziell für Frauen gelten. Wie falsch es rüber kommen kann, wenn ein Autor schlauer schreibt als sein Romanheld denkt, hat man zuletzt bei Philipp Winklers „Hool“ erleben können. Diesen Fehler begeht Aydemir nicht. Hazal, ihre Ich-Erzählerin, kommt durchgängig plausibel rüber. Sie spricht Straße, aber nicht zu übertrieben. Zudem geht sie so kreativ mit ihrem begrenzten Wortschatzkästchen um, dass jedes Gefühl, auch die Sprachlosigkeit, mit Händen greifbar wird.

Das Ding ist: So wie Hazal und ihre Mädels-Clique klingen und sich verhalten, könnten sie auch Jungs sein. Sie kiffen, sie trinken, sie fühlen sich in der Gruppe stark und wenn ihnen einer dumm kommt, drohen sie mit Schlägen. Warum hat Aydemir also eine weibliche Perspektive gewählt? Wo es in der Realität doch junge Männer sind, die durch sogenannte U-Bahn-Attacken immer wieder Schlagzeilen machen. Macht das Geschlecht einen Unterschied? Oh ja. Es verändert alles. Das ahnt auch Hazal: „Und warum werfen Mädchen Typen vor U-Bahnen? Diese Frage ist ein bisschen schwieriger zu beantworten, weil sie sich vermutlich bisher keiner gestellt hat.“ Eben. Denn die traurige Wahrheit ist, dass junge Muslimas in der Regel noch unfreier aufwachsen als ihre männlichen Altersgenossen und trotzdem niemanden aus Frust umtreten.

Konnte oder mochte Aydemir sich also nicht mit einem männlichen Täter identifizieren? Aus dem Gewaltthema wird so ein feministisches. Was auch gut und wichtig ist, wenn sich jedoch beide Motive vermischen, auch für Verwirrung sorgen kann. Ist es Gleichberechtigung, wenn auch die Mädchen zuschlagen? Hat es das Patriarchat nicht anders verdient? Zumal Hazals Opfer auch nicht gerade sympathisch rüberkommt. Ein Jutebeutel tragender Student, der den Mädchen im Suff anbietet, ihnen seinen Penis zu zeigen. Dabei sind sie eigentlich gar nicht auf ihn wütend, sondern auf die Türsteher des Clubs, in dem sie Hazals Volljährigigkeit feiern wollten (Aus den Beschreibungen könnte man als Nicht-Berliner meinen, alle Clubs der Hauptstadt seien wie das Berghain, aber das nur am Rande.) Die Türsteher haben etwas in ihnen gesehen, was Hazal und ihre Freundinnen längst ahnen: Sie gehören nicht dazu.

„…ich verstehe, dass die Welt scheißungerecht ist und dass sie anders besser wäre, aber anders wird sie nie werden. Doch das liegt nicht an mir. Und dass ich das weiß, wird mir vielleicht nicht helfen so im praktischen Leben. Aber es hilft meinem Herz.“

Reue lässt Aydemir ihre Romanheldin nicht zeigen. Das ist eine starke Entscheidung, weil sie es einem nicht gerade leichter als notwendig macht Hazal als Opfer von Umständen zu sehen. Hinzu kommt, dass ihre politische Naivität und Unwissenheit manchmal kaum auszuhalten ist. In Istanbul taucht sie bei ihrer Facebook-Liebe Mehmet unter, der schon vor längerer Zeit wegen diverser Straftaten aus Deutschland abgeschoben wurde, und in der prokurdischen Anti-Erdogan-Bewegung mitmischt. Es sind die Tage vor dem Putschversuch im Juli 2016. Die politische Stimmung ist aufgeladen, doch Hazal kriegt davon nicht viel mit. Sie bewegt sich durch Istanbul als wäre sie immer noch im supertoleranten Berlin. Am Ende bleibt offen wie es mit Hazal weitergehen wird. Aber eine wirkliche Chance sah sie eh nie für sich, weder in Deutschland noch in der Türkei.

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5 Kommentare zu “Ellbogen von Fatma Aydemir

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  3. Hi, ich war sehr überrascht von diesem Roman, weil Aydemir mich auf einer Lesung zuerst nicht wirklich überzeugen konnte. Nach ganzer Lektüre dann aber eines der Debüts des Jahres. Vor allem fand ich auch den oft kritisierten Istanbul-teil gelungen. Der Vorwurf war ja oft: „nicht realistisch“. Aber der Roman war bis dahin schon nicht „realistisch“, Hazals Entwicklung auch in Berlin schon ein bewusst gewählter Extremfall – Ausgangspunkt eines literarischen Experiments. Und das lockere Hinnehmen des Weges vom pubertären Teen zum U-Bahnschläger sagt mE vielüber die Erwartungen mancher Leser… Aydemirs Istanbul funktioniert narrativ ganz ähnlich wie ihr Berlin. Vom initialen Unwohlsein über Alltagstiefschläge zur Eskalation. Dass man der Autorin das für den türkischen Teil des Romans nicht gelten lassen will, hat vielleicht gerade damit zu tun, dass die Autorin den Leser konsequent mit Istanbul-Kitsch verschont, überspitzt: dass in ihrer hektischen unabhängigen Großstadt kein Platz ist für die in Deutschland so geliebten Seitengassen, Orientmystik und den Hinterhofzauber zB eines Orhan Pamuk. Für mich (wie für dich wohl auch) ein wirklich starker Roman.

    • Vielen Dank, Sören, für deine Meinung! Ich würde gerne näher darauf eingehen, leider ist die Lektüre schon etwas länger her und Details aus dem Roman nicht mehr so präsent. Ich kann mich jedoch erinnern, dass ich mich an den Beschreibungen des Stadbildes aus Istanbul wenig gestoßen habe. Einfach aus dem Grund, dass ich Istanbul nicht kenne. Und welcher deutsche Leser, der die Stadt mal im Urlaub als Tourist besucht hat, kann das schon behaupten? Deshalb finde ich Kritik an diesem Romanteil schwierig. Was ich interessant finde, ist, dass du schreibst: „das lockere Hinnehmen des Weges vom pubertären Teen zum U-Bahnschläger sagt mE vielüber die Erwartungen mancher Leser“ … hast du erlebt, dass Leser das so locker hingenommen haben? Vielleicht war diesen Lesern bewusst, dass sie einen Roman lesen, in dem das „UBahntreten“ die höchste Eskalationsstufe eines inneren Konflikts der Heldin ist? Wie man es dreht und wendet, dieses Debüt bleibt kontrovers und in diesem Sinne absolut lesenswert.

      • Ich finde in jeder Feuilleton-Kritik, die dem Istandbulteil mangelnde Glaubwürdigkeit / Realismus gegenüber dem Berlinteil bescheinigt, schwingt die unhinterfragte Akzeptanz des Ubahntreter-Narrativs mit. Ich habe das damals für DieKolumnisten ausführlicher formuliert:

        „Aber gleich stellt sich der Kritikerreflex ein, den plötzlichen Einbruch des Politischen, noch dazu des unmittelbar zeitgenössischen in die scheinbar so typische, also zeitlosere Geschichte vom Aufwachsen als Deutsch-Türkin in Berlin als unrealistisch abzutun. Doch war der Roman bis dahin „realistisch“? Ist nicht Hazals Entwicklung auch in Berlin schon ein bewusst gewählter Extremfall? Ausgangspunkt eines literarischen Experiments? Sagt das lockere Hinnehmen des Weges vom pubertären Teen zum U-Bahnschläger nicht auch etwas über die eigene Leseerwartung? Und auf der anderen Seite: Ist es in der polarisierten Türkei des Jahres 2016 wirklich so abwegig, relativ schnell in die das Land bestimmenden Konflikte hineingezogen zu werden, wie oft kritisiert? Aydemirs Istanbul funktioniert narrative ganz ähnlich wie ihr Berlin. Vom initialen Unwohlsein über Alltagstiefschläge zur Eskalation. Dass man der Autorin das für den türkischen Teil des Romans nicht gelten lassen will, hat vielleicht gerade damit zu tun, dass die Autorin den Leser konsequent mit Istanbul-Kitsch verschont, überspitzt: dass in ihrer hektischen unabhängigen Großstadt kein Platz ist für die in Deutschland so geliebten Seitengassen, Orientmystik und den Hinterhofzauber zB eines Orhan Pamuk.“

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