„Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky

Die Ferien meiner Kindheit habe ich im Westerwald verbracht. Bis heute haben meine Eltern dort ein kleines Haus. Und obwohl es nur etwa 1 1/2 Stunden Autofahrt vom Ruhrgebiet entfernt liegt, ist es eine komplett andere Welt. Kühe, Wälder, Traktoren. In meinem Kopf ist das 200-Seelen-Nest, in dem dieses Haus steht, der Archetyp eines Dorfs geworden. Deshalb war ich voll freudiger Erwartung auf den Heimatroman Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky, der im Westerwald spielt.

Offen gestanden ist das namenlose Kaff im Roman allerdings weit an dem vorbei geschrieben, was ich kennengelernt habe. Ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen soll. Aber um nur ein Beispiel zu nennen: In „meinem“ Dorf gab es einen einzigen Tante-Emma-Laden am Ortseingang, der irgendwann schließen musste, weil die jüngere Generation lieber gleich zum Großeinkauf in den Nachbarort fuhr. In Lekys fiktivem Dorf dagegen ist nicht nur Platz für den hilfsbereiten Einzelhändler, sondern sogar für den gutherzigen Optiker, der sich für den Buddhismus interessiert und seinen Kopf gerne zum Nichtdenken in ein Perimeter steckt. Es ist eine sehr idealistische, fast märchenhafte Dorfwelt, die Leky da herbei eskapiert, aber sei’s drum. Ich glaube nicht, dass sie die Realität möglichst naturgetreu abbilden wollte. Was ich allerdings glaube, ist, dass sich jeder beim Lesen zwischenzeitlich wünscht, seine Welt möge ein wenig so sein wie die im Buch: heimelig, ein wenig wunderlich und bedeutsam. Völlig richtig also, dass niemand den Vater mit seiner ewigen Aufforderung „Ihr müsst mehr Welt hereinlassen.“ wirklich ernst nimmt.

Das Erfrischende an dieser Geschichte ist, dass es Ich-Erzählerin Luise gar nicht in die große Welt zieht. In den etwa zwanzig Jahren, die die Handlung umspannt, schafft sie es gerade mal in die Kreisstadt, um eine Buchhändlerausbildung zu machen. Die Menschen in diesem Roman sind sich aneinander selbst genug. Und das ist das eigentlich Schöne und auch Idealistische daran. Jeder zählt. Man kümmert sich. Selbst um die traurige Marlies, die eigentlich nicht traurig ist, sondern unglaublich schlecht gelaunt. Und wenn man wie die Romanheldin eine Großmutter Selma und einen Optiker in seinem Leben hat, die immer für einen da sind und einem die Welt erklären, geht man eh nicht weg. Sie sind die guten Geister in dieser Geschichte, die eigentlichen Kümmerer, die jede Krise mit klugen Sätzen, tröstenden Umarmungen und Mon Chéri-Pralinen auffangen.

Als Kind kommt es Luise sogar so vor, als hätte Selma (die aussieht wie Rudi Carrell oder besser gesagt: Rudi Carrell sieht aus wie Selma) die Welt mit erfunden. Tatsächlich hat die alte Frau einen Draht zu höheren Mächten, denn immer wenn ihr ein Okapi im Traum begegnet, stirbt jemand innerhalb der nächsten 24 Stunden. Nur wer, das verrät das Okapi nicht. Was die Dorfbewohner jedes Mal in helle Aufregung versetzt. „Als sei er [der Tod] nicht schon von Anfang an mit von der Partie, immer in der erweiterten Nähe, wie eine Tauftante, die das Leben lang kleine und große Aufmerksamkeiten vorbeischickt.“ Das tragische Element in diesem Roman ist, dass es natürlich immer die Falschen trifft (also nicht Marlies). Drei geliebte Menschen verliert Luise am Ende eines jeden Romanteils und es kommt auch für den Leser jedes Mal einer alles durcheinander wirbelnden Erschütterung gleich.

Und dann tritt tatsächlich ein bisschen Welt in den Westerwald. Oder genauer gesagt, es tritt ein buddhistischer Mönch aus dem Unterholz, in den sich Luise sehr, sehr verliebt. Doch wie es in Lekys Erzählung so geht: auch die Liebe ist tragisch. Denn der Mönch lebt nicht im Westerwald, sondern in einem Kloster in Japan, in das er dann auch zurückkehrt. Und natürlich schreibt man sich in dieser Romanwelt keine Emails, sondern echte Liebesbriefe. Hach. Schön. Keine Ironie.

Mariana Leky hat einen zauberhaften Publikumsroman geschrieben, über den es sich sehr gut schwärmen lässt, keinen Kritikerroman, den man spitzfindig auseinander nehmen sollte. Obwohl es da ein paar kleine erzählerische Ungereimtheiten (hallo personale vs. allwissende Perspektive!) und Süßlichkeiten (es wird wirklich viel umarmt) gibt. Aber man muss schon ein wenig wie die traurige Marlies sein, um das doof zu finden. Also werde ich einfach Folgendes tun: Ich werde dieses Buch an meine Mutter weitergeben und ich weiß, sie wird es lieben. Sie wird es an ihre Freundinnen weitergeben und die werden es lieben. Es wird (ähnlich wie bei „Blasmusikpop“) etwa ein Jahr dauern, bis es wieder den Weg zu mir zurückfindet und so soll es sein. Ein bisschen Welt hereinlassen.

Und wer beim Lesen ein bisschen Musik hören möchte, dem sei als Soundtrack zum Buch diese traurig-schöne Ballade von Julien Baker empfohlen. Find ich sehr passend. Auch textlich und so.

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5 Kommentare zu “„Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky

  1. Huhu!

    Die Rezension ist einfach wunderbar geschrieben, und das Buch klingt ebenfalls wunderbar. 🙂

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

  2. Pingback: [Bloggestöber]: #9 – Von Hypes und der Angst, etwas zu verpassen – Livricieux

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