„Was nie geschehen ist“ von Nadja Spiegelman

„Einen Schriftsteller in der Familie zu haben, ist genauso, wie mit einem Mörder verwandt zu sein“, zitiert Nadja Spiegelman in Was nie geschehen ist ihren Vater. Sein Name ist Art Spiegelman und er weiß, wovon er spricht. In seinem weltberühmten Comic Maus verarbeitete er das schwierige Verhältnis zu seinem Vater, einem Holocaust-Überlebenden. In ihrem eigenen Erinnerungsroman wird Nadja Spiegelman jedoch nicht zur literarischen Mörderin ihres Vaters, sondern ihrer Mutter. Und diese Mutter, Françoise Mouly, beweist Größe und Mut. Sie ist Verlegerin von Kinderbüchern sowie Art-Direktorin des US-Magazins The New Yorker und eigentlich, so Nadja Spiegelmann, ein „extrem privater Mensch“, der nie tratscht oder Geheimnisse verrät. Für das Buchprojekt ihrer Tochter gibt sie allerdings schonungslos offene Einblicke in ihre bewegte Vergangenheit. Was für ein Liebes- und Vertrauensbeweis!

Ähnlich wie Art Spiegelman für Maus seinen Vater interviewte, führte Nadja Spiegelman über Jahre Gespräche mit ihrer Mutter, um über sie zu schreiben. Natürlich will die Jungautorin auch etwas über ihre eigene komplizierte Beziehung zur Mutter erfahren, in deren Gegenwart sie sich häufig minderwertig fühlte – zu dick, zu faul, zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Eine Socke, die Nadja im Bad liegen gelassen hatte, konnte bei ihrer Mutter einen Tobsuchtanfall provozieren. Spiegelman sucht nach psychologischen Grundmustern und findet sie. In der schwer beschädigten Beziehung zwischen Mutter und Großmutter, Großmutter und Urgroßmutter. Vier Generationen von Frauen, die sich gegenseitig bekriegen und verletzen. So manche hier nacherzählte Anekdote erscheint so ungeheuerlich, dass man sie für erfunden halten könnte. Und das sind sie zum Teil auch, denn: „Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen sie, wie wir sie verstehen.“

So erzählt Mouly beispielsweise von einer Abtreibung, die sie mit 15 Jahren hatte. Obwohl sie das Kind behalten wollte, zwang ihre eigene Mutter sie zu diesem Schritt. Als Nadja die Großmutter darauf anspricht, lacht diese nur darüber, wie die junge Françoise damals versuchte, vor dem Schwangerschaftsabbruch aus dem Krankenhaus zu türmen. Für die eine ist diese Erinnerung bis heute eine traumatische, für die andere eine amüsante. Ihr Leben lang behandelte die Großmutter ihre Tochter mit einer Grausamkeit, die man sonst nur von den bösen Stiefmüttern aus den Märchen kennt. Aber auch sich selbst gegenüber ist Françoise Mouly zu einer erstaunlichen Härte fähig. Als Studentin folgt sie einem älteren Mann in seine Wohnung und wird vergewaltigt, was sie gegenüber ihrer Tochter mit den Worten kommentiert: „Es wäre an mir gewesen, es besser zu wissen.“ In Zeiten von #metoo ein geradezu unerhörter Gedanke. Aber er zeigt auf eindrückliche Weise, wie sich Perspektiven über eine einzige Generation hinweg verschieben können.

In „Was nie geschehen ist“ geht es also weniger um Fakten als um Fiktionen, die wir aus unseren Erinnerungen spinnen, um uns selbst als Person zu erfinden. Das wird besonders im zweiten Romanteil deutlich, der von Spiegelmans Annäherung an ihre Großmutter in Paris handelt. Denn in den Erzählungen der Großmutter stellen sich viele von Moulys Geschichten um hysterische Anfälle und Selbstmordversuche plötzlich ganz anders dar. Die Fiktionalität von Erinnerung wird dadurch mit aller Wucht und Heftigkeit deutlich. Bis zu dem Punkt, an dem Spiegelman selbst klar wird, dass sie die elegante Erscheinung ihrer Mutter jahrelang mit einem roten Lippenstift assoziiert hat, den diese gar nicht trug. Das bedeutet gleichzeitig, dass alles, was man als Leser zuvor erfahren und geglaubt hat, vielleicht gar nicht so stimmt. Das hinterlässt einen bitteren Beigeschmack, der einem die Lektüre einerseits im Rückblick etwas verleidet (vielleicht hätte dieser Roman über die Mutter mit den Erzählungen der Mutter enden sollen), andererseits zeigt sich dabei genau das Phänomen in aller Deutlichkeit, dem die Autorin hier so blitzgescheit und in schillernden Farben nachspürt: Die Wahrheit kann für jeden Menschen etwas völlig anderes sein.

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Ein Kommentar zu “„Was nie geschehen ist“ von Nadja Spiegelman

  1. Pingback: Was nie geschehen ist – the lost art of keeping secrets

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